# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Umstrittener Gesandter
       
       > Steve Witkoff soll im Auftrag Trumps eine Waffenruhe in der Ukraine
       > herbeiführen. Sein Ansehen in Moskau und Kyjiw ist recht unterschiedlich.
       
 (IMG) Bild: Der Sondergesandte von US-Präsident Donald Trump, Steve Witkoff, in Washington DC, 19. März 2025
       
       Der US-Sonderbeauftragte Steve Witkoff soll noch diese Woche mit dem
       iranischen Außenminister für neue Atomgespräche zusammenkommen. Wolodymyr
       Selenskyj hatte bereits vor einigen Wochen das Vergnügen mit ihm. Seit dem
       historischen [1][Eklat im Weißen Haus] bemüht sich Selenskyj um eine
       vorsichtige Rhetorik gegenüber Washington. Doch im Fall Witkoff zeigt er
       eine deutliche Abneigung, spricht von einem „Immobilienmakler“ und einem
       „Mann von einem anderen Planeten“, der viel Zeit mit Wladimir Putin
       verbracht habe und daher russische Narrative übernehme.
       
       Selenskyjs Kritik an Witkoff ist begründet. Kein anderer aus Trumps
       direktem Umfeld pflegt so intensive Kontakte zum Kreml wie er. Seit
       Jahresbeginn traf er sich bereits zweimal mit Putin in Moskau. Diese langen
       Gespräche, begleitet von einer russischen Charmeoffensive, scheinen
       Eindruck bei ihm zu hinterlassen. Immer wieder fällt er durch wohlwollende
       Äußerungen über Russland und den Kremlchef auf.
       
       Obwohl er keine ausgewiesene Expertise zur Ukraine besitzt, verbreitet
       Witkoff unkritisch umstrittene Interpretationen der jüngsten ukrainischen
       Geschichte. [2][Die russische Aggression gegen die Ukraine] relativiert er,
       während russische Kriegsverbrechen unerwähnt bleiben. Im Gespräch mit dem
       Moderator Tucker Carlson geht er noch weiter. Er beschreibt Putin als
       „Trumps Freund“ und betont, dass dieser kein schlechter Mensch sei,
       strategisch klug handle und keine Bedrohung für Europa darstelle.
       
       In Moskau werden Witkoffs Äußerungen wohlwollend aufgenommen. Putins
       Pressesprecher Dmitri Peskow äußert die Hoffnung, dass die USA die
       russische Sichtweise auf den „Ukraine-Konflikt“ zunehmend nachvollziehen.
       Einige Publizisten spekulieren sogar, Putin habe Witkoff, der jüdische
       Wurzeln hat, von der Gefahr durch „ukrainische Nazis“ überzeugt.
       
       ## Ein nützlicher Idiot?
       
       Der Politikwissenschaftler Sergei Markow, ein bekanntes Sprachrohr des
       Kremls, fabuliert sogar von Witkoff, dem „guten US-amerikanischen Juden“
       mit Vorfahren aus dem Zarenreich – als Gegenpol zum früheren Außenminister
       Antony Blinken. Blinken, dessen Großvater aus Kiew stammte, wird hingegen
       als „böser Jude“ dargestellt, der mit seiner Unterstützung für die Ukraine
       eine vermeintliche Rache an Russland für die Judenpogrome des frühen 20.
       Jahrhunderts nehmen wollte.
       
       Auch in der Ukraine wird Witkoffs jüdische Herkunft gelegentlich
       thematisiert – teils in antisemitischer Weise. Gleichzeitig befeuern seine
       grotesken Entgleisungen eine in der Ukraine ohnehin verbreitete
       Verschwörungstheorie über den angeblichen KGB-Agenten „Krasnow“. Hinter
       diesem Decknamen soll sich kein anderer als [3][Trump verbergen. Er sei
       angeblich bereits 1987 vom KGB rekrutiert] worden.
       
