# taz.de -- Russische Stimmen im Exil: Exodus von N.
> Die Schriftstellerin Linor Goralik hat die Stimmen russischer Emigranten
> nach Beginn des Ukrainekriegs eingefangen. In Berlin stellte sie ihr Buch
> vor.
(IMG) Bild: Die Schriftstellerin Linor Goralik bei einer Zeremonie zur Bekanntgabe der Shortlist für die Big Book Awards 2019
Als ihre Heimat Russland die Ukraine überfällt, verlässt N. das Land.
Zuerst geht N. nach [1][Tbilissi,] dann nach Jerewan, Istanbul und
schließlich nach Tel Aviv. Diese Orte bieten sich an, denn hier benötigt
N., anders als in EU-Ländern, kein Visum.
N. sagt: „Als der Krieg begann, war die unangenehmste Entdeckung, wie sehr
die Menschen um einen herum das unterstützen.“ Aber auch: „Wieso sollte ich
mich schämen, Russin zu sein. Das wäre so, als würde man sich dafür
schämen, einen Arm oder ein Bein zu haben.“
N., das sind eigentlich 200 verschiedene Menschen, verschmolzen zu einer
einzigen anonymisierten Stimme der neuen russischen Emigration. Die
Russ:innen sagten diese Sätze in den ersten Monaten nach Beginn der
Großinvasion im Februar 2022 bei Treffen mit der aus der Ukraine stammenden
israelischen Schriftstellerin Linor Goralik. Die Autorin zeichnete sie auf,
wählte Passagen aus, kontextualisierte sie und veröffentlichte sie auf
Facebook.
Nun sind diese Aufzeichnungen unter dem Titel „Exodus-22“ beim New Yorker
Tamizdat Project in bilingualer Buchform erschienen – im russischen
Original und in einer englischen Variante, die ein Übersetzerteam rund um
Ainsley Morse erarbeitet hat.
## Goralik ist „ausländische Agentin“
„Exodus-22“ wurde kürzlich in dem russischsprachigen Buchgeschäft Babel
Book Store in Berlin vorgestellt. Verleger Yasha Klots war vor Ort, Goralik
und Morse schalteten sich dazu. Die 1975 im damaligen sowjetischen
Dnipropetrowsk geborene Goralik, die lange Zeit in Moskau gelebt hatte, ist
in Russland als „ausländische Agentin“ gelistet und damit unerwünscht.
Sie habe unbedingt die Rede der Menschen just in diesem Moment einfangen
wollen, unmittelbar nach Beginn des Albtraums, sagte Goralik bei der
Buchvorstellung. Es sei eigentlich gar nicht ihr Buch, es gehöre den vielen
Menschen, die darin zu Wort kommen. Sie sehe sich in diesem Fall als
Schreiberin, nicht als Autorin.
Klots spann diesen Gedanken weiter. Eigentlich handele es sich nicht um ein
Buch, sondern um mehrere. Schon vor Langem emigrierte Menschen würden ein
anderes Buch lesen als neu emigrierte, amerikanische Studenten ein anderes
als ukrainische Flüchtlinge.
Letzteren könnten die Probleme und Sorgen der russischen Emigranten
vergleichsweise kleinlich vorkommen. Echt sind sie trotzdem.
14 Oct 2025
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(DIR) Yelizaveta Landenberger
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