# taz.de -- Harald Welzer über Heimat: Wohnzimmer der Gesellschaft
> Demokratie, Zusammengehörigkeit und Solidarität müssen analog gelebt
> werden können. Deshalb braucht es multifunktionale Orte des Gemeinsamen.
> Das Editorial zur neuen taz FUTURZWEI.
(IMG) Bild: Eine Blaupause für das Wohnzimmer der Gesellschaft? Die Bibliothek „Oodi“ in Helsinki versammelt diverse Formen des Beisammenseins
[1][taz FUTURZWEI] | Er nervt. Nämlich der dümmliche [2][Luxus], mit dem
kritische Zeitgenossinnen und -genossen immer noch unterwegs sind, um im
Echoraum der Empörungskultur ihre Bedenken zum Ausdruck zu bringen.
Den Vogel zum letzten Heft hat ein Dr. W., firmierend als
Publizist/Politologe, abgeschossen: Er erkannte in unserem Titelbild zu den
[3][Zahlen des Grauens] „die jüdische Nase, krumm und groß, wie einst in
der Nazi-Propaganda. Und dazu irgendwas mit Geld“. Das fand er „widerlich“
und bat um umgehenden Rapport, welche Maßnahmen wir gegen uns nun zu
ergreifen gedächten. Leider, verehrter empörungsbereiter Dr. W., handelte
es sich bei der abgebildeten Figur um eine satirische Annäherung an Graf
Zahl, bekannt aus der Sesamstraße und bisher des Antisemitismus völlig
unverdächtig.
Wer einen Hammer hat, dem sieht alles wie ein Nagel aus. Und wenn wir heute
von der Verengung von Diskursräumen sprechen, dann geht die nicht zuletzt
auf die Empörungsprofis zurück, die irgendwann aus den sogenannten sozialen
Netzwerken gekrabbelt sind und die analoge Welt zu bevölkern begannen.
Inzwischen finden sie chamäleoneske Gestalt in [4][Markus Söder], [5][Jan
Böhmermann], [6][Wolfram Weimer] und allen weniger prominenten Versionen
von Dr. W., übrigens in allen denkbaren Gendern. Und sie nerven alle.
Denn sie sind ja selbst Produkte der Veränderung der kommunikativen
Landschaft durch absichtsvoll programmierte soziale Netzwerke, die ihre
Benutzer, wie Jaron Lanier schon vor einem Jahrzehnt sagte, zu Arschlöchern
machen.
## Moralische Empörung als intellektuelles Leitbild
Wie [7][Richard David Precht] und ich in unserem Buch Die vierte Gewalt
herausgearbeitet haben, führte die Irritation der etablierten medialen
Geschäftsmodelle durch die Direktmedien nicht etwa zu deren Besinnung auf
Faktoren, die ihre Qualität sicherstellen, sondern auf eine Übernahme der
Klamaukpraktiken aus den Direktmedien: Skandalisierung, Personalisierung
und Dekontextualisierung.
An die Stelle von Inhalten trat die moralisch grundierte Bewertung ihrer
Urheber, und das Motto „Der (oder die) geht ja gar nicht!“ wurde zum
intellektuellen Leitbild der medialen wie der politischen Klasse.
Da Dummheit infektiös ist, hat das zu einer immer noch wachsenden
Entkoppelung der etablierten Politik und der Leitmedien von der Lebenswelt
der Mehrheitsbevölkerung geführt, die von den allgegenwärtigen Spaltungs-
und Bubblebehauptungen gar nicht beeindruckt sind, ja, sich nicht einmal
gespalten und gebubbelt fühlen.
Das zeigt sich etwa in den 85 Prozent treu und brav verfassungstreue
Parteien wählenden Menschen bei der [8][Kommunalwahl in NRW]. Die
allermeisten Menschen gehen im Alltag freundlich miteinander um, üben zu
mehr als 40 Prozent Ehrenämter in Hospizen oder Sportvereinen aus, halten
den ganzen Laden am Laufen und glauben trotz aller Hysterisierung noch
nicht einmal an den baldigen Untergang des Abendlandes.
