# taz.de -- Clowns gegen die IAA: Die roten Nasen des Protests
       
       > Der Protest hat viele Gesichter. Manche von ihnen sind geschminkt und
       > haben eine rote Nase. Besuch bei einem Clown-Crashkurs gegen die
       > Automesse IAA.
       
 (IMG) Bild: Clowning hat also im besten Fall eine deeskalierende Wirkung
       
       München taz | Den Socken umzustülpen, das ist dann schon die höhere Kunst.
       Aber auch das – wir werden noch darauf zu sprechen kommen – gehört
       natürlich dazu, wenn man Clown werden will. Und so gehört auch das
       Sockenumstülpen in den Lehrplan des Crashkurses für angehende Clowns an
       diesem Donnerstagvormittag. Es ist freilich nicht der Zirkusnachwuchs, der
       hier im Münchener Luitpoldpark geschult wird. In dem Workshop geht es um
       Rebel Clowning, Clowning als Protestform.
       
       Der Luitpoldpark, eine Grünanlage im Norden Schwabings, liegt noch eher
       verschlafen da. Vereinzelt ziehen Polizisten im Duo durch den Park, auch
       Joggerinnen und ein paar Hunde mit ihren Menschen. Auch in das
       [1][„Mobilitätswende Camp München“], das sich auf einer der Wiesen im Park
       breitgemacht hat, kommt erst langsam Leben.
       
       Das Mobilitätswendecamp findet parallel zur [2][IAA] statt. Ziel der
       Veranstalter: „der [3][profitgetriebenen Autoindustrie] nicht die
       Deutungshoheit über die Zukunft der Mobilität überlassen“. Die IAA
       [4][missbrauche die Stadt München und ihren öffentlichen Raum als billiges
       Schaufenster]. So möchten die Protestler zumindest ein paar Warnhinweise an
       diesem Schaufenster anbringen. So wie tags zuvor etwa das Grüppchen Clowns,
       das mit zwei Bobbycars zum Marienplatz zu einer IAA-Ausstellungsfläche
       gezogen war.
       
       ## Bälle und Zombies
       
       Um 10 Uhr beginnt das Tagesprogramm, auch der dreistündige Clowning-Kurs.
       Die Clowns vom Marienplatz sind auch dabei. Wer bei dem Workshop Leiter und
       wer Teilnehmer ist, lässt sich anfangs nicht klar erkennen, was Absicht
       sein dürfte. Der Andrang jedenfalls ist groß, etwa zwei Dutzend Menschen
       sind gekommen, der Workshop findet daher nicht wie geplant im Grünen Zelt,
       welches ein kleines weißes Zelt mit der Aufschrift „Grünes Zelt“ ist,
       statt, sondern in dem großen offenen Zelt in der Mitte des Platzes. „In
       einer Welt, voll von Schreckensbotschaften“, so heißt es in der
       Ankündigung, „machen wir uns einfach mal darüber lustig – zumindest über
       die Mächtigen und Reichen. Mit unseren roten Nasen tanzen wir auf ihren
       Nasen herum.“ Vorkenntnisse im auf der Nase Herumtanzen: nicht nötig.
       
       Das Rebellische dieser besonderen Art des Clown-Daseins kommt zunächst
       nicht zu tragen. Die Übungen der ersten anderthalb Stunden könnten einem
       „gewöhnlichen“ Schauspielkurs entnommen sein, mitunter auch einem Seminar
       für Führungskräfte der Automobilbranche. Man wirft sich Bälle zu, schaut
       sich in die Augen, mimt einen Zombie, bestreitet lange Konversationen mit
       ausschließlich den Wörtern „Yes“, „No“, „You“ und „Me“, kopiert Mimik und
       Verhalten des Gegenübers. Interessant dabei die nicht immer klar zu
       beantwortende Frage: Wer führt wen?
       
       Das Programm des Mobilitätswendecamps ist weit gefächert, viele der
       Veranstaltungen haben überhaupt keinen direkten Bezug zum Thema Mobilität.
       Es gibt jede Menge Vorträge, etwa über die Ästhetik der Rechten, den
       Güterverkehr oder den Bergbau in Peru. In einem Workshop geht es um
       „Critical Whiteness“. Ein Planspiel soll den Zusammenhang zwischen
       Staatsschulden und Imperialismus verdeutlichen. Und der Attac-Chor singt.
       
       ## Ursprünglich waren sie eine Armee
       
       Im Nachbarzelt hält gerade ein Männerforscher einen Vortrag über toxische
       Männlichkeit. Wortfetzen von nebenan mischen sich immer wieder unter die
       Clownereien. „Darth Vader“, „Todesstern“, „Vaterfigur“ – aber Moment! Jetzt
       bloß nicht ablenken lassen, sich jetzt bloß nicht über das Männerbild von
       George Lucas den Kopf zerbrechen. Denn sehr wichtig sei es, erklärt einer
       der lehrenden Clowns, nicht den Fokus zu verlieren, nie die Verbindung zu
       seinen Mitclowns abreißen lassen. Denn beim politischen Clowning ist man
       nie allein. Die One-Man-Show – oder seltener One-Woman-Show –, die bei
       Clowns in der Manege oder auf der Bühne durchaus verbreitet ist,
       funktioniert im satirischen Straßenkampf nicht.
       
