# taz.de -- Ostdeutschland: Es ist nicht alles schlecht
       
       > Leuchtturmprojekte im Osten sind fragwürdig? Ganz falsch ist das nicht.
       > Aber längst existieren vielversprechende Ansätze in kleinen Orten.
       
 (IMG) Bild: Mit Beleuchtung: eine Bushaltestelle in Brandenburg
       
       Es mangele nicht mehr an sogenannten Leuchtturmprojekten; der ganze Osten
       sei inzwischen übersät von Initiativen, und mit dem geplanten
       „Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ in Halle
       (Saale) steht das nächste Großprojekt bereits vor der Tür. Nur was das
       alles gegen die Erfolge rechtsextremer Kräfte in Ostdeutschland bringe, sei
       fraglich. Mit dieser pointierten These hat der Historiker Marcus Böick
       jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung versucht, kurz vor dem 35.
       Jahrestag der Wiedervereinigung die Diskussion über die
       Ost-West-Beziehungen und den Zustand der ostdeutschen Gesellschaft zu
       beleben.
       
       Der Transformationshistoriker Böick, der mit seiner viel beachteten Studie
       zur Treuhandanstalt bekannt wurde, hinterfragt nicht nur die aktuelle
       Forschungslandschaft zur postsozialistischen Transformation der früheren
       DDR. Er problematisiert auch den Nutzen großer Leuchtturmprojekte. Sein
       Fazit: [1][„Ein kontroverser, riskanter Diskussionsabend in einer
       verkehrstechnisch abgelegenen Kleinstadt kann größeren ‚Impact‘ erzeugen
       als die nächste Reihenveranstaltung in einer Universitätsstadt] […]. Am
       Ende wird es ein dauerhaftes und dezentrales Engagement in der Fläche und
       im Digitalen jenseits der politischen wie akademischen Komfortzonen sein,
       mit dem sich vielleicht einige kleine Siege erringen lassen.“
       
       In vielem muss man Marcus Böick zustimmen. Er hat damit Recht, dass
       zunehmende Skepsis gegenüber der liberalen Demokratie,
       Institutionenmisstrauen und ein entsprechend radikales Wahlverhalten keine
       ostdeutschen Besonderheiten sind. Vielmehr sehen wir globale Tendenzen, die
       offensichtlich mit Gründen zu tun haben, die nicht spezifisch ostdeutsch
       sind, sondern tiefer liegen. Und genauso richtig ist seine Mahnung, dass
       sich Aktivitäten gegen antidemokratisches Denken und Resignation nicht auf
       wenige Zentren beschränken dürfen, sondern in der Fläche und im Alltag
       ansetzen müssen.
       
       Nur – die Beispiele, die Marcus Böick fordert, gibt es bereits.
       Forschungsrichtungen, die sich mit der Gestaltung der Transformation
       beschäftigen, haben längst die Notwendigkeit hervorgehoben, gegen
       Enttäuschung und Institutionenmisstrauen Momente des aktiven Gestaltens und
       Erfahrungen der Selbstwirksamkeit zu stellen und im Kampf gegen die
       zunehmende Sprachlosigkeit Gelegenheiten des Austauschs zu schaffen –
       gerade im ländlichen Raum, wo die Wege weit sind.
       
       ## Kein Laden, keine Kneipe und kein ÖPNV
       
       Die Robert-Bosch-Stiftung etwa hat das schon vor Jahren erkannt und mit den
       [2][„Neulandgewinnern“] ein Programm ins Leben gerufen, das heute vom
       Thünen-Institut für Regionalentwicklung und dem Verein Neuland gewinnen e.
       V. getragen wird. In die gleiche Richtung geht das Programm „Neulandsucher
       Ost/West“, das Neuland gewinnen seit zwei Jahren zusammen mit der Stiftung
       Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus durchführt – um nur zwei Netzwerke zu
       nennen, die den Bogen zwischen wissenschaftlicher Fundierung und
       gesellschaftlichem Engagement schlagen.
       
