# taz.de -- Hitzeschutz und Obdachlosigkeit: Immerhin reden wir drüber
       
       > Besonders Menschen auf der Straße sind durch Hitzewellen gefährdet.
       > Berlin verspricht mehr Schutz, ob das klappt ist jedoch eine Frage des
       > Geldes.
       
 (IMG) Bild: Berlins erste Hitzehilfe bietet Zuflucht vor Hitze und Regen (Archivbild)
       
       Berlin taz | Am zweiten Tag nach Beginn der offiziellen Hitzehilfesaison
       ist die Luft warm und schwül, Regen kündigt sich an. Vor dem Eingang der
       Hitzehilfeschutzeinrichtung in Schöneberg stehen am Montagmittag schon die
       ersten Gäste und rauchen. Ein paar Stunden schlafen, duschen, etwas trinken
       und essen oder auch nur den Regen abwarten, all das ist in der vom
       Internationalen Bund betriebenen Einrichtung von Juni bis August möglich.
       
       „Es braucht ein paar Tage, bis sich rumspricht, dass wir offen haben“, sagt
       IB-Regionalleiterin Janette Werner, „aber dann sind wir fast immer voll“.
       Heute, beim Pressetermin zum Beginn der Hitzehilfesaison, meiden die Gäste
       lieber den Aufenthaltsraum, in dem auf einem kleinen Buffet Brötchen,
       Kaffee und Wasserkaraffen ausgelegt sind.
       
       2022 eröffnet, ist der Schutzraum in der Kurmärkischen Straße Berlins erste
       Hitzehilfeeinrichtung. Früher war in der Baracke ein Nachbarschaftszentrum,
       heute überlasst der Bezirk das Gebäude dem IB, um im Winter
       Notübernachtungen und im Sommer Hitzehilfe anzubieten. 35 Menschen finden
       hier Platz. Früher habe man auch schon mehr reingelassen, aber dann komme
       es schnell zu Konflikten, sagt Werner: „Je heißer es ist, umso kürzer ist
       die Zündschnur.“ Dann gebe es auch schon mal Handgreiflichkeiten um das
       letzte Brötchen.“
       
       Aber es sind gerade die heißen Tage, an denen die Temperaturen weit über 30
       Grad steigen, an dem Schutzräume wie in der Kurmärkischen Straße
       Lebensretter sein können.
       
       ## Tödliche Hitze
       
       „Hitze tötet Menschen“, sagt Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer
       Berlin, der auch beim Pressetermin anwesend ist. [1][Neben alten und
       vorerkrankten Menschen] gehören Obdachlose zu der am stärksten gefährdeten
       Gruppe. Schlafen sie in der prallen Sonne unter Alkohol- oder
       Drogeneinfluss ein, kann das schnell tödlich enden. Letztes Jahr gab es in
       Deutschland 4.500 Hitzetote, 2023 waren es in Berlin 105. Der Wert wird
       statistisch errechnet, wie viel es genau sind, ist unklar.
       
       Neben der Einrichtung in der Kurmärkischen Straße gibt es in Berlin noch
       sechs weitere Schutzräume. In Anbetracht der schätzungsweise 6.000 bis
       8.000 Menschen, die auf Berlins Straßen leben, sei das „bei Weitem nicht
       genug“, sagt Peter Bobbert. Aber immerhin sei das Thema mittlerweile in das
       öffentliche Bewusstsein gerückt: „Vor vier Jahren hat noch keiner über
       Hitzeschutz geredet“, sagt Bobbert.
       
       Dabei wird die Notwendigkeit der Umsetzung von Jahr zu Jahr dringender.
       Durch den menschengemachten Klimawandel werden Hitzewellen häufiger und
       länger. „Für dieses Jahr sind wir vorbereitet“, sagt Gesundheitssenatorin
       Ina Czyborra (SPD). So richte man ein Krisenteam ein, [2][dass bei
       Hitzewellen die Umsetzung von Hitzeschutzplänen koordiniert]. Unter anderem
       geht es darum, gefährdete Gruppen wie obdachlose Menschen aufzuklären, über
       kühle Orte zu informieren und Wasser zu verteilen.
       
       [3][Der lange angekündigte Hitzeaktionsplan, der ressortübergreifend
       Maßnahmen vorschlägt, Berlin hitzeresistenter zu machen, lässt aber noch
       auf sich warten]: „Vor der Sommerpause wird es wahrscheinlich nichts mehr“,
       sagt Czyborra. Ob mit oder ohne Hitzeaktionsplan: Welche Maßnahmen
       tatsächlich umgesetzt werden, wird wahrscheinlich von der Haushaltslage
       abhängen. Der Umgang mit dem Vorzeigeprojekt in der Kurmärkischen Straße
       ist da ein schlechtes Omen: Das Projekt wird jährlich verlängert, die
       Gelder werden oft sehr spät bewilligt. „Die Finanzierung kommt oft auf den
       letzten Drücker“, sagt IB-Regionalleiterin Werner. Der Präsident der
       Ärztekammer Bobbert warnt: „Hitzeschutz ist nicht zum Gratistarif zu
       bekommen.“
       
       2 Jun 2025
       
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