# taz.de -- Komponistin über elektronische Musik: „Es ist, als würdest du einen neuen Stern entdecken“
       
       > Für das Porträt der Dichterin Sor Juana: Das Marsyas Baroque Ensemble hat
       > bei der Komponistin Dorothée Hahne elektronische Intermezzi in Auftrag
       > gegeben.
       
 (IMG) Bild: Gedichtet hat Juana Inés de Asbaje y Ramírez de Santillana früh. Berühmt wurde sie unter dem Nonnennamen Sor Juana Inés de la Cruz
       
       taz: Frau Hahne, ging das Projekt Sor Juana vom Marsyas Baroque Ensemble
       aus? 
       
       Dorothée Hahne: Ja, absolut. Ich kannte das Ensemble vorher gar nicht. Sie
       haben mir einfach geschrieben, dass sie gerne bei mir Musik in Auftrag
       geben würden. Das sind natürlich immer die schönsten E-Mails! Wir haben uns
       dann online darüber ausgetauscht, um abzuklären, welche Vorstellungen und
       Erfahrungen sie haben. Denn zeitgenössische Musik ist das eine, aber mit
       Elektronik zu spielen, ist für Instrumentalist*innen meistens noch
       einmal sehr speziell.
       
       taz: Ja, davor schrecken auch viele zurück, die sich sonst gerne mit
       Gegenwartsmusik konfrontieren. 
       
       Hahne: Ja. Deshalb habe ich mich auch darauf spezialisiert, Elektronik
       gerade für klassisch ausgebildete Musiker*innen besonders zugänglich zu
       machen: Ich möchte, dass sich die Leute primär mit der Musik und nicht mit
       der Technik beschäftigen.
       
       taz: Reagiert Ihre Komposition auf die Alte Musik, die das Marsyas Baroque
       Ensemble in der Produktion interpretiert, oder auf die Lyrik der
       mexikanischen Dichterin Juana Inés de la Cruz (1648–1695), die porträtiert
       wird? 
       
       Hahne: Sie geht primär von den Texten aus: Das Ensemble hat Passagen aus
       dem Primero Sueño von de la Cruz ausgewählt. Seine zwei spanischsprachigen
       Musikerinnen haben die Texte für mich eingesprochen, sodass ich mit dem
       Klang der Sprache arbeiten konnte, mit dem vorgelesenen Wort. Man liest
       diese Texte von vor circa 400 Jahren und es ist, als würdest du durch ein
       Teleskop gucken und einen neuen Stern entdecken, von dem du zugleich weißt:
       Der ist alt. Das ist neu und doch alles Vergangenheit, was du da siehst. So
       einen Eindruck hatte ich von dieser Dichtung.
       
       taz: Die Produktion wird als „Musiktheater Portrait“ angekündigt: Wie
       szenisch ist Ihre Musik? 
       
       Hahne: Nur minimal. Ich habe drei Intermezzi geschrieben und in einem davon
       gibt es eine Stelle, an der die Interpretinnen acht Takte lang nur ihre
       Instrumente putzen sollen. Das macht zwar vielleicht auch Geräusche, aber
       die sind sekundär: Es geht da um die Geste, die sich mit meinen
       elektronisch bearbeiteten Klängen verbindet. In diesem Fall sind das
       Aufnahmen aus meinem Bienenstock. Dieser Klang von den an die 60.000 Tieren
       in ihrer matriarchalen, natürlichen Struktur, weckt sehr viele
       Assoziationen. Ich wollte dabei auch mit dem Stereotyp spielen: Frauen sind
       dafür da, um sauber zu machen. Deshalb sollen sie jetzt mal so tun, als
       würden sie ihre Instrumente zwischendurch schnell auf Hochglanz bringen.
       Das ist wie ein Zeitfenster, in dem das Klischee ausbricht.
       
       taz: Und die anderen Stücke? 
       
       Hahne: Das erste basiert auf den Sprachaufnahmen, die ich in einen
       elektronisch simulierten Raum versetzt habe. Da entsteht eine abstrakte
       Klanglandschaft, in der von der Sprache nur noch der Fluss und die Dynamik
       übrig bleiben.
       
       taz: Also eher eine Kulisse als selbst eine Aktion? 
       
       Hahne: Es ist quasi ein Klangteppich, über den sich die Musikerinnen mit
       dem dichterischen Text bewegen können. Im zweiten Intermezzo ging es mir um
       den Druck: Heute lesen wir ja oft nur noch vom Bildschirm ab, aber dass
       Menschen gedruckt haben, war unendlich wichtig. Es hat ja auch dazu
       geführt, dass Juanas hochemotionale und intelligente Gedankenwelt erhalten
       geblieben ist. Zu der habe ich auf dem Feld des Drucks nach dem absoluten
       Gegensatz gesucht.
       
       taz: Und das wäre …? 
       
       Hahne: Ein Kontoauszugsdrucker.
       
       taz: Oh. Ja, klar. 
       
       Hahne: Mein Konto wird vollständig online bedient. Also hatte ich meine
       Mutter gebeten, ein paar Monate keine Auszüge zu holen, um eine Sequenz
       aufnehmen zu können, die drei Minuten am Stück dauert. Dann bin ich nachts
       um 4 Uhr in die Sparkasse, habe diesen Drucker von allen Seiten
       mikrofoniert und aufgenommen. Der hat einen unglaublich zwingenden
       Rhythmus: Eine Einheit entsteht erst in dem Moment, in dem sich die
       Musikerinnen dem anpassen.
       
       12 Nov 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
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