# taz.de -- Idrissa Touré in der Serie A: In Leipzig durchgefallen, in Pisa Anführer der Aufsteiger
       
       > Der Deutsche Idrissa Touré ist das Gesicht von Aufsteiger Pisa in
       > Italien. Nach einem von der „Bild“-Zeitung aufgeblähten Fehltritt fing er
       > neu an.
       
 (IMG) Bild: Jetzt nimmt die Karriere Fahrt auf: Idrissa Touré gegen Parmas Lautaro Valenti
       
       Ein langer Ball, ein kraftvoller Sprung: Schon ist Idrissa Touré vorbei an
       Federico Dimarco und auf dem Weg in den Strafraum von Inter Mailand. Der
       italienische Nationalverteidiger schaut da nur noch hinterher, schüttelt
       leicht den Kopf und kann von Glück reden, dass in dieser Situation nur eine
       Ecke herausspringt. Touré dreht sich zu den Fans, ballt beide Fäuste.
       Tausende Kehlen brüllen zurück. Als hätten sie nur auf sein Signal
       gewartet. In der Curva Nord, wo die aktiven Fans des Pisa Sporting Club
       stehen, nennen sie den Deutschen ihren „Capo“. Ihren Anführer.
       
       Am letzten Sonntag im November spielt Inter Mailand in Pisa, [1][der
       Champions-League-Finalist] zu Gast beim Aufsteiger. In der Arena Garibaldi
       ist Feiertag. 500 Meter entfernt am Schiefen Turm geht es ruhiger zu als
       sonst. Die fliegenden Händler bleiben auf ihren Schirmen sitzen. 34 Jahre
       nachdem Pisa zuletzt erstklassig war, wollen an diesem Nachmittag alle
       dabei sein, wenn der große Klub aus Mailand in der Stadt ist. Bitter: Das
       in die Jahre gekommene Stadion mitten in der Stadt fasst nur knapp über
       10.000 Zuschauer. Selbst einfache Stehplatztickets sind gegen Inter online
       über 400 Euro wert.
       
       Die Euphorie in der Stadt hat viel mit Idrissa Touré zu tun. Dem Berliner,
       der in Moabit aufwuchs und später mit seiner aus Guinea stammenden Familie
       in den Wedding zog. In der Toskana fliegen ihm nun die Herzen zu. Er ist
       das Gesicht des Aufsteigers.
       
       Sein Tor zum 1:0 gegen Cremonese sicherte Pisa den ersten Sieg in der Serie
       A. Gegen den Mitaufsteiger blieb der 1,87 Meter und 84 Kilogramm schwere
       Modellathlet in der 75. Spielminute quasi in der Luft stehen, bevor er den
       Ball an den rechten Innenpfosten köpfte. Erst ließ sich Touré von seiner
       Mannschaft feiern, dann sprang er über die Werbebande und schlug sich mit
       dem Blick auf die Tifosi in der Curva Nord mit der flachen Hand voller
       Wucht auf sein Herz. Ikonische Bilder von einem, der in den vergangenen
       Monaten seinen Traum lebt. Einen Traum, der längst beendet schien.
       
       Vor neun Jahren leistete sich Touré einen Fehltritt, der ihn beinahe die
       gesamte Karriere kostete. Der sogenannte Shisha-Skandal machte den Kapitän
       der deutschen U19-Nationalmannschaft ungewollt berühmt. Über Nacht wurde
       aus einem Talent ein Skandalprofi. Touré: „Mein Handy hörte nicht mehr auf
       zu vibrieren. Es kam eine Nachricht nach der anderen. Ich dachte, das Ding
       explodiert“, erinnert sich Touré an einen Morgen im Oktober 2019. Die
       Bild-Zeitung hatte damals berichtet: „Feuer Skandal beim DFB. Wasserpfeife
       löst Brand im Hotelzimmer aus.“
       
       Touré fand sich auf der Titelseite der bundesweiten Bild-Ausgabe wieder.
       Der [2][Schwarze im Dress des deutschen Nationalteams] am medialen Pranger.
       Dabei war die Geschichte krass übertrieben. Tatsächlich handelte es sich um
       ein kleines Brandloch, welches entstanden war, weil einem Mitspieler von
       Touré Shisha-Kohle heruntergefallen war. Die halbe Mannschaft war in dieser
       Nacht auf Besuch im Zimmer des Jung-Nationalspielers und seines
       Teamkollegen Vitaly Janelt, der zu diesem Zeitpunkt auch bei RB Leipzig
       spielte.
       
