# taz.de -- „Marsch für das Leben“: Abtreibungsgegner wittern Aufwind
       
       > Am Wochenende wird in Berlin und Köln wieder zum „Marsch für das Leben“
       > aufgerufen. Auftreten sollen auch internationale, teils vorbestrafte
       > Sprecher*innen.
       
 (IMG) Bild: Schulterschluss zwischen fundamentalen Christen und Rechtsextremen: auf dem Kölner „Marsch für das Leben“ 2024
       
       München taz | Am 20. September marschieren sie wieder: In Berlin und Köln
       ruft der Bundesverband Lebensrecht (BVL) zum jährlichen „Marsch für das
       Leben“ auf. Vergangene Demonstrationen zeigen: Die sogenannte
       Lebensschutz-Szene ist nach [1][rechts offen], ihre Events sind ein
       Schulterschluss verschiedener antifeministischer Akteur*innen aus
       konservativen, rechtsklerikalen und teils extrem rechten Milieus.
       
       Im Aufruf des BVL zum Marsch ist von „bis zu 10.000 Menschen“ die Rede, die
       auf die Straße gehen werden. Realistisch ist das eher nicht. In den
       vergangenen Jahren lag die Zahl meist bei rund 4.000, Busladungen aus dem
       deutschsprachigen Raum inklusive. Doch 2025 steht die Demo unter besonderen
       Vorzeichen: Nach der gelungenen und stark von der Szene [2][befeuerten
       Kampagne] gegen die Wahl der Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf ins
       Bundesverfassungsgericht wittert die Bewegung politischen Rückenwind.
       
       Brosius-Gersdorf, die unter anderem Mitglied der
       Expert*innenkommission zur Frage war, ob Schwangerschaftsabbrüche
       legalisiert werden sollten, war der Szene zu liberal. Ihre Verhinderung
       wird nun als Erfolg und Beleg gelesen: Die Bewegung sei auf dem Vormarsch.
       
       ## Neuer Schwung für alte Allianzen
       
       Zwar ist die „Lebensschutz“-Bewegung personell seit Jahren eher stagnierend
       als wachsend. Organisatorisch allerdings tut sich etwas: Man vernetzt sich
       zunehmend mit internationalen Akteur*innen, nutzt gezielt Plattformen
       abseits etablierter Medien und freut sich in ihrem diesjährigen Aufruf zum
       „Marsch“ über „neue Medien“ der eigenen Couleur, mit denen die vermeintlich
       eng gewordenen Debattenräume erweitert werden. Man inszeniert sich als
       Opfer der „Mainstream-Presse“ und spricht von „Zensur“ und „Cancel
       Culture“, wenn Kritik an den teils antidemokratischen Positionen [3][laut
       wird].
       
       Derweil rückt die Szene politisch näher an die AfD, ohne sich offen an sie
       zu binden. Das zeigt einerseits die Teilnahme von AfD-Funktionär*innen wie
       Beatrix von Storch oder Franz Schmid an ihren Demonstrationen. Darüber
       hinaus [4][beruft] die AfD prominente Anti-Choice-Akteure wie Kristijan
       Aufiero von „profemina-1000plus“ oder Tomislav Čunović von „40 days for
       life“ als Sachverständige in den Rechtsausschuss des Bundestags.
       
       Brisant wird es 2025 allerdings nicht nur auf der Straße: In Köln und
       Berlin finden neben dem „Marsch“ flankierende Jugendveranstaltungen statt,
       organisiert von der „Jugend für das Leben“ (JfdL) – eine
       Nachwuchsorganisation des Vereins „Aktion Lebensrecht für Alle“, faktisch
       ein Radikalisierungsinstrument. In Berlin spricht in diesem Jahr die
       Organisatorin des „Marche pour la vie“, dem französischen Pendant des
       „Marsch für das Leben“, die französische Aktivistin Marie-Lys Pellissier.
       
       ## Vorbestrafte US-Aktivistinnen als Vorbilder?
       
       In Köln sprechen zwei noch deutlich problematischere Gäste: Caroline Smith
       und Lauren Handy von der US-amerikanischen Gruppe „Progressive
       Anti-Abortion Uprising“ (PAAU). PAAU inszeniert sich als
       „links-progressiv“, ist aber vor allem eine militante
       Anti-Abtreibungstruppe mit einem Faible für rechtliche Grauzonen. Die
       Gruppe [5][stürmt Kliniken], verbreitet Desinformation über medizinische
       Abläufe und sucht gezielt die Eskalation.
       
