# taz.de -- Seegraswiesen unter Druck: Kollabiert die Lunge des Mittelmeers?
       
       > Seegraswiesen erfüllen wichtige Aufgaben in Meeren und für das Weltklima.
       > Durch Klimakrise und Schifffahrt stehen sie massiv unter Druck.
       
 (IMG) Bild: Gefährdet: Seegraswiesen aus Neptungras speichern Kohlenstoff und sind Indikatoren für gute Wasserqualität
       
       Wer vor den Inseln des südfranzösischen [1][Mittelmeer]-Naturschutzgebietes
       Port-Cros schnorcheln geht, taucht in eine andere Welt ab. Weite
       Seegraswiesen breiten sich vor den Taucherbrillengläsern aus, Schwärme von
       Mönchsfischen und schillernde Brassenarten schwimmen vorbei. Sogar einzelne
       vom Aussterben bedrohte Wrackbarsche tummeln sich am Meeresgrund.
       
       Doch die Unterwasserwelt hier in Südfrankreich leidet in Zeiten des
       Klimawandels. Marine Hitzewellen bedingen ein immer größeres Artensterben.
       Betroffen sind auch Seegraswiesen. Ein Problem. Schließlich gelten die als
       Lunge des Mittelmeers.
       
       „Mit dem Seegras lebt und stirbt das Mittelmeer“, betont Manuel Marinelli.
       Der österreichische Meeresbiologe hat das Project Manaia ins Leben gerufen,
       das sich den Schutz und die Aufforstung der Seegraswiesen zum Ziel gesetzt
       hat. Seit acht Jahren schon ist Marinelli mit seinem Team auf dem
       Mittelmeer unterwegs. Dabei vermessen sie, ob die Seegrasbestände kleiner
       oder größer, dünner oder dichter werden. „Unterm Strich sieht es leider so
       aus, dass wir von einem Jahr auf das nächste ungefähr 20 Prozent an Seegras
       verlieren“, erzählt der Forscher.
       
       Ein großer Verlust, denn Seegraswiesen können weitaus mehr als sich im
       Rhythmus der Wellen zu bewegen. Sie produzieren große Mengen an Sauerstoff
       [2][und binden dabei Kohlenstoff], etwa 83 Millionen Tonnen pro Jahr. Auch
       für den Klimaschutz sind sie deshalb wichtig.
       
       ## Klimawandel und Yacht-Fahrer*innen
       
       Die bandartigen Blätter halten außerdem [3][Mikroplastik] auf, bevor es
       weiter ins Meer hinaustreibt. Das starke Wurzelgeflecht der Pflanzen im
       Sand trägt zur Stabilität der Küsten bei. Zudem können Seegraswiesen die
       Wellenkraft um ungefähr 40 Prozent senken, können also Überschwemmungen
       abmildern. Und nicht zuletzt sind sie im Mittelmeer das ganze Jahr lang
       vorhanden und stellen gerade im Winter einen besonderen Lebensraum für
       viele Lebewesen dar.
       
       Beim Blick von oben durch das klare Wasser wiegen sich die Seegrashalme im
       sanften Takt der Wellen und ähneln einem weichen Kissen. Doch der Eindruck
       von unberührter Natur trügt. Auch im Naturschutzgebiet Port-Cros leidet das
       Seegras.
       
       Die Art, die hier im Mittelmeer vorkommt, heißt Neptungras oder Posidonia
       oceanica. „Es gibt eine Menge an Bedrohungen für Posidonia“, sagt Alain
       Barcelo, wissenschaftlicher Leiter des Nationalparks Port-Cros. „Wir sehen
       einen linearen Rückgang in den Buchten bei Port-Cros und wir können den
       Trend nicht rückgängig machen. Wir verstehen immer noch nicht alles.“
       
       Neben der Erderwärmung stellt auch die unachtsame Ankertätigkeit von
       Yachten und Kleinbooten eine Bedrohung für die Seegraswiesen dar. „Wenn wir
       die Regelungen zum Ankern strenger machen, werden sich die Probleme
       verbessern“, so Barcelo.
       
       Doch neue Regeln allein seien keine Lösung, fürchtet Manuel Marinelli.
       „Jedes Gesetz ist nur so gut wie die Kontrolle dahinter“, so der
       Meeresbiologe. Auf Ibiza ist Posidonia sogar Unesco-Weltnaturerbe. In
       anderen Ländern gelten auch Regelungen zum Schutz der Seegraswiesen.
       „Theoretisch ist die Art unantastbar. Praktisch interessiert es niemanden“,
       sagt Marinelli. Im Mittelmeer sei rund ein Drittel allen Lebens direkt
       abhängig von Posidonia. Deshalb sei es so wichtig, junge Generationen
       aufzuklären, weshalb Seegras geschützt werden sollte.
       
       ## Kann sich das Seegras im Mittelmeer anpassen?
       
       All die Aufklärung reicht jedoch nicht aus, wenn das Klima nicht mitspielt.
       „Seegras im Mittelmeer scheint bei 30 oder 31 Grad seinen Kipppunkt zu
       erreichen. Wir waren an Buchten in Sardinien, die wunderschönes Seegras
       hatten. Ein paar Tage später waren wir wieder da und die Wiese war tot“,
       erzählt Marinelli. Müsste es resilientere Seegrasarten geben, wenn das
       Klima immer wärmer wird?
       
       In deutschen Gewässern forscht hieran bereits das Projekt Sea Store. „Da es
       im Meer bestimmte Habitate wie Lagunen oder Sandbänke gibt, die im Sommer
       sehr warm werden, lassen sich von dort Spenderpopulationen auswählen, die 2
       bis 3 Grad mehr aushalten als andere Populationen“, sagt Meeresbiologe
       Thorsten Reusch. Er forscht am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in
       Kiel.
       
       Die noch bevorstehende Aussaat angepasster Populationen werde allerdings
       ein langer Prozess sein. Seegras wächst nämlich nur etwa 2 bis 3 Zentimeter
       pro Jahr. Nach Forschungen des Sea-Store-Projekts dauert es ungefähr 12 bis
       18 Jahre, bis eine neue Seegraswiese die maximale Menge an Kohlenstoff
       binden kann.
       
       „Das Bewusstsein für den Seegrasschutz wird besser“, erzählt der 23-jährige
       Südafrikaner Dylan Robinson. Er ist Kapitän des Katamarans „Vaka Okeanos“
       der Stiftung Okeanos, die sich für Bildung zum Meeresschutz einsetzt. Auf
       seinem Handy hat er die App Donia. Darauf sind alle Seegraswiesen entlang
       der mediterranen Küste in einer Karte eingezeichnet. „Wenn wir ankern,
       achten wir immer darauf, den Anker über Sand und nicht über einer
       Seegraswiese niederzulassen.“
       
       Allein die Schönheit der Unterwasserwelt bei einem Tauchgang zu bestaunen,
       könne die Sensibilität zum Umweltschutz stärken, findet Robinson. Er zieht
       seine Flossen an und taucht mit geschmeidigen Wellenbewegungen in die
       Tiefe.
       
       25 Apr 2026
       
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