       Das clownische Rebellentum – oder wahlweise die rebellische Clownerie – ist
       mittlerweile schon ein Trend. Seinen Ursprung hat er in einer Clownsarmee,
       der Clandestine Insurgent Rebel Clown Army, kurz Circa. Die Gruppe hat sich
       2003 in Großbritannien aus der Protestbewegung gegen den Irakkrieg heraus
       formiert. Heute gibt es weltweit viele Gruppen, ihr Ansatz ist
       unterschiedlich. Für den Workshop haben sich Vertreter aus Österreich,
       Tschechien und der Schweiz zusammengetan.
       
       Aber warum mit einer roten Nase auf die Straße gehen anstatt mit einem
       Transparent? Demonstrationen beispielsweise hätten auf viele eine
       einschüchternde Wirkung, sagen die Clowns. Sie dagegen seien harmlos und
       nähmen oft die Konfrontation aus dem Ganzen. Clowning hat also im besten
       Fall eine deeskalierende Wirkung. Der größte Erfolg sei, wenn man es
       schaffe, sogar Polizisten zum Lachen zu bringen, sagt ein Schweizer Clown,
       der seinen Namen nicht verraten möchte. In der Schweiz sei ihm das schon
       gelungen. In Bayern dagegen sei es absolut unmöglich.
       
       ## Sie wollen den Hofnarr spielen
       
       Den Hofnarren zu spielen, auch darum geht es, der den Mächtigen die
       Wahrheit sagen, ihnen den Spiegel vorhalten darf – aber eben nur in der
       Rolle des Spaßmachers. Nein, ein Lernziel habe man sich nicht überlegt,
       sagt Lennon, einer der Clowns. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der
       Aufschrift „Rhabarber“. Es gehe einfach nur ums Ausprobieren, darum, neue
       Formen des Aktivismus kennenzulernen. Aber letztlich wolle er vor allem
       eines vermitteln: „dass Politik auch Spaß machen kann.“
       
       Ach ja, da war noch die Sache mit den Socken. Socking nennt sich eine
       spezielle Methode des Clownings, die die Teilnehmer zum Schluss noch üben:
       Eine Gruppe von Clowns, vielleicht sechs oder sieben, nähert sich der
       Polizei. Die Clowns bleiben ganz dicht beisammen, bewegen sich vorwärts,
       indem jeweils die hintersten nach vorne kommen – eben so, als ob man einen
       Socken umstülpte. Dabei machen sie den Polizisten Avancen, begegnen ihnen
       mit Neugier, mit Begeisterung. Kommt dann unweigerlich die Zurückweisung,
       folgt auf demselben Wege der Rückzug, diesmal mit demonstrativer
       Enttäuschung.
       
       Den Teilnehmern, man sieht es, aber sie werden es hinterher auch sagen,
       machen die ersten Clowning-Versuche großen Spaß. Könnte also gut sein, dass
       die Polizei auf Demos demnächst noch mehr zu lachen hat. Für die große
       Anti-IAA-Demo am Samstag hat man sich zumindest schon mal verabredet.
       
       In einer weiteren Form des subversiven Autoprotests versuchte sich das
       „Widerstandskollektiv“ in Berlin: „Engagierte Mitbürger:innen“ hätten in
       der Nacht zum Freitag 30-40 SUVs in Berlin-Moabit friedlich stillgelegt und
       sich so Zerstörung und Gewalt in den Weg gestellt“, heißt es in einer
       Mitteilung. „Mittels kleinen Linsen in den Ventilen ließen sie die Luft aus
       Reifen von sehr großen Automodellen des Typs SUV (Sport Utility Vehicle)“.
       Die „Stilllegung der SUVs in Berlin“ unterstütze den „Widerstand, der diese
       Woche in München gegen die IAA und die Profitmaximierung der Autoindustrie
       auf die Straße getragen wird“.
       
       12 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://mobilitaetswendecamp.noblogs.org/
 (DIR) [2] /Eroeffnung-der-Automesse-IAA/!6109226
 (DIR) [3] /Deutsche-Autoindustrie/!6109085
 (DIR) [4] /IAA-Mobility-in-Muenchen/!6112141
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominik Baur
       
       ## TAGS
       
 (DIR) IAA
 (DIR) Mobilitätswende
 (DIR) Mobilität
 (DIR) Linke Proteste
 (DIR) Protestlager
 (DIR) Protestcamp
 (DIR) Protestbewegung
 (DIR) Protestkultur
 (DIR) Protest
 (DIR) Auto-Lobby
 (DIR) Verkehrswende
 (DIR) IAA
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Deutsche Autoindustrie: Konkurrenz und Klimavorgaben
       
       Die deutsche Autoindustrie präsentiert bei der IAA unter Druck ihre
       neuesten Modelle. Die Grünen tun sich derweil schwer mit dem
       Verbrenner-Aus.
       
 (DIR) Klimaaktivist*in über IAA Mobility: „Die Automobilkonzerne müssen weg vom Individualverkehr“
       
       Am Dienstag startet in München Europas größte Automesse. Ein Interview zu
       den geplanten Gegenprotesten und der Zukunft der Autoindustrie.
       
 (DIR) Die Grünen und das Verbrenner-Aus: Peinliches Manöver, aber Kurve gekriegt
       
       Zum Start der Automesse wollen die Grünen nicht autofeindlich wirken. Das
       ideologische Hin und Her von Katharina Dröge zum Verbrenner-Aus beweist
       das.