# taz.de -- Die Wahrheit: Rascheln am Abgrund der Achtsamkeit
       
       > Der Herbst ist vor allem in den Städten eine nervenzerfetzende
       > Jahreszeit. Doch das gute alte Laubhopsen kann Linderung bringen.
       
       Die Beziehung des Menschen zum Herbst ist traditionell kompliziert, aber
       mittlerweile auch kompliziert traditionell. Der Urinstinkt befiehlt, diese
       Jahreszeit draußen in der freien Natur zu verbringen. Dort hockt der Mensch
       dann – nach der heißen Brunftphase des Sommers – bräsig in einem Fluss, um
       sich laichbereite Lachse ins offene Maul spülen zu lassen.
       
       Auf diese beschwerliche Weise kann auch ein sonst mäßiger Esser täglich
       20.000 Kalorien zu sich nehmen, damit eine vorteilhafte Fettschicht
       entsteht. Nur damit kann der Jahresendgegner, das Weihnachtsfest im Kreise
       der Familie, komplett in der muckeligen Höhle verschlafen werden. So weit
       die Theorie.
       
       Aber gehe ich dann im Herbst tatsächlich einmal vor die Tür, stelle ich
       fest, dass der Markt den Biorhythmus inzwischen ganz neu geregelt hat.
       Bärendienste sind heutzutage einfach nicht mehr gefragt. Auch das Klima sah
       sich offenbar gezwungen, aufgrund einer persönlichen Krise seine Anteile an
       allen Jahreszeiten zu veräußern.
       
       ## Friedhof der Kuscheldecken
       
       Der armselige Restbestand der verramschten Jahreszeiten wird zur
       Wiederbelebung längst abgestorbener Innenstädte durch den gerade führenden
       Industriewolf gedreht und in die sterbenden Fußgängerzonen geklatscht: Das
       Ergebnis ist laut. Vor allem visuell laut.
       
       Bereits Ende August wurden in den Supermärkten Barrikaden von Lebkuchen,
       Spekulatius und Dominosteinen aufgetürmt, in denen schon jetzt erste Lücken
       klaffen. Grinsende Plastik-Kürbisse blitzen wie orangefarbene Bojen aus dem
       Meer der kartonierten Kohlehydrate, um die Furcht vor illegal in unseren
       Kalender eingewanderten Feiertagen zu schüren.
       
       Die großräumigen Grabbelkisten vor den 1-Euro-Läden, die von maximal
       angefressenen Minijobbenden kuratiert werden, bieten dem Betrachter ferner
       Möglichkeit, sich vor dem heimeligem Herbst-Horror zu gruseln. Auf diesem
       Friedhof der Kuscheldecken sind es aber nicht die batteriebetriebenen,
       eiskalten Halloween-Händchen, die mir den Schauer über den Rücken jagen,
       sondern Heidekraut-Attrappen, Bast-Bastelkörbchen und mannshohe, dämonisch
       grinsende Keramik-Igel, die auf Bergen von TÜV-geprüften Grableuchten im
       Zehnerpack hocken.
       
       Ich flüchte in ein Pop-up-Oktoberfest, bei dem sich eine mickrige
       Blaskapelle und verfrühte Sankt-Martin-Ultras gegenseitig niedertröten. Wer
       jetzt noch keine Übergangsjacke hat, kauft sich gleich zwei, um den
       empfindsamen Leib gegen Lärm abzudämmen. Ich haste aus der Fußgängerzone
       und suche Schutz im Park, der Naherholung verspricht. Wenn das
       Fußgängerzoneninferno ein Versuch war, den Begriff „Deutscher Herbst“
       positiv zu re-branden, kann nur noch die Rückkehr zur Natur helfen.
       Aufgebracht umkreise ich ein Rudel alter Bäume mit fast kahlen Kronen,
       spüre aber schnell, dass ich nicht einmal der saisonalen Tristesse
       verfalle. Vielmehr werde ich wütend. Trotzdem will ich mir keinen
       Laubbläser zulegen, um nach Altherrenmanier mit 110 Dezibel gegen das ganze
       Elend anzubrömmen.
       
