# taz.de -- HIldegard Knefs 100. Geburtstag: Die rauchige Stimme lässt rote Rosen regnen
       
       > Am 28. Dezember würde Hildegard Knef ihren 100. Geburtstag feiern. Was
       > bleibt von ihrem Erbe als selbstbestimmte Künstlerin, die nach 1945 ein
       > anderes Bild von Deutschland schuf?
       
 (IMG) Bild: Hildegard Knef in einer Szene des Films „Die Sünderin“ von 1951
       
       Vertrautheit manifestiert sich beim Namensgeben als erstes in der Sprache.
       Und so tauften die Deutschen ihre Chansonikone wahlweise „die Knef“ oder
       schlicht „Hilde“. Wie die nette Nachbarin von nebenan, mit der man
       nachmittags am Gartenzaun über die Tücken der Rosenzucht plauscht.
       
       Und in gewisser Weise war die 1925 in Ulm geborene Hildegard Knef genau
       das: eine faszinierende Künstlerin, deren Ausstrahlungskraft nicht in einer
       vermeintlichen Extravaganz lag, die ihr oft nachgesagt wurde. Sondern
       vielmehr in ihrer glaubwürdigen Normalität und Nahbarkeit. Diese Kunst des
       Alltäglichen spiegelt sich immer auch in Knefs Liedern wider, etwa bei „In
       dieser Stadt“ oder „Im 80. Stockwerk“, die beide zu Evergreens wurden.
       
       Dabei ist das Verhältnis zwischen der singenden Schauspielerin und ihrem
       Herkunftsland zu Lebzeiten alles andere als spannungsfrei. So beginnt ihre
       große Zeit nach 1945, als Deutschland infolge des Vernichtungskrieges von
       Hitler und seinen Helfern in Schutt und Asche liegt. Gleich im ersten
       deutschen Nachkriegsfilm, „Die Mörder sind unter uns“, steht Hildegard Knef
       1946 als Hauptdarstellerin vor der Kamera.
       
       ## Rollen in UFA-Propagandafilmen
       
       Der Film ist ein erstes, noch vages antifaschistisches Statement, das
       inmitten der postfaschistischen Ära keinesfalls nur auf Gegenliebe stößt.
       Dabei ist Knefs Weste alles andere als weiß – schließlich hatte sie noch in
       der Endphase des „Dritten Reiches“ Rollen in UFA-Propagandafilmen
       angenommen. 18-jährig führte sie in jener Zeit eine Beziehung mit dem
       Reichsfilmdramaturgen und Goebbels-Vertrauten Ewald von Demandowsky, der
       später von der sowjetischen Militäradministration hingerichtet wird.
       
       Dennoch schafft es Hildegard Knef, sich nach Kriegsende 1945 glaubhaft zu
       einem frühen Star eines neuen, vom Faschismus geläuterten Deutschlands zu
       inszenieren. Bald schon ruft Hollywood, und die Knef verlässt ihre
       zerbombte Heimatstadt Berlin. Wer sie in jenen Jahren bis zum Beginn der
       fünfziger Jahre, in der Bundesrepublik noch nicht kennt, nimmt spätestens
       1951 durch ihre Rolle in „Die Sünderin“ Notiz von ihr. In dem Melodram
       werden offen Prostitution und Suizid thematisiert, zudem ist in einer Szene
       Knefs entblößte Brust zu sehen.
       
       Im Land des industriellen Massenmords ein ungeheurer Skandal. Es wird nicht
       Knefs letzter bleiben. Ihre Reputation als international gefeierte
       Schauspielerin öffnet ihr schließlich auch über den Umweg des
       englischsprachigen Auslands das Tor zur Musikkarriere: So tritt sie etwa
       1959 in der BBC-Fernsehshow „The Hildegarde Neff Show“ in Erscheinung. Die
       Abwandlung ihres bürgerlichen Namens hat sich außerhalb des
       deutschsprachigen Raums trotz Knefs Widerwillen etabliert.
       
       ## Gleichzeitig sonore wie rauchige Stimme
       
       Erst 1963 veröffentlicht Hildegard Knef mit „So oder so ist das Leben“ ihr
       Debütalbum, dessen Titelsong später zu einem ihrer bekanntesten Stücke
       wird. Die musikalische Mischung aus Chanson, Jazz und anspruchsvollem
       Schlager und ihrer ganz eigenen, gleichermaßen sonoren wie rauchigen Stimme
       stößt auf große Resonanz, vielleicht, weil die Melancholie massentauglich
       wirkt.
       