       Hinzu kommen im postsowjetischen Raum verbreitete Vorstellungen über naive
       und ungebildete US-Amerikaner*innen, die nun auf Witkoff projiziert werden.
       Manche Kritiker*innen in der Ukraine und in Europa halten den
       selbstbewussten, aber unerfahrenen Hobbydiplomaten Witkoff für ein Opfer
       raffinierter russischer Desinformation und damit für einen sogenannten
       „nützlichen Idioten“ des Kremls.
       
       Doch ist Steve Witkoff tatsächlich Putins „nützlicher Idiot“? Der
       polemische Begriff wird häufig mit Wladimir Lenin und seinem schlagfertigen
       Mitstreiter Karl Radek in Verbindung gebracht. Im Kontext des
       Ost-West-Konflikts bezeichnete man als „nützliche Idioten“ vor allem
       Personen aus dem Westen, die sowjetische Propagandanarrative verbreiteten
       und sich für Moskaus Ziele instrumentalisieren ließen, ohne die wahren
       Absichten des Kremls zu erkennen.
       
       ## Anbiederung aus taktischen Gründen
       
       Bereits in den 1930er Jahren erzielte Moskau beachtliche Erfolge bei der
       Rekrutierung „nützlicher Idioten“ – eine Praxis, die nach 1945 fortgesetzt
       wurde. In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Name des
       US-Amerikaners [4][Walter Duranty]. Duranty war Korrespondent der New York
       Times in Stalins Moskau und veröffentlichte Artikel und Bücher, in denen er
       die brutalen Methoden der bolschewistischen Diktatur verharmlost und auf
       die Tradition des „asiatischen Despotismus“ zurückgeführt hat.
       
       Die Berichte über die erschreckende Hungersnot in der Ukraine in den frühen
       1930er Jahren tat der Pulitzerpreis-Träger Duranty zum Beispiel als
       übertrieben ab. Seine These aus dem Jahr 1931, „das heutige Russland kann
       nicht nach westlichen Maßstäben beurteilt oder in westlichen Begriffen
       interpretiert werden“, bleibt bis heute ein Grundprinzip von
       „Russland-Verstehern“ jeglicher Couleur.
       
       Obwohl Duranty das stalinistische Regime eher wohlwollend behandelte, gibt
       es keine Belege dafür, dass er im Auftrag des Kremls agierte. Seine
       Sympathie für die kommunistische Ideologie bleibt fragwürdig. Die
       bolschewistische Führung hielt ihn zwar für einen „nützlichen Idioten“,
       doch vielmehr war Duranty ein geschickter und prinzipienloser Opportunist.
       
       Er verstand die Situation in der UdSSR und die stalinistische
       Herrschaftslogik, suchte aber bewusst die Nähe zur Moskauer Führung, um
       sich Zugang zu exklusiven Informationen zu sichern und seine Karriere
       voranzutreiben. Von diesem perfiden Win-win-Spiel profitierten sowohl der
       Kreml als auch der US-Journalist. Ähnlich scheint auch Witkoff zu handeln.
       Während Moskau ihn für einen „nützlichen Idioten“ hält, ist kaum
       anzunehmen, dass ihm Putins wahre Absichten in der Ukraine verborgen
       bleiben.
       
       Obschon ihm der Kremlchef tatsächlich sympathisch erscheinen mag, hat seine
       Anbiederung vor allem taktische Gründe. Witkoff hofft, sich als Mittler in
       der Deals-Politik der Trump-Administration zu profilieren und das Vertrauen
       seines Chefs zu stärken. Trump selbst – so berichten Insider – ist von
       Putin beeindruckt. Und so sagt Witkoff genau das, was der US-Präsident
       hören möchte. Sollte sich Trumps Haltung ändern, würde er seine Meinung
       entsprechend anpassen. Steve Witkoff ist vor allem ein zynischer
       Opportunist.
       
       10 Apr 2025
       
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