# taz.de -- Ein Jahr Pflicht für Tethered Caps: Befreit die Deckel!
       
       > Unsere Autorin trinkt gern Smoothies, Milch- und Proteinshakes. Aber die
       > neuen Deckel, die es seit einem Jahr gibt, empfindet sie als
       > Stressfaktor.
       
 (IMG) Bild: Die fest mit der Flasche verbundenen Deckel sind vor allem nervig
       
       Nun [1][gibt es sie schon ein Jahr], und immer noch frusten mich Tethered
       Caps regelmäßig. Zur Erinnerung: Tethered Caps sind die im Juli 2024
       eingeführten neuen Verschlusskappen, die fest mit der Getränkeflasche
       verbunden sind und über die seither leidenschaftlich diskutiert wird. Auch
       mir sind bereits etliche Flaschen ausgelaufen, weil ich den
       pseudorevolutionären EU-Deckel nicht richtig zugeschraubt hatte, ohne es zu
       merken.
       
       Nervös bin ich nun, wenn sich Laptop und Wasserflasche in derselben Tasche
       befinden. Manchmal verzichte ich ganz pragmatisch auf das Getränk. „Hol dir
       einfach eine Mehrwegflasche und füll sie mit Leitungswasser auf“, höre ich
       schon einige sagen. Doch das fade Leitungswasser würde in meinem Rucksack
       nur noch fader werden.
       
       Ich bevorzuge Kohlensäure und Geschmack beim Trinken – kommt beides nicht
       aus dem Wasserhahn. Auch Soda-Mixer sind keine Lösung; wer ständig
       unterwegs ist wie ich, für den ist das einfach impraktikabel. Früher ging
       ich oft spontan in den Supermarkt und holte mir das Getränk, auf das ich
       Lust hatte. Oder gleich zwei. Stressfrei und sorglos transportierbar. Das
       ist vorbei.
       
       Ich trinke gern Smoothies, Milch- und Proteinshakes. [2][Für mich als
       ADHS-Betroffene] waren Trinkmahlzeiten bis zur Einführung dieser
       Zwangsdeckel eine entspannte Frühstücksalternative und schnelle
       Zwischenmahlzeit. Morgens, wenn die Medikamente noch nicht wirken und ich
       besonders schusselig bin, möchte ich weder mit Messern hantieren noch
       Müslischüsseln umwerfen. Trinkmahlzeiten waren die Rettung.
       
       Doch seit der EU-Richtlinie ist das entspannte Expressfrühstück passé. Oft
       tropft mir Flüssigkeit, die sich nach dem Schütteln im Deckel gesammelt
       hat, über den Pulli oder auf den Boden.
       
       Mittlerweile schneide ich die Caps manchmal einfach ab – wenn ich gerade
       eine Schere griffbereit habe. Selbst dabei gab es anfangs noch
       Rückstoßprobleme, die zu Flecken führten. Das passierte auch, als ich bei
       Tetrapacks den Verschluss zu schnell nach oben zog. Plopp, und schon war
       die Milch auf dem Shirt. Tethered Caps kotzen mich an: meistens
       metaphorisch, manchmal buchstäblich.
       
       Dabei hatte ihre Einführung durchaus ein hehres Ziel, nämlich die Zahl der
       in der Landschaft herumliegenden Plastikdeckel zu reduzieren. Ich wäre
       allerdings auch vorher nicht auf den Gedanken gekommen, einen Deckel
       separat wegzuschmeißen. Wieso auch? Bei leeren Flaschen sorgte er dafür,
       dass Resttropfen auf dem Weg zum Müll oder zur Pfandstation nicht
       ausliefen.
       
       Apropos Pfand: [3][In Deutschland werden 97 Prozent der PET-Flaschen
       zurückgegeben, 95 Prozent davon mit Deckel]. Das Problem wurde also schon
       2003 mit [4][der Pfandpflicht] ziemlich erfolgreich angegangen, [5][Jürgen
       „Dosenpfand“ Trittin] sei Dank.
       
       Für mich sind die neuen Deckel ein ungesunder Stressfaktor. Ich trinke
       weniger Wasser, lasse Mahlzeiten aus, kaufe mir seltener Milch und
       Orangensaft im Tetrapack. Weil ich weder Lust habe, den Deckel beim
       Einschenken festzuhalten, noch darauf, dass die Plörre beim Eingießen
       plötzlich über den Deckel hinweg die Ausfahrt Richtung Küchenplatte nimmt.
       Außerdem kriecht die Flüssigkeit oft in den Deckel, trocknet an und riecht
       ekelhaft, dann kippe ich den Inhalt angewidert weg. Natürlich gibt es
       Alternativen wie Glasflaschen, aber die sind meist teurer.
       
       Dass ich mit meiner Kritik zu Tethered Caps nicht allein bin, hat gerade
       erst [6][eine Umfrage des Nürnberger Instituts für Marktentscheidungen]
       gezeigt – 63 Prozent der Befragten fanden die neuen Verschlüsse weniger
       praktisch als herkömmliche.
       
       Und das Deutsche Institut für Normung (DIN) hat schon Ende 2024
       herausgefunden, dass insbesondere Menschen mit eingeschränkter Handkraft,
       Ältere und Menschen mit starker Sehbeeinträchtigung nun Schwierigkeiten
       beim Öffnen und Schließen der Flaschen haben. Alltagsverwirrung haben
       Befragte in der Studie ebenfalls kritisiert. Auch für mich sind die vielen
       unterschiedlichen Verschlusssysteme ähnlich kompliziert wie die tägliche
       Frage, ob der obere oder der untere Lichtschalter zur Küchenlampe gehört.
       
       Die Lass-mich-dran-Deckel sind also nicht nur nervig, sie sind zudem auch
       nicht barrierefrei. Dass Plastiktüten und Strohhalme verboten wurden, kann
       ich verstehen. Aber die Deckel? Haben Probleme geschaffen, wo vorher keine
       waren.
       
       3 Jul 2025
       
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