# taz.de -- Abwasser von Schlachthöfen: Antibiotikaresistente Keime im Bach – Behörden prüfen nicht
       
       > Wenn Schlachthöfe Abwasser mit antibiotikaresistenten Keimen in Flüsse
       > einleiten, bleiben die Behörden meist untätig. Grund ist eine
       > Gesetzeslücke.
       
 (IMG) Bild: Zu Lebzeiten vielleicht mit Antibiotika behandelt: geschlachtete Hühner am Haken
       
       Der Goldbach in der nordhessischen Stadt Gudensberg wirkt idyllisch – aber
       in dem kleinen Gewässer hat zumindest bis vor kurzem eine Gefahr gelauert:
       Der dortige Geflügelschlachthof Plukon leitete in den Bach geklärtes
       Abwasser mit bakteriellen Krankheitserregern ein, die gegen Antibiotika
       resistent sind.
       
       Die Belastung weise auf ein „Risikopotential zur Kolonisierung bei Menschen
       im Falle von Kontakten mit den Wässern“ hin, steht in einem Bericht des
       Karlsruher Instituts für Technologie, das das Abwasser untersucht hat.
       Vermutlich gelangen die Keime durch Tiere in den Schlachthof, die im Stall
       mit Antibiotika behandelt worden sind.
       
       Bekannt geworden ist die Kontamination der Schlachthofabwässer nur, weil
       der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling die Analyse in Auftrag gegeben
       hatte. Denn: „Aktuell wird das Abwasser in Deutschland noch nicht
       routinemäßig auf antibiotikaresistente Erreger bzw. Resistenzgene
       untersucht“, wie das Bundesgesundheitsministerium der taz mitteilt. „Es
       liegt kein gesetzlicher Auftrag vor“, schreibt der für Gudensberg
       zuständige Schwalm-Eder-Kreis.
       
       Dabei sind krank machende Bakterien, die sich nicht mit Antibiotika
       bekämpfen lassen, ein großes Problem: Etwa [1][9.600 Menschen starben] laut
       Robert-Koch-Institut 2019, da sie sich mit solchen Keimen angesteckt
       hatten. Besonders kritisch sind Infektionen mit Bakterien, die gegen
       Reserveantibiotika resistent sind. Diese Medikamente sind das letzte
       Mittel, wenn alle anderen Antibiotika nicht mehr wirken. Doch auch diese
       Bakterien stecken immer wieder Menschen an.
       
       ## Starker Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung
       
       Die Bundesregierung setzt in ihrer Antibiotika-Resistenzstrategie vor allem
       darauf, beispielsweise durch Hygiene und Impfungen dafür zu sorgen, „dass
       weniger Infektionen auftreten und dadurch weniger Antibiotika eingesetzt
       werden müssen“. Sie will auch einen „verantwortungsvollen Einsatz“ von
       Antibiotika „zum Standard“ werden lassen.
       
       Häusling fordert besonders, den Verbrauch von Antibiotika in der
       Tierhaltung weiter zu senken. Denn in der EU wurden rund [2][60 Prozent der
       im Jahr 2021 bei Menschen und Tieren für die Lebensmittelproduktion
       verbrauchten Antibiotika] mehreren europäischen Fachbehörden zufolge beim
       Vieh eingesetzt.
       
       Es könne nicht sein, dass in der Hühnermast [3][die meisten Tiere] solche
       Medikamente erhalten, so Häusling. „In der Mast sollten keine
       Reserveantibiotika eingesetzt werden“, ergänzt der Hesse, der selbst
       Biobauer ist. Die Behörden müssten regelmäßig und flächendeckend das
       Abwasser von Hotspots wie Schlachthöfen und Krankenhäusern auf
       Antibiotikaresistenzen überprüfen. Das Abwasser solle von den Keimen
       gereinigt werden.
       
       Und er sagt: „Wir brauchen endlich eine echte Agrarwende hin zu Klasse
       statt Masse: weniger Tiere, bessere Haltungsbedingungen, robuste Rassen,
       Züchtung auf Gesundheit und eine Tierbetreuung, die ohne den massiven
       Einsatz von Antibiotika auskommt“.
       
       Aber würde das nicht zum Beispiel Fleisch verteuern? „Ist uns das billige
       Hähnchen steigende Gesundheitskosten und Leid von Patienten wert?“,
       entgegnet Häusling.
       
       Die Bundesregierung hat durch schärfere Regeln bereits erreicht, dass
       Landwirte weniger Antibiotika verbrauchen. Das dem Agrarministerium
       unterstellte Bundesinstitut für Risikobewertung hat in seinem jüngsten
       Bericht für die wichtigsten Nutztierarten zwar „positive Entwicklungen in
       einigen Bereichen“ festgestellt. Der Einsatz von Antibiotika sei „aber
       [4][nach wie vor in Teilen der Masttierpopulationen sehr hoch]“. Dass
       manche Höfe die Medikamente viel häufiger einsetzten als andere Betriebe,
       weise „auf weiteres Verbesserungspotential hin“.
       
       Immerhin werde das Abwasser großer Kläranlagen künftig routinemäßig auf
       antibiotikaresistente Erreger untersucht, kündigt das
       Gesundheitsministerium an. Das sehe die EU-Richtlinie zur Behandlung von
       kommunalem Abwasser vor, die Deutschland bis Ende Juli 2027 in nationales
       Recht umsetzen müsse.
       
       ## Abhilfe durch Ozonanlage?
       
       Der Geflügelschlachthof in Gudensberg hat zum Beispiel Ende Oktober im
       Hessischen Rundfunk versprochen, sein Abwasser künftig [5][mit einer
       Ozonierungsanlage] so zu reinigen, dass die Keime zerstört oder zumindest
       stark reduziert werden. Bereits Mitte November sollte das Abwasser von
       Plukon so sauberer werden. Ob das Unternehmen das geschafft hat? Eine Bitte
       der taz um Stellungnahme ließ es bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
       
       Das Regierungspräsidium Kassel bestätigte der taz jedoch, dass die Firma
       ihm den Einbau der Ozonierungsanlage Anfang November offiziell angezeigt
       habe. In jedem Fall leite das Unternehmen ab Mitte des Monats „keine
       industriellen Abwässer mehr in den Goldbach“ ein. Stattdessen gingen diese
       nun durch eine Leitung des Schlachthofs in den Fluss Eder. „Die Eder führt
       wesentlich mehr Wasser mit einer dadurch deutlich höheren natürlichen
       Reinigungskraft, sodass Abwässer hier schneller verdünnt werden“, so die
       Behörde.
       
       16 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Antibiotikaresistenz/FAQ/faq-node.html#entry_16948012
 (DIR) [2] https://www.ema.europa.eu/en/documents/report/ema-ecdc-efsa-fourth-joint-report-integrated-analysis-antimicrobial-agent-consumption-occurrence-antimicrobial-resistance-bacteria-humans-food-producing-animals-eu-eea-jiacra-iv_en.pdf
 (DIR) [3] /Massiver-Medikamenteneinsatz-bei-Mast/!5107512
 (DIR) [4] https://www.bfr.bund.de/assets/01_Ver%C3%B6ffentlichungen/Wissenschaftsberichte_deutsch/antibiotika-verbrauchsmengen-und-therapiehaeufigkeit-2024.pdf
 (DIR) [5] https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-abwasser-von-schlachtbetrieb-multiresistente-keime-in-bach-in-gudensberg-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jost Maurin
       
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       zu.