# taz.de -- Zeit-Debatte über Linke: Verführung mit linken Avancen
       
       > Iris Berben hat linke Film- und Theaterschaffende kürzlich für ihre
       > Identitätspolitik kritisiert und ihnen Cancel-Culture vorgeworfen. Eine
       > Erwiderung.
       
 (IMG) Bild: Saioa Alvarez Ruiz, die einen offenen Brief an Iris Berben schreibt, bei der Verleihung des Wiener Theaterpreis „Nestroy“ 2023
       
       Liebe Iris Berben, vor wenigen Tagen haben Sie in einem Interview mit der
       Zeit gesagt, dass Sie die „Bevormundung“ und „Genuss-Feindlichkeit“ von
       Linken nervt: „Was immer einem Freude macht – […] ein vielleicht
       unangebrachter Flirt, von Humor und Lachen gar nicht erst zu reden –, schon
       erhebt sich ein riesiger moralischer Zeigefinger […]“. Da ich daraus
       schließe, dass Sie einen guten Flirt zu schätzen wissen, möchte ich Ihnen
       auf diesem Wege eine Avance machen. Nicht in spaltender Absicht, sondern
       als Ihre Kollegin, Verbündete und Ihr Fan. Ich möchte Sie dazu verführen,
       [1][durch meine Augen auf unseren Beruf der Schauspielerin zu blicken.]
       
       Iris Berben, trotz Ihrer Kritik bezeichnen Sie sich selbst als links. Damit
       sind wir beide linke Schauspielerinnen, die Spaß verstehen. Auch ich bin
       eine Verfechterin von sozialer Gerechtigkeit.
       
       Mehr als für meine politische Haltung bin ich aber für meine
       Verführungskünste [2][und mein Draufgängertum bekannt]. Zum Beispiel in der
       Rolle des männlichen Strippers in einer Florentina-Holzinger-Inszenierung.
       Natürlich sind Sie, Iris Berben, um einiges bekannter als ich und spielen
       damit in einer anderen Liga. Ich würde Sie aber gerne davon überzeugen,
       dass es Kunst und Kultur als „Schutzraum […] fürs Fragenstellen, fürs
       Experimentewagen“, wie Sie es beschreiben, genauso auch für mich geben
       muss: [3][die behinderte, lesbische, migrantische Schauspielerin.]
       
       Bisher wurde noch keine Probe abgebrochen, weil ein*e Kolleg*in einen
       schlechten Witz über meine Körpergröße, mein Liebesleben oder meine
       Herkunft gemacht hat. Was ich aber erwarte, ist, dass wir solche und
       komplexere Situationen, die mir die Luft zum Atmen nehmen, lösen. Da fände
       ich es genauso toll wie Sie, wenn nicht ewig darüber diskutiert werden
       müsste. Schuld daran sind aber die Sturköpfe, die sich aus Prinzip alles
       erlauben wollen und nicht die, auf deren Kosten es geht.
       
       Und ich bin kein Schwächling, ich bestehe zu einem beachtlichen Anteil aus
       Muskeln und Titan. Nur meine Psyche leider nicht. Aber wem etwas
       Verletzendes herausrutscht, der kann auf ein altbewährtes Rezept
       zurückgreifen: das eigene Schamgefühl aushalten und sich entschuldigen.
       Film und Theater sollten schließlich kein rücksichtsloser,
       verantwortungsloser Raum sein – was wir produzieren, erreicht und
       beeinflusst so viele Menschen.
       
       ## Wieso der nichtbehinderte Schauspieler?
       
       Sie bedauern: „Schwule sollen nur noch von Schwulen gespielt werden, Juden
       nur noch von Juden …“ Dies empfänden Sie als völlig kontraproduktiv für
       unseren Beruf. „Schauspieler sollen doch in fremde Lebenswelten eintauchen,
       sich in andere Figuren hineinversetzen.“ Aber es geht doch auch um das
       Publikum, das in Lebensrealitäten eintauchen und Verständnis entwickeln
       will – und dafür braucht es echte, vielschichtige Darstellungen.
       
       Ich finde es überaus produktiv, wenn Lesben von Lesben und Behinderte von
       Behinderten gespielt werden. Wieso sollte denn ein nichtbehinderter
       Schauspieler, der sich bloß zuckende Bewegungen aneignet und in einen
       Rollstuhl setzt, dem behinderten Schauspieler, der sein gesamtes Leben
       schon diese Rolle in all ihren Dimensionen einstudiert, vorgezogen werden?
       
       Denn talentierte behinderte Schauspieler*innen gibt es genug, auch sie
       müssen ihre Miete zahlen. Und natürlich kann eine Hetero-Schauspielerin
       eine Lesbe spielen, passiert auch. Doch wie Sie selbst sagen: „Mittelmaß
       kann nicht der Weg sein.“ Deshalb werden Sie die leidenschaftliche
       lesbische Sexszene auch lieber mit meiner Beteiligung sehen wollen.
       Versprochen.
       
       Liebe Iris Berben, eines Tages würde ich gerne eine Filmografie wie Ihre
       vorweisen – mit dieser Anzahl und Variation an Rollen. Aber so wie es
       aktuell aussieht, wird mir diese Zukunft verwehrt bleiben. Denn es ist
       genau, wie Sie beschreiben: Es wird nicht nur nach Talent besetzt, sondern
       nach „einer Liste von anderen Kriterien“ – die sich allerdings immer noch
       an der Normgesellschaft orientiert, insbesondere bei Hauptrollen. Deshalb
       heißt es wohl eher für mich als für Sie: „Gute Nacht.“
       
       Saioa Alvarez Ruiz ist Schauspielerin und Performerin. 2023 wurde sie mit
       dem Nestroy-Preis in der Kategorie „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet.
       
       5 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neue-Holzinger-Inszenierung-/!6087697
 (DIR) [2] https://www.nestroypreis.at/show_content2.php?s2id=500
 (DIR) [3] /Die-steile-These/!5691675
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Saioa Alvarez Ruiz
       
       ## TAGS
       
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