# taz.de -- Die Wahrheit: Alaaf, Tristesse!
       
       > Nordrhein-Westfalen betreibt zur Karnevalszeit den Rheinländischen
       > Notdienst für saisonale Desintegration. Der Wahrheit-Expertinnenreport.
       
 (IMG) Bild: Dienstsitz des Notdienstes
       
       Ein Dry January: Er gibt dem Geist so viel Energie, dass der Körper auch
       die lästigsten Pflichten tatsächlich ausführt. Somit ist dieser
       Trockenmonat nicht empfehlenswert für Menschen, die im Rheinland wohnen,
       ohne dort aufgewachsen zu sein. Wie ich. Denn nachdem ich die
       Steuererklärung fast ohne Würfeln ausgefüllt habe, stelle ich fest, dass
       ich die einzige überlebenswichtige Frist hierzulande fast versäumt habe.
       Schon wieder!
       
       „Auf den letzten Drücker – das wollten wir uns doch abgewöhnen, Frau B.“,
       begrüßt mich Frau Pütz, meine zuständige Sachbearbeiterin vom
       Rheinländischen Notdienst für saisonale Desintegration, wo ich wenig später
       aufschlage. Ihr strenger Tonfall wird durch ihr plüschiges Kostüm und den
       wippenden Katzenohren-Haarreif etwas abgemildert, aber zum Glück nicht so
       sehr, dass ich mich entspannen kann oder gar lächeln muss. Denn als
       Wiederholungsverschusslerin muss ich Frau Pütz mal wieder davon überzeugen,
       dass sie meinen Spaßbefreiungsschein abstempelt, der von Weiberfastnacht am
       12. Februar bis Aschermittwoch danach gilt.
       
       Zufrieden mit meinem Pokerface gegenüber ihrer tierischen Aufmachung setzt
       Frau Pütz den ersten wichtigen Haken auf das Formular „Anti-Jeck-Check“
       hinter die Frage, „Ausbleiben der Heiterkeit der Antragstellerin durch
       klassische Verkleidung der Amtsperson“. Frau Pütz kennt meine Akte, aber es
       ist ihr Job, meine Karnevalsuntauglichkeit erneut gründlich zu überprüfen,
       bevor sie mir eine Exitstrategie anbieten darf. So sind die Vorschriften,
       das ist ihr Amt auf ihrem Amt.
       
       Erfrischend zackig zieht sie alle weiteren sensorischen Tests an mir durch,
       pustet mir eine Luftschlange ins Gesicht, spielt einen Tusch ab, dreht mir
       den Rücken zu, aber ich greife ihr nicht von hinten an die Schulter, keine
       Freude kommt auf. Frau Pütz wirft ein paar Bonbons in die Luft. Selbst, als
       sie eine Schachtel Toffifee nachfeuert, starte ich keinen Fangversuch. Frau
       Pütz nickt wohlwollend und beendet die Voruntersuchung mit der
       rhetorischen, aber enthusiastisch hervorgebrachten Fangfrage: „Wollma se
       reinlasse?“. Ich schüttle nur wortlos den Kopf.
       
       ## Unverschunkelter Humor
       
       „Volle Punktzahl, Sie sind also weiterhin unverschunkelt im Humorbusiness
       tätig“, stellt die Notdienstmitarbeiterin fest. „Frau B., Ihnen ist aber
       schon klar, dass die Termine etwa bei Lesebühnen in Hamburg und Berlin seit
       letzten März vergeben sind? Da kann ich jetzt von Amtsseite auch nichts
       mehr für Sie tun. Sie wären ja eh nur in Bier bezahlt worden und auf den
       Fahrtkosten hängengeblieben.“
       
       Frau Pütz hackt in ihre Computertastatur. Schließlich sagt sie: „Also, wir
       haben ja dieses neue Partnerprogramm – ‚Urlaub, wo andere arbeiten‘. Im
       Prinzip sitzen Sie da in einem sehr reizarmen Büro, vielleicht beim
       Amtsgericht, und passen auf, dass niemand Konfetti schreddert. Na ja, seit
       das mit den NSU-Akten passiert ist … bieten wir das da auch nicht mehr an.
       Schade.“
       
       Frau Pütz starrt auf ihren Bildschirm. „Dann könnten Sie noch ins Klärwerk,
       da riecht es zwar etwas streng, aber auch nicht schlimmer als nach dem
       Rosenmontagszug in der Kölner Innenstadt. Tja, das ist, was ich Ihnen als
       Notunterkunft anbieten kann. Aber das lohnt sich ja finanziell für Sie,
       also, wenn Sie Ihre Wohnung in Köln über Karneval untervermieten, dann
       haben Sie ja Ihr Quartalsgehalt wieder drin, wenn Sie fair bleiben zu den
       Touristen-Clowns, ne? Lebe und lebe lasse!“
       
       Jetzt zwinkert Frau Pütz. Sie hat mir im vorigen Jahr, als ich sie auf dem
       Parkplatz traf, anvertraut, dass sie gar nicht mehr hier auf dem Amt
       arbeiten müsse, aber es aus reiner Freude noch durchziehe, bis sie vierzig
       werde. Dann brauste sie in ihrem Porsche davon.
       
       „Ich wohne ja gar nicht mehr direkt in Köln“, fällt mir auf, während ich
       den Satz laut ausspreche. „Sondern außerhalb. In Leverkusen.“ Frau Pütz
       reißt die Augen auf: „Das ist ja schrecklich! Das können Sie doch keinem
       Jecken antun, die tollen Tage da im Niemandsland zu verbringen! Die wissen
       dann doch nicht, ob ‚Alaaf‘ oder ‚Helau‘, ob Kölsch oder Altbier! Damit
       machen Sie doch den Zeit-Wohn-Markt kaputt, wenn Sie da jemanden hinlocken
       wollen! Das ist ja … Frau B., dann haben Sie ja gar keinen Fluchtgrund
       mehr! Dann könnten Sie ja selbst Ihre Wohnung anbieten, für
       Nicht-Pappnasen! Das ist doch die Idee! Ich pflege das mal direkt in unser
       Forum ein!“
       
       In nur 20 Minuten kann Frau Pütz mit „Tristesse Royale zum Karneval:
       Nordbalkon mit Blick aufs Chemiewerk“, ein Dutzend Autorenkollegen aus
       Berlin und Hamburg ködern, die sich das Elend von nicht ganz so nah ansehen
       wollen. Sie sind bereit, eine vierstellige Summe für die nicht ganz so
       tollen Tage hinzublättern. Pro Kopf. Wir verlangen von allen 50 Prozent
       Anzahlung per paypal. Zu Weiberfastnacht sitzen Frau Pütz und ich im
       Flugzeug nach Rio de Janeiro. Wie jedes Jahr, wenn Narren Narren narren.
       Tusch!
       
       31 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katinka Buddenkotte
       
       ## TAGS
       
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