       ## Aus Brandfleck wird Hotelbrand
       
       Doch nicht alle, sondern lediglich Touré und Janelt wurden vom DFB nach
       Hause geschickt. Die Bild bekam Wind von der Geschichte und machte aus
       einem kleinen Brandfleck einen skandalösen Hotelbrand. Eine Nachricht, die
       europaweit im Boulevard und sogar in TV-Nachrichten weiterverbreitet wurde.
       
       Zurück in Leipzig, mussten Touré und Janelt ihre Zimmer im
       Nachwuchsleistungszentrum räumen. Die RB-Entscheider, darunter der damalige
       Sportdirektor Ralf Rangnick, der Touré im Trikot von Tennis Borussia Berlin
       entdeckt hatte, ließen die Talente fallen. Janelt wechselte zum VfL Bochum
       und wurde Bundesliga-Spieler. 2020 ging er zum FC Brentford in die Premier
       League, wo er seither Stammspieler ist.
       
       Für Touré lief es schlechter: Er wechselte zur zweiten Mannschaft des FC
       Schalke 04 und stieg aus der Regionalliga ab. Danach ging es zur Zweiten
       von Werder Bremen. Die Karriere steckte tief in einer Sackgasse. Bis Tourés
       ehemaliger Berater von einem Anruf aus Italien berichtete.
       
       Claudio Chiellini, der Zwillingsbruder des Weltmeisters Giorgio, baute
       gerade bei Juventus eine U23 auf. Touré, der bei RB Leipzig auf sich
       aufmerksam gemacht hatte, sollte der Kapitän werden. Immer wieder durfte
       der Berliner bei den Profis mittrainieren, wo er damals auf Cristiano
       Ronaldo traf. Chiellini, einer seiner wichtigsten Förderer, wechselte dann
       2021 zwischenzeitlich als Sportdirektor zu Pisa und nahm Touré mit. In der
       Toskana reifte er seit 2021 zum Stammspieler, Publikumsliebling und
       Identifikationsfigur. In Deutschland ist er fast vergessen.
       
       Zurück in Pisa. Im Fanshop vom Sporting Club erklärt Mitarbeiter Matteo
       Alzapiedi Tourés Beliebtheit: „Alle lieben ihn hier. Von den Kindern bis zu
       den Ältesten. Ich denke, das liegt daran, dass er so nahbar ist. Seine
       authentische Art kommt bei den Menschen hier sehr, sehr gut an.“ Wenn Fans
       nach einem Trikot mit Nummer fragen, dann sei es fast immer Tourés 15,
       ergänzt Alzapiedi noch.
       
       Dabei spielen beim Aufsteiger inzwischen auch frühere Weltstars wie Raul
       Albiol, Welt- und Europameister mit Spanien. Allerdings ist der Abwehrrecke
       schon 40. Im Kader finden sich mit Michel Aebischer aus der Schweiz, Mbala
       Nzola aus Angola und Marius Marin aus Rumänien auch aktuelle
       Nationalspieler. Nicht zu vergessen: Juan Cuadrado. Der frühere
       Mittelfeldspieler von Juventus, Inter, AC Florenz und dem FC Chelsea ist
       aber auch bereits 37 Jahre alt.
       