       Den Großteil der Songtexte schreibt Knef selbst, was für jene Zeit im
       erweiterten Kosmos der Unterhaltungsindustrie – noch dazu als Künstlerin –
       ungewöhnlich ist. Immer wieder besingt sie in ihren Liedern die großen und
       kleinen Sorgen der Menschen: „Ich möchte am Montag mal Sonntag haben / Und
       nie mehr in drohenden Rechnungen graben / Ich möchte nach keiner
       Beförd’rung mehr streben / Und meinem Alltag den Abschiedskuss geben“,
       heißt es etwa in „Ich möchte am Montag mal Sonntag haben“ aus dem Jahr
       1966.
       
       ## Sie ruft Faszination wie Irritation hervor
       
       Wenngleich sie dem Etikett der Feministin skeptisch gegenübersteht, wird
       sie mit ihrer sanft renitenten Haltung und den Texten doch [1][schon bald
       zur Stichwortgeberin der zweiten Frauenbewegung]. Sich die Liebespartner
       selbst aussuchen, eigenes Geld verdienen, künstlerische Autonomie – all das
       ist in den fünfziger und sechziger Jahren in Westdeutschland weitgehend
       Männern vorbehalten.
       
       Zeugnis von ihrem nonkonformistischen Rollenverständnis legt auch ihr Song
       „Ich glaub, ’ne Dame werd’ ich nie“ aus dem Jahr 1968 ab. Darin singt sie:
       „Ich bin zu hungrig für Hungerdiät / Komm im Theater fast niemals zu spät /
       Sag, was ich denke; das alles verrät.“ Dass Hildegard Knef der männlichen
       Projektion von der weiblichen Einfalt widerstrebt, ruft in der Welt der
       Männer gleichermaßen Faszination wie Irritation hervor.
       
       In der Anfang dieses Jahres veröffentlichten Dokumentation „Ich will alles“
       ist eine Szene zu sehen, in der ein TV-Journalist die Knef mit folgender
       Anmaßung konfrontiert: „Wenn Sie erlauben, möchte ich eine
       Charakterisierung von Ihnen versuchen: naiv und trotzdem sehr berechnend,
       trotzig, unabhängig, aber gleichzeitig auch wieder anlehnungsbedürftig,
       tapfer, keine Frage, aber doch auch gelegentlich verzweifelt.“ Die
       Künstlerin zieht ihm den Stecker und antwortet kühl: „Sie machen aus mir 24
       Personen auf einmal.“
       
       In den 1970er Jahren erweitert die Sängerin und Schauspielerin ihr
       Portfolio. Von nun an ist sie auch als Schriftstellerin tätig. 1970
       erscheint ihre von der Kritik hochgelobte Autobiografie „Der geschenkte
       Gaul“. Fünf Jahre später folgt „Das Urteil“, in dem sie als eine der ersten
       Frauen überhaupt im deutschsprachigen Raum offen über die Zeit ihrer
       Brustkrebserkrankung erzählt. Ein Tabubruch und ein Skandal, wieder mal.
       Knef hatte sich an die Erregungsspiralen scheinbar gewöhnt.
       
       ## Comebackversuche in den 80ern
       
       Ende der siebziger Jahre zieht sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. In
       den folgenden Jahren gibt es Berichte, sie sei hoch verschuldet. Aus dem
       Umstand, dass sie mit Geld schlecht umgehen kann, hat sie nie einen Hehl
       gemacht. Ab den späten achtziger Jahren folgen mehrere Comebackversuche.
       1995 steht sie das letzte Mal auf einer Konzertbühne. Im Februar 2002
       stirbt Hildegard Knef schließlich im Alter von 76 Jahren.
       
       Kurz nach ihrem Tod erscheint mit „The Reform Sessions“ eine Compilation
       mit 16 Remixen von bekannten Knef-Songs. Produzenten wie DJ Koze, Andreas
       Dorau und [2][Hans Nieswandt überführen die Chansons ins elektronische
       Zeitalter]. Hans Nieswandt ist es auch, der 2012 ein komplettes Album mit
       elektronischen Neufassungen aus Knefs Werk veröffentlicht und das spröde
       und zugleich massentaugliche an der Figur Knef mit seinen Interpretationen
       unterstreicht.
       
       Auch im konservativen Lager hat man die Knef nicht vergessen. 2021 etwa
       wird Angela Merkel vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr im Rahmen des Großen
       Zapfenstreichs mit einer etwas hüftsteifen Bigband-Version von [3][„Für
       mich soll’s rote Rosen regnen“] aus dem Amt der Bundeskanzlerin
       verabschiedet. Und so bleibt Hildegard Knef, die am 28. Dezember 100 Jahre
       alt geworden wäre, auch über 20 Jahre nach ihrem Tod der große gemeinsame
       Nenner der Republik.
       
       27 Dec 2025
       
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