# taz.de -- Berliner Begegnungen: Ein paar Minuten Belangloses reden – ist das der Frieden?
       
       > In den grauen, stillen Tagen unterwegs in Berlin, auf den Spuren der
       > "Linie 1" - und am Schluss steht neben viel Ärger doch ein Lächeln im
       > Gesicht.
       
 (IMG) Bild: Ein Hund als wunderbarer Kommunikations-Booster
       
       Kurz vor Weihnachten, wenn der Ku’damm im schönsten Licht erstrahlt und der
       [1][Berliner Winter] für einen Moment harmlos wirkt, fuhr ich mit dem Bus
       durch Charlottenburg. Erst später begriff ich, dass ich mitten in einer
       Nachinszenierung einer Szene aus dem Westberliner Musical [2][„Linie 1“]
       gelandet war.
       
       Ein Mann, offensichtlich obdachlos, lag schlafend über zwei Sitze gebeugt.
       Seine Beine ragten in den Gang.
       
       Eine ältere Dame stolperte darüber. Das war nicht dramatisch, aber genug,
       um etwas in Bewegung zu setzen. Eine andere Frau, geschniegelt und empört,
       ging nach vorn zum Busfahrer. Wenig später wurde der Mann geweckt und
       hinausgeschmissen. Er verschwand wortlos in die Kälte.
       
       Ich mischte mich ein, leider zu spät, und fragte die Frau, ob sie wirklich
       einen Mann habe rauswerfen lassen, weil er geschlafen habe. Sie widersprach
       empört, ohne mich anzusehen. Nicht wegen des Schlafens, sagte sie. Wegen
       der Ordnung! Für solche Menschen gebe es Orte. Das sei gesetzlich geregelt.
       Sie wirkte zufrieden. Als hätte sie ihre Aufgabe erfüllt.
       
       ## Die großen Probleme bewältigen?
       
       Ich dachte an die Wilmersdorfer Witwen aus „Linie 1“: standesbewusst,
       korrekt, Verteidigerinnen einer Ordnung, „für Sauberkeit und Disziplin wie
       vor 50 Jahren“, die sich über eine schlafende Frau in der U-Bahn
       echauffierten. Ihr autoritärer Ton wirkt heute erschreckend aktuell. Obwohl
       – er war nie verschwunden.
       
       Der Moment im Bus beschäftigte mich tagelang. Ich fragte mich, warum wir im
       Kleinen so oft daran scheitern, wie wir miteinander umgehen – und
       gleichzeitig erwarten, als Gesellschaft die großen Probleme zu bewältigen.
       
       Fast hätte ich das Wort Menschlichkeit bemüht. Aber vielleicht geht es um
       etwas Profaneres: um die Fähigkeit, einen gemeinsamen Raum so zu gestalten,
       dass alle halbwegs unbeschadet durchkommen. In diesem Fall hieße das: Eine
       Frau sollte im Bus nicht stolpern. Und ein ruhiger, schlafender Mann
       sollte, weil er im Winter keinen anderen Platz hat, nicht aus dem Bus
       verschwinden müssen.
       
       Natürlich hat alles Grenzen. Auch die fortschreitende [3][Verelendung]
       kleinzureden, sie als Teil einer aufregenden Großstadt zu romantisieren,
       finde ich falsch. Den Betreffenden hilft das nicht. Sicher, eine
       Gesellschaft muss sich organisieren. Die Frage ist nur, ob das aus
       Aushandlung besteht oder aus dem Bedürfnis heraus geschieht, über
       Randständige bestimmen zu können, weil sie als Störung gelten.
       
       Kurz vor Weihnachten saß ich mit Freunden im Theater, in einem Stück von
       [4][René Pollesch,] und habe so herzlich gelacht wie lange nicht. Eine
       Frau, eine Reihe vor uns, drehte sich immer wieder um und blickte böse.
       Unser Lachen war etwas Ungehöriges geworden. Ihr Blick wollte es
       regulieren.
       
       Diese Zeit zwischen den Jahren, die sonst etwas Magisches hat, fühlt sich
       in diesem Jahr leer an. Die Kriege laufen weiter, die Nachrichten kennen
       keinen Feiertag. Und deshalb ließ mich der Gedanke ans Lachen nicht los.
       
       Mit etwas Abstand, jetzt hier an meinem Schreibtisch, kann ich über die
       Wilmersdorfer Witwe lachen, über ihren Starrsinn, über die Enge ihrer Welt,
       in der Ordnung immer wichtiger ist. Und auch über die Frau im Theater,
       deren Alltag Lebendigkeit fehlen muss, da sie nicht einmal in der Kunst
       Emotionen erträgt.
       
       Nach Weihnachten ging ich spazieren und begegnete einer Frau aus dem
       Nachbarhaus mit ihrem klassischen Rentnerhund: klein, hängendes Fell, ein
       Zöpfchen im Gesicht. Sonst grüßen wir nur, und sie schaut ernst bis böse.
       
       Diesmal rannte der Hund auf mich zu, im Weihnachtskostüm. Ich mag Hunde
       überhaupt nicht. Trotzdem hörte ich mich in dieser kindlichen Tonlage, in
       der Menschen immer mit Tieren reden, sagen: „Bist du etwa der
       Weihnachtsmann?“ Die Frau taute auf. Wir redeten ein paar Minuten
       Belangloses. Als ich weiterging, merkte ich, dass ich grinste.
       
       2 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=vHKU2EHhUSE
 (DIR) [2] /BVG-Musical-Tarifzone-Liebe/!5978315
 (DIR) [3] /Wohnungsnot-und-Sozialpolitik/!6138931
 (DIR) [4] /Berliner-Volksbuehne/!6043004
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erica Zingher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Grauzone
 (DIR) Weihnachten
 (DIR) Frieden und Krieg
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Grauzone
 (DIR) Kolumne Grauzone
 (DIR) Kolumne Grauzone
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Terror am Bondi-Beach: Ein Anschlag, der jeden einzelnen Juden trifft
       
       Parolen wie „Globalize the Intifada“ sind nicht Auslöser konkreter Taten.
       Aber sie schaffen ein Klima, in dem Gewalt gegen Juden legitim erscheint.
       
 (DIR) Mit dem Trauma leben: Was Heilung kostet – und wie sie gelingen kann
       
       Katastrophen zu überstehen heißt auch, keine Ruhe mehr zu finden in der
       Welt. Ein Beispiel dafür war die Holocaust-Überlebende Dita Kraus.
       
 (DIR) Endlich Frieden?: Als könne ein endloser Tag enden
       
       Ist der Frieden in Gaza wirklich da? Bleibt er? Noch sind die Geiseln nicht
       befreit, aber die Hoffnung ist konkret. Klar ist: Wir wollen leben!