       Statt sich auf klassische politische Aufklärungsarbeit zu verlassen, setzen
       sie bei den tiefer liegenden Problemen an, die für den Rechtsextremismus
       zumindest als Katalysator wirken. Dass die AfD dort erfolgreich ist, wo es
       an Infrastruktur fehlt, ist längst bekannt: kein Laden im Dorf, keine
       Kneipe und kein ÖPNV, der die Menschen zusammenbringt. Hier braucht es
       private Initiativen wie den Umsonstladen im Landkreis Zwickau, der
       angesichts des Leerstands in der Innenstadt Abhilfe schaffen will, oder die
       „fahrende Bibliothek“ im thüringischen Mötzelbach – beides Projekte aus dem
       Neulandsucher-Programm.
       
       Aber nicht nur die mangelnde Infrastruktur ist ein Problem, sondern ein
       gesellschaftliches Klima, das zunehmend durch Vorurteile und
       Identitätskämpfe geprägt ist. Die Macherinnen des Ost-West-Salons im
       brandenburgischen Oder-Spree-Kreis wollen es anders machen: Um Zugezogene
       und Pendler nach Berlin mit den Einheimischen ins Gespräch zu bringen,
       sollen Gelegenheiten geschaffen werden: Bei Kaffee und Kuchen und
       mitgebrachten Speisen aus allen möglichen Herkunftsregionen wird
       miteinander geredet statt übereinander.
       
       Die Erfahrungen im Transformationsalltag, von der Wissenschaft erst
       allmählich als Thema entdeckt, werden so Teil der „Oral History“, und mit
       ihnen werden Identitäten verhandelt und in ihrer Vielfalt sichtbar. Das
       wendet sich auch gegen zunehmende Versuche, eine aggressive Ost-Identität
       zu propagieren, die bewusst autoritär, antiliberal und antiwestlich
       überformt wird.
       
       ## Die kleineren und größeren Leucht- und Lagerfeuer
       
       Aber auch im Westen gibt es diese Projekte, die in der Gesellschaft
       ansetzen und die neuen Gräben in ihr überwinden wollen: etwa den queeren
       Jugendtreff im tiefsten Schwarzwald, der zum Netzwerk der Neulandsucher und
       Neulandgewinner gehört. Er will nicht nur Gelegenheiten zum Austausch für
       queere Menschen schaffen, sondern auch Infos in die Schulklassen auf dem
       Land bringen. In Zeiten zunehmender Queerfeindlichkeit ist diese
       zivilgesellschaftliche Offenheit umso wichtiger.
       
       All diese Macherinnen und Macher betreiben keine Transformationsforschung,
       die an den Interessen und Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht. Vielmehr
       wird an die Ergebnisse der Wissenschaft angeknüpft. So wird die
       Posttransformationsgesellschaft gestaltet, die aus den Verwandlungen der
       vergangenen Jahrzehnte hervorgegangen ist. Das sind die „kleineren und
       größeren Leucht- und Lagerfeuer“, die Marcus Böick anstelle – oder als
       Ergänzung – der großen Leuchtturmprojekte fordert.
       
       Nur braucht es von diesen viel mehr, denn die größten Gefahren für die
       Demokratie lauern dort, [3][wo Rechtsextreme das gesellschaftliche Leben
       und den vorpolitischen Raum kolonisieren], und wo ihr Denken mehr und mehr
       zur Norm wird. Wer keine antidemokratische Zivilgesellschaft will, braucht
       eine demokratische – und muss diese aktiv stärken.
       
       2 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.academia.edu/143894818/_Leuchtt%C3%BCrme_im_blauen_Meer_Die_neue_Transformationsforschung_und_der_Aufstieg_der_AfD_in_Ostdeutschland_in_Frankfurter_Allgemeine_Zeitung_v_10_9_2025_N3
 (DIR) [2] https://neulandgewinner.de/
 (DIR) [3] /Debatte-Regionale-Identitaet/!5603387
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thorsten Holzhauser
       
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