# taz.de -- Festnahme von Ekrem İmamoğlu: „Die Regierung will ihre Gegner spalten“
       
       > Sozialwissenschaflterin Sinem Adar sieht die Festnahme İmamoğlus als Teil
       > einer Strategie. Die EU sieht sie in einer schwachen
       > Verhandlungsposition.
       
 (IMG) Bild: Proteste gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu in Istanbul, Türkei, am Mittwoch, 19. März 2025
       
       taz: Frau Adar, wie bewerten Sie [1][die Vorwürfe gegen Ekrem İmamoğlu?] 
       
       Sinem Adar: Gegen ihn laufen zwei separate Ermittlungen: Einerseits wird
       ihm vorgeworfen, der Anführer einer kriminellen Vereinigung zu sein. Der
       zweite