       ## Selfcare in der Teddy-Gruppe
       
       Ich will weiter, zurück in die wirklich gute alte Zeit, in der Freund
       Herbst noch ein toleranter, konsumkritischer Hippie war. Ich will zurück in
       den Kindergarten! Damals gab die Natur unserer Teddy-Gruppe alles, was wir
       brauchten, und wir machten Kastanienmännchen daraus.
       
       Zugegeben, unsere Gruppe durfte dann doch keine Kastanienmännchen machen,
       wir hatten den Zahnstochertest nicht unverletzt überstanden, dafür aber den
       Piercing-Trend gestartet. Die pädagogische Fachkraft ordnete daraufhin
       geschlossenen Hofgang an.
       
       Während wir um den Kastanienbaum schlurften, dass es nur so raschelte,
       sangen wir eine alte Weise: „Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da! Er
       bringt uns Wind, Hei-Hussa-Sa!“ Und spätestens bei „Hei-Hussa-Sa!“ ging die
       Post ab. Die gesamte Teddy-Gruppe kannte kein Halten mehr. Wir raschelten
       Pogo, schubsten das Laub zu Haufen und raschelten diese wieder dem Erdboden
       gleich. Es war das reinste Glück für umme, die totale Überraschelung!
       
       Ich versuche es heute, im herbstlichen Stadtpark, schubse schüchtern ein
       paar Blätter vom Gehweg. Es raschelt, aber der Sound könnte satter sein,
       ich brauche einfach mehr Laub. „Hei-Hussa-Sa!“, gebe ich den Einsatz und
       schlurfschiebe los. Ich suche Buchen, ich weiche Eichen, und bei jedem
       Schritt wird meine Laune besser, ich raschele nun großen Fußes auf einen
       zusammengekärcherten Haufen Laub zu.
       
       Ich bin bereit, in den Pit zu springen, den Landschaftsgärtnern einen
       wahren Bärendienst zu erweisen. Ich will in den seichten Abgrund der
       Achtsamkeit hüpfen. Selfcare für lau, aber mit vollem Körpereinsatz.
       
       ## Rabatte bei der Laub-Experience
       
       „Stopp“, ruft da ein Männlein. „Stellen Sie sich bitte hinten an. Da wird
       dann aber auch die Gebühr bezahlt, gerne per Paypal!“ Ich blicke mich um
       und sehe ein Dutzend Menschen, die hinter einem Flatterband vor dem
       Laubhaufen stehen. Das Grüppchen ist nur mittelbunt gemischt, in etwa mein
       Jahrgang.
       
       Zum Glück ist keiner berufsjugendlich gekleidet, aber alle sehen aus wie
       Hobbykinder. In Anoraks und Matschhose warten sie, bis sie mit übergroßen
       Überzieh-Gummistiefeln in den Haufen hüpfen dürfen.
       
       Ein Kerl wie ein Baum tritt vor und ruft: „Heihussassa!“ Noch im Sprung
       macht er ein Selfie, aber sein Raschler klingt einfach zu verklemmt. Er
       will sich zum Wiederholungskurs unter der Kastanie anmelden. Die ist
       leichter zum Rascheln zu bringen, heißt es in Laubhopser-Fachkreisen.
       
       „Es gibt Rabatt. Beim zehnten Mal ist der elfte Sprung umsonst“, ruft ihm
       das Männlein hinterher. Es trägt einen Kapuzenpullover in Herbstlaubfarben,
       auf dem in Holzbuchstaben „Kardinal Rascheljöh“ steht. Als ich mich
       abwende, drückt es mir noch einen Werbeflyer in die Hand.
       „Hei-Hussa-Sa-Experience, jetzt in 20 Städten online buchen!“ lese ich
       darauf.
       
       Ich zerknülle ihn angewidert, der Zettel knistert wie trockenes Espenlaub.
       Während ich in meine Höhle zurückkehre, habe ich immerhin gelernt, dass man
       früher aufstehen muss, wenn man nicht vom Herbst unterraschelt werden will.
       Oder vielleicht auch viel später.
       
       4 Oct 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katinka Buddenkotte
       
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