       ## Es geht um Klassenerhalt
       
       In der Serie A geht es für den Aufsteiger vom ersten Tag an um den
       Klassenerhalt. Und so spielt Pisa auch. Es wird gekämpft und in erster
       Linie versucht, die Null zu halten. Im System von Weltmeister Alberto
       Gilardino ist Touré eine Art Joker. Im Ballbesitz des Gegners ist der
       Deutsche ein rechter Außenverteidiger. Mit dem Ball wird er zum
       Flügelstürmer. Immer wieder wird er mit langen Bällen gesucht, die er wie
       kein anderer annehmen und abschirmen kann. Dazu hat Touré ein gutes Auge
       und eine feine Technik. Er ist ein Straßenfußballer im Körper eines
       Zehnkämpfers.
       
       Dabei hat er erst in den vergangenen eineinhalb Jahren die perfektionierte
       Physis aufgebaut. „Groß war ich schon immer. Aber inzwischen mag ich das
       Gym. Ich liebe die letzte Wiederholung einer Übung sogar, wenn eigentlich
       nichts mehr geht“, erzählt Touré, der aber betont, dass er die Muskulatur
       behutsam aufgebaut habe. Touré: „Für mein Spiel brauche ich ebenso
       Beweglichkeit und Koordination. Nur blind Muskulatur aufzubauen, war nie
       mein Ziel.“
       
       In den italienischen Fachmedien loben sie den Deutschen nun als technisches
       Kraftpaket. Seit dem Aufstieg mit Pisa ist Touré in Italien zu einem Star
       der Hinrunde der Serie A geworden. Fast unbemerkt ist, dass Touré seit
       seinem Wechsel nach Pisa auch mental an sich gearbeitet hat. Der Berliner:
       „Ich bin in Kontakt mit einem deutschen Sportpsychologen, der mir sehr
       geholfen hat. Einmal wöchentlich sprechen wir uns im Videochat. Das Wissen
       hat mich mental viel stärker gemacht.“
       
       Touré erzählt vom Spiel gegen Cremonese Anfang November. Nach der ersten
       Halbzeit, in der er bereits ein, zwei Chancen hatte, ging er mit einem
       gezielten Selbstgespräch in die zweite Hälfte. „Du machst heute ein Tor“,
       sagte er sich immer wieder. Nicht weil er an Zauberei glaubt, sondern weil
       er sich sicher war, die nächste Abschlusssituation voll fokussiert zu
       nutzen. In der 75. Minute kam die Flanke von links, die Touré verwertete.
       Keine Faser in seinem Körper hatte Zweifel. Touré: „Manifestation heißt das
       in der Sportpsychologie.“
       
       ## Glück scheint perfekt
       
       Seit dem Herbst ist Touré zudem Vater eines Sohnes. Das Glück scheint
       perfekt. In jedem Fall ist aus dem Skandal-Kicker ein Musterprofi geworden.
       Einer, der sich um seine sportliche Zukunft keine großen Sorgen mehr machen
       muss. „Ich will mit Pisa in der Serie A bleiben, darum geht es in den
       kommenden Monaten“, sagt er, der längst die Begehrlichkeiten größerer Klubs
       geweckt hat. Aber das spiele für ihn keine Rolle. Auch angesprochen auf die
       deutsche Nationalmannschaft reagiert er wie ein ausgebuffter Profi: „Darum
       mache ich mir keinen Kopf.“
       
       Wenn er gewollt hätte, wäre er wohl in diesen Wochen auch [3][beim Afrika
       Cup] dabei gewesen. In Guinea, dem Geburtsland seiner Eltern, würden sie
       ihn gern im Team mit dem Dortmunder Serhou Guirassy einsetzen. „Wie gesagt,
       ich versuche in der Serie A meine Sache so gut wie möglich zu machen. Alles
       andere wird sich zeigen.“
       
       Beim Spiel gegen Inter, Ende November in Pisa, nahm sich Dimarco den
       aufmüpfigen Touré zur Seite. Vor der Ecke, die der Deutsche gegen den
       Italiener herausgeholt hatte, sagte der Inter-Star augenzwinkernd: „Jetzt
       mach mal ein bisschen langsamer, mein Freund. Das reicht jetzt.“ Solche
       anerkennenden Worte machen Touré stolz. Die Gefahr, abzuheben, sieht er
       nicht. Der Berliner lebt einfach weiter seinen Traum.
       
       2 Jan 2026
       
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