Da können [9][Merz], Söder, [10][Klingbeil], [11][Welt], [12][Bild] und
[13][FAZ] noch so exzessiv Keile zwischen die „Fleißigen“ und die
„Schmarotzer“ zu treiben versuchen und die Stadtbilder von allem säubern
wollen, was nicht nach weißen Oktoberfestbesuchern aussieht – die Leute
bleiben vernünftig und klug. Daher sind sie: die wichtigste Ressource für
die Demokratie und die freiheitliche Ordnung.
## „Wohnzimmer der Gesellschaft“ sind analoge Vergemeinschaftungen
Als Fachblatt für Demokratie und freiheitliche Ordnung sucht [14][taz
FUTURZWEI] nach Formen der analogen Vergemeinschaftung, etwa in Form von
„Wohnzimmern der Gesellschaft“.
So nennen die Finnen die Bibliothek Oodi in ihrer Hauptstadt Helsinki. Das
ist ein Ort, in dem man nicht nur Bücher ausleihen, sondern kochen, Videos
drehen, Dinge reparieren, Musik machen und sich ohne jeden Anlass treffen
kann. Am Eingang weist ein Schild auf die Funktion: „Jeder hat das Recht,
in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht.
[15][Rassismus] und Diskriminierung haben in dieser Bibliothek keinen
Platz. Oodi ist unser gemeinsames Wohnzimmer.“
Besser kann man die Bedeutung eines gemeinsamen Ortes für die
Stadtgesellschaft und für die [16][Demokratie] nicht formulieren: Das ist
unser gemeinsames Wohnzimmer. Wenn das jede Stadt, jede Gemeinde hätte,
könnte man sich die ganzen gut gemeinten Demokratie-Programme sparen.
Denn Demokratie muss, wie Vertrauen, wie Zusammengehörigkeit, wie
Solidarität, analog gelebt werden, und deshalb braucht sie analoge Orte der
Begegnung.
## „Oodi“ als Prinzip
Oodi ist ein großes Beispiel, das in unterschiedlichsten Formaten überall
nachgeahmt werden könnte. Und vieles gibt es ja schon:
[17][Volkshochschulen], [18][Kirchen], Gemeindehäuser, vielleicht auch
Kantinen oder Foyers von Rathäusern und Verwaltungen und viele Räume in
privatem Besitz sind vorhandene Orte für analoge Begegnungen.
Man muss ihnen nur ihre exklusiven Nutzungsbestimmungen abtrainieren und
sie öffnen als multifunktionale Begegnungsorte – das ist eine analoge
Strategie gegen die Zerstörung des Sozialen und damit eine Stärkung der
Demokratie.
Wir machen [19][dieses Heft] als Ausgangspunkt, um die Aufmerksamkeit auf
die vorhandenen Ressourcen der Demokratie zu richten, die sich in den
vernünftigen, klugen Menschen verkörpern, die diese Gesellschaft ausmachen,
stützen und bewahren.
Es wäre ja doch sehr schön, wenn auch die Politik und die Medien ihre
Aufmerksamkeit zur Abwechselung mal von den Deppen zu den Klugen wenden und
zu staunen beginnen würden, wenn sie zur Kenntnis nähmen, wie stark die
Fundamente der Demokratie bei uns sind – trotz Polykrise und Dauererregung.
All eyes on the people. Man muss den vernünftigen und klugen Menschen nur
die Räume bereitstellen, in denen sie analog reden, debattieren, Pläne
machen, streiten oder einig sein können. Und sich gut fühlen können, weil
sie sich vergewissern, Teil einer gemeinsamen Wirklichkeit zu sein.
Wir haben ein Portal geöffnet, auf dem man alle „Wohnzimmer der
Gesellschaft“ im Land finden und wo man sich selbst anmelden kann, wenn man
auch eines geöffnet hat – einmal im Monat, oder auch im Jahr, ohne Anlass
oder für ein Konzert, ein Dinner oder wozu man sich gern treffen möchte.
Ganz einfach.
🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°35
mit dem Titelthema „Wohnzimmer der Gesellschaft“ gibt es [20][jetzt im taz
Shop].
3 Dec 2025
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## AUTOREN
(DIR) Harald Welzer
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