       Lauren Handy ist wegen teils schwerwiegender Delikte verurteilt – und soll
       nun vor Kindern und Jugendlichen auftreten. 2023 wurde sie zu 57 Monaten
       Haft verurteilt, nachdem sie 2020 gewaltsam in eine Klinik in Washington
       D.C. eingedrungen war. Einsicht? Fehlanzeige. Handy sieht sich als
       „Lebensretterin“ – und wurde Anfang 2025 von Donald Trump begnadigt.
       
       Einer der bizarrsten Fälle, den PAAU zu verantworten hat, ereignete sich
       2022: Lauren Handy und ihre Mitstreiterin Terrisa Bukovinac behaupteten,
       eine Kiste mit abgetriebenen Föten von einem Entsorgungsunternehmen
       erhalten zu haben. Fünf davon verwahrten sie in einer Gefriertruhe –
       mutmaßlich, um ein Mordverfahren gegen das behandelnde Klinikpersonal
       einzuleiten. Die Geschichte ist in sich widersprüchlich, der
       Logistikdienstleister bestreitet die Übergabe. Fest steht: Das FBI fand bei
       einer Durchsuchung tatsächlich fünf Föten in Handys Wohnung. Die
       forensische Untersuchung ergab später, dass alle Abtreibungen rechtmäßig
       erfolgt waren. Angeklagt wurden Handy und Bukovinac in dem Fall bisher
       nicht.
       
       ## Export radikaler Aktionsformen nach Deutschland?
       
       Ausgerechnet Lauren Handy soll nun in Köln vor Kindern und Jugendlichen
       sprechen: Eine Bewegung, die sich als moralisch überlegen stilisiert,
       schult ihren Nachwuchs an Vorbildern, die auf Regelbruch, Einschüchterung
       und emotionalisierte Desinformation setzen. Wer Jugendlichen beibringt,
       dass medizinische Fakten verhandelbar sind und Recht nur dann gilt, wenn es
       ins eigene Weltbild passt, betreibt keine Aufklärung, sondern gezielte
       Manipulation.
       
       Der Aktionsstil von PAAU ist in Deutschland bislang eher die Ausnahme. Doch
       mit der Einladung solcher Rednerinnen wird eine Tür geöffnet. Schon in den
       vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Auftritten internationaler Gäste,
       die durch antisemitische Relativierungen, rassistische Rhetorik oder
       verschwörungsideologische Anklänge auffielen.
       
       In München erklärte etwa Matt Britton auf der Bühne des „Marsch fürs Leben“
       2023, dass Deutschland Geflüchtete importiere, während es „deutsche Babys
       töte“ – ein rassistisches Narrativ. 2025 relativierte der Franziskanerpater
       Paulus Tautz in seiner Rede den Holocaust als er Protest gegen Verbrechen
       des NS-Regimes im Konzentrationslager Dachau mit dem gegen
       Schwangerschaftsabbrüche [6][verglich].
       
       ## Möglicher Weg zur Sichtbarkeit
       
       Was, wenn der importierte Stil Schule macht und Klinikblockaden nach
       US-Vorbild plötzlich als „ziviler Ungehorsam“ verkauft werden? Einer Szene,
       die medial kaum Beachtung findet und zahlenmäßig stagniert, könnten
       konfrontative Aktionen bald als probater Weg zur Sichtbarkeit erscheinen.
       
       Der „Marsch für das Leben“ in Berlin startet in diesem Jahr erstmals vom
       Hauptbahnhof, in Köln vom Neumarkt. In beiden Städten formiert sich breiter
       Gegenprotest: feministische Bündnisse, medizinisches Fachpersonal, queere
       Gruppen und linke Initiativen wollen die Straße nicht dem selbsternannten
       „Lebensschutz“ überlassen.
       
       19 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pro-Life-Bewegung/!6038644
 (DIR) [2] /Wahl-zur-Verfassungsrichterin/!6099841
 (DIR) [3] https://bundesverband-lebensrecht.de/lebensrecht-ist-menschenrecht-marsch-fuer-das-leben-am-20-september-in-berlin-und-koeln/
 (DIR) [4] https://www.bundestag.de/resource/blob/1000378/Liste-der-Sachverstaendigen.pdf
 (DIR) [5] https://apnews.com/article/abortion-activists-clinic-blockade-trial-fetuses-b49db7f6b6a0a073a6a2f37b446bce53
 (DIR) [6] https://www.feierwerk.de/firm/publikationen/marsch-fuers-leben-kleiner-radikaler-vernetzter
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lina Dahm
       
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