# taz.de -- Modellversuch zum Grundeinkommen: „Unser Sozialsystem ist nicht mehr zeitgemäß“
       
       > Hamburg soll das Grundeinkommen testen, findet eine Initiative um
       > Mitgründerin Laura Brämswig. Sie werben mit sommerlichen Filmabenden für
       > ihre Sache.
       
 (IMG) Bild: Jubel auf dem Hamburger Rathausmarkt: Volksinitiative „Hamburg testet Grundeinkommen“ hat genug gültige Unterschriften gesammelt
       
       taz: Frau Brämswig, wie würde ein bedingungsloses Grundeinkommen unser
       Zusammenleben verändern? 
       
       Laura Brämswig: Es würde ändern, wie Menschen Entscheidungen treffen. Es
       l[1][ässt Menschen mutiger werden], Dinge zu tun, die ihr Leben verbessern.
       Sich weiterbilden oder Zeit für andere Menschen und Familie verwenden.
       
       taz: Wer kann denn am meisten profitieren? Welche Personengruppen zum
       Beispiel? 
       
       Brämswig: Je kleiner das Einkommen ist, desto mehr würden die Menschen
       profitieren. Es käme zum Beispiel Alleinerziehenden zugute oder allen, die
       viel Care-Arbeit leisten.
       
       taz: Sie wollen [2][per Volksentscheid in Hamburg] den ersten staatlichen
       Modellversuch zu einem bedingungslosen Grundeinkommen in Deutschland
       durchsetzen. Warum ein Modellversuch? 
       
       Brämswig: Wir wollen sehen, wie ein Grundeinkommen aussehen könnte und es
       in verschiedenen Höhen testen, um uns dann die Effekte auf das Verhalten
       der Menschen anzuschauen. Und wir wollen herausfinden, [3][welche Art des
       Grundeinkommens] von der Gesellschaft breit getragen wird und wovon
       möglichst viele Menschen profitieren.
       
       taz: Das klingt teuer. Wie soll das gehen? 
       
       Brämswig: Das Forschungsvorhaben müsste Hamburg aus dem laufenden Haushalt
       finanzieren. Dazu muss man wissen, dass in Hamburg überhaupt nur
       Volksentscheide zulässig sind, die den Etat nicht übermäßig belasten. Dass
       dieser Volksentscheid als zulässig abgestempelt wurde, zeigt also, dass es
       eine total machbare Summe ist.
       
       taz: Über welche Summe reden wir? In ihrem Gesetzentwurf steht etwas von 50
       Millionen Euro als Obergrenze. 
       
       Brämswig: Die genaue Summe hängt von der Versuchsgestaltung ab. Es braucht
       genug Geld für die Auszahlung des Grundeinkommens und einen Betrag für
       Durchführung, Verwaltung und Auswertung des Versuchs.
       
       taz: Welche Probleme soll das Grundeinkommen denn eigentlich lösen? 
       
       Brämswig: Unser Sozialsystem hat zwei Probleme, die das Grundeinkommen
       lösen kann. Zum einen hält es Menschen von der Arbeit ab, weil es so
       schwierig ist, aus den Sozialleistungen in Arbeit zu kommen. Zum anderen
       ist unser Sozialsystem nicht mehr zeitgemäß. Es kommt aus einer Zeit, in
       der Menschen in einem Betrieb angefangen und bis zur Rente dort gearbeitet
       haben. Heute sind allerdings 40 Prozent der Jobs in Hamburg Teilzeit,
       Leiharbeit oder befristet. Dadurch gibt es viele Jobwechsel. Dafür ist
       unser System nicht ausgerichtet.
       
       taz: Was passiert mit dem Bürgergeld, wenn es das Grundeinkommen gibt? 
       
       Brämswig: Ganz wichtig ist es zu sagen, dass das Grundeinkommen kein
       direkter Ersatz für das Bürgergeld ist. Wir wollen kein Aufgehetze zwischen
       Menschen, die Bürgergeld bekommen, und denen, die es nicht beziehen. Das
       tut uns überhaupt nicht gut. Ein Grundeinkommen bekommen deswegen alle.
       Entweder den vollen Betrag oder man gibt durch Steuern wieder so viel
       zurück, dass man nur ein paar Hundert Euro oder weniger erhält, sich zur
       Not aber aufs Grundeinkommen verlassen kann. Diese Sicherung würde es allen
       ermöglichen, sich in der Gesellschaft einzubringen.
       
       taz: Hat Grundeinkommen das Potenzial, dem Krisenfrust etwas
       entgegenzusetzen? 
       
       Brämswig: Ich würde es mir wünschen. Als wir das Projekt vor über sechs
       Jahren – vor Corona – gestartet haben, war die Situation eine ganz andere.
       Jetzt haben wir eine neue wirtschaftliche Situation. Das spielt auch in
       diesen Versuch mit rein. Aber ich glaube fest daran, dass Menschen, die
       eine gewisse Sicherheit haben, auch einfacher durch Krisen gehen können.
       Beim Grundeinkommen gibt man Menschen etwas bedingungslos und vertraut
       darauf, dass sie damit etwas Gutes tun. Dann können die Menschen auch
       Vertrauen zurückgeben. Ein interessantes Ergebnis einer finnischen Studie
       dazu ist genau das: Die Menschen haben dem Staat wieder mehr vertraut.
       Solchen Hinweisen wollen wir nachgehen und sie untersuchen. Ich denke, das
       lohnt sich.
       
       10 Aug 2025
       
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