# taz.de -- Linke Diskussionen: Konfliktvermeidung ist der falsche Weg
> Soziale Medien sind Dauerempörung plus Grölerei. Im real social life wird
> dagegen immer weniger diskutiert. Aus Rücksicht, Vorsicht? Jedenfalls
> ungut.
(IMG) Bild: Hier war die Stimmung noch prima
Gerade als es so richtig interessant wird, sagt mein Gegenüber: „Ist doch
egal. Davon müssen wir uns nicht die Stimmung vermiesen lassen!“
Die nächsten Sekunden lächeln wir. Wir schweigen in unsere Gläser, bevor
wir das Thema wechseln. Dabei hatte unser Thema gar nicht so viel
Vermiesungspotenzial. Die Gefahr für die Stimmung waren unsere
unterschiedlichen Meinungen dazu. Uneinigkeit gilt als Stimmungskiller.
Für mich war das nicht immer so. Ich habe viel diskutiert und gestritten.
Mit Gleichgesinnten und politischen Gegner*innen. Mal freundlich zugewandt
nach Verständigung suchend, mal scherzhaft zugespitzt, mal in wütender
Ablehnung.
Inzwischen beobachte ich im eigenen Umfeld eine starke Konfliktvermeidung
im direkten Gespräch. Im Netz wird gestritten oder eher gepöbelt. Es geht
um: schimpfen oder weiterscrollen? Auf der Straße wird protestiert. Es
werden offene Briefe verfasst und Statements abgegeben. Aber inhaltlich
diskutiert – im Café oder am Küchentisch, bei gegensätzlichen Positionen?
## Politische Uneinigkeit
Ich beobachte die Tendenz, bestimmte Dinge nur mit dazu passenden Personen
zu besprechen. Wir sollten überprüfen, wie viel Reibung wir im Dialog noch
zulassen. Meide ich beim Kaffee mit Freundin A Thema X und bespreche es
lieber beim Bier mit Freundin B, weil mir klar ist, dass B und ich uns da
einig sind?
Wenn ein Umfeld politische Uneinigkeit nicht zulassen kann, bedeutet das
auch, dass alle Sorge haben müssen, ausgeladen zu werden, wenn sie einen
Standpunkt offen aussprechen, der die Harmonie gefährden könnte. Und dass
Menschen sich nicht mehr verabreden, weil sie den Konflikt scheuen. Es gibt
viele Gründe für Einsamkeit. Vermeidung von inhaltlichen
Auseinandersetzungen sollte keiner sein.
Geht es um Diskriminierung und gesellschaftliche Machtstrukturen, ist ein
häufiges Argument gegen Diskussionen, dass diese für Betroffene härter ist
als für nicht Betroffene. Dass es ermüdend bis retraumatisierend ist,
beispielsweise über Rassismus, Antisemitismus, Ableismus oder
Queerfeindlichkeit zu sprechen. Doch unsere Bewegungen fanden Gehör, weil
Betroffene für sich selbst argumentiert, gestritten und gekämpft haben.
Niemand sollte sich erklären müssen.
Nicht für den eigenen Lebensentwurf oder gar die eigene Identität. Aber wir
sollten doch erklären können, warum uns etwas wichtig ist und innerhalb und
außerhalb unserer Communitys darüber streiten, welcher Weg der richtige
sein könnte, diese Missstände zu beheben. Immer kleinteiligere
Safespace-Momente zu bauen, bringt uns nicht weiter. Langfristig führt es
zu Spaltungen. Und wir verlernen nicht nur den Perspektivwechsel, sondern
auch das Argumentieren, verlieren theoretische Grundlagen und bleiben
rhetorisch untrainiert.
Lasst Konflikte zu. Debattiert mit Freund*innen und Gegner*innen und
lasst uns das Gespräch nicht abbrechen, wenn es interessant werden könnte.
Traut euch, zu widersprechen und haltet Widerspruch aus.
Zum Reden gehört auch Zuhören. Wir sollten nicht nur andere überzeugen,
sondern uns auch mal überzeugen lassen. Vielleicht besteht die Angst nicht
darin, andere Meinungen nicht aushalten zu können, sondern, dass eigene
Gewissheiten hinterfragt werden und wir ein wenig Erschütterung in unseren
Überzeugungen zulassen müssen.
27 Nov 2025
## AUTOREN
(DIR) Simone Dede Ayivi
## TAGS
(DIR) Empörung
(DIR) Kolumne Diskurspogo
(DIR) Social Media
(DIR) Gedenken
(DIR) Kolumne Diskurspogo
(DIR) Schwerpunkt Bundestagswahl 2025
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