# taz.de -- Autor und Agent Forsyth ist tot: Vom Spionieren zum Fabulieren
       
       > Auslandskorrespondent, Autor, Agent: Der britische Bestsellerautor
       > Frederick Forsyth (1938–2025) war alles zugleich. Nachruf auf einen
       > Vielschreiber.
       
 (IMG) Bild: Auch in Schottland ein Star: Frederick Forsyth beim Literaturfestival Edinburgh, 2016
       
       Frederick Forsyth gehört zum britischen Inventar der 1970er und 1980er
       Jahre, seine Bestseller haben ganzen Generationen in Großbritannien den
       Blick auf die aufregende Welt eröffnet. Am Pfingstmontag ist der Erfinder
       des modernen britischen Thrillers im Alter von 86 Jahren gestorben. Sein
       Erbe wirkt merkwürdig aktuell in einer Zeit, deren Skrupellosigkeit in
       vielfacher Hinsicht die Romanvorlagen übertrifft.
       
       Literarisch beheimatet irgendwo zwischen John Le Carré, Chronist des ewig
       zweifelnden Geheimagenten, und Ian Fleming, Erfinder des ewig siegreichen
       Spions James Bond, hat Frederick Forsyth den politischen Thriller neu
       erfunden, als Überhöhung der Realität.
       
       Sein größter Erfolg, „The Day of the Jackal“, inszeniert ein Mordkomplott
       der französischen OAS-Rechten gegen Charles de Gaulle. Auf dem Höhepunkt
       des Algerienkrieges sollte jene Terrorkampagne die Kolonialherrschaft
       bewahren. Das Mordkomplott gab es wirklich, der dafür angeheuerte
       „Schakal“, von dessen Schicksal der Roman handelt, ist Fiktion, aber die
       Art von Fiktion, bei der die Grenze zur Wirklichkeit unsichtbar bleibt.
       
       ## Realistische Vorlage
       
       Forsyth konzipierte die Geschichte 1962 als junger Reuters-Korrespondent in
       Paris just zur Zeit der algerischen Unabhängigkeit und schrieb sie 1970
       angeblich in nur 35 Tagen auf; der Roman wurde von mehreren Verlagen
       abgelehnt, bis er dann doch ersch[1][ien und zum Welterfolg wurde. In
       weiteren Bestsellern wie „The Odessa File“ über geheime deutsche
       Altnazi-Netzwerke] oder „The Dogs of War“ über weiße Söldner in Afrika hat
       Forsyth die Grenze zwischen Fiktion und Fakten immer wieder aufgehoben.
       
       Für den „Schakal“ nutzte Forsyth seine Vertrautheit mit de Gaulles realen
       Leibwächtern, für das SS-Netzwerk seine Erlebnisse als Korrespondent in
       Ostberlin. Die Romane waren so überzeugend, dass sie selbst Wirklichkeit
       geschaffen haben. Der französische Söldnerführer Bob Denard soll sich als
       Putschist auf den Komoren ebenso an „The Dogs of War“ orientiert haben wie
       der britische Söldnerführer Simon Mann später in Äquatorialguinea.
       
       Für den 1938 in einfachen Verhältnissen geborenen Forsyth war Schreiben
       Handwerk, nicht Kunst. Seine Sprache ist verständlich, präzise und direkt,
       so wie man es als Journalist lernt. Er begann seine Karriere ganz klassisch
       als Lokalreporter im ostenglischen King’s Lynn. Bevor er einen Roman in
       Angriff nahm, recherchierte er monatelang am liebsten vor Ort; noch im
       hohen Alter zog es ihn nach Somalia für seinen Islamismus-Thriller „The
       Kill List“.
       
       ## Schlüsselerlebenis Biafra-Krieg
       
       [2][Forsyths Schlüsselerlebnis war der Biafra-Krieg in Nigeria ab 1967,
       dessen Militärregime mit Unterstützung der ehemaligen Kolonialmacht
       Großbritannien und auch der Sowjetunion den Sezessionsstaat „Biafra“ des
       Igbo-Volkes brutal zerschlug, um den Preis einer Hungersnot mit über einer
       Million Toten]. Forsyth schrieb darüber 1969 sein Buchdebüt „The Biafra
       Story“: kein Roman, sondern eine Anklageschrift, in der er zum Schluss kam,
       in Biafra finde ein Genozid statt und die damalige britische
       Labour-Regierung leiste hierfür Beihilfe. [3][Das verhallte ungehört,
       seinen Job war er los, aus der Not wuchs dann „The Day of the Jackal“.] Es
       war der Sprung zum Erfolg.
       
       Dass es neben der ersten Karriere als Journalist und der zweiten als
       Schriftsteller noch eine dritte als Geheimdienstler gab, enthüllte Forsyth
       erst viel später, aber eigentlich ahnte es die Öffentlichkeit ohnehin.
       [4][In einem gewissen englischen Milieu ist die Grenze zwischen
       Journalismus, Schriftstellerei und Agententätigkeit ebenso fließend wie die
       zwischen Fiktion und Wirklichkeit in den Thrillern dazu.] Dieses Milieu
       gehört heute der Vergangenheit an. Zuletzt präsentierte sich Forsyth mit
       Vorliebe als alter weißer Mann, dessen Schreibtätigkeit sich auf
       Leserbriefe an den konservativen Daily Telegraph beschränkt.
       
       Wobei echte Geheimdienstler ja nie verraten, dass sie Geheimdienstler
       gewesen sind; es ist strafbar. Was also genau ist real an Forsyths Leben?
       Vieles nimmt er mit ins Grab. Er bleibt in Erinnerung als Zeichner des
       Welthorizonts des verblassenden Empire – und als Meister der britischen
       Selbstironie.
       
       Bei seiner sensiblen Materie habe er natürlich immer auch verdeckt
       recherchieren müssen, erklärte er in einem seiner letzten Interviews. Wie
       recherchiert man denn verdeckt als bekannter Schriftsteller, fragte der
       Interviewer. „Ich sage, ich bin ein bekannter Schriftsteller und
       recherchiere für mein nächstes Buch“, antwortete Forsyth lakonisch.
       „Komischerweise können die Leute dann nicht den Mund halten.“
       
       10 Jun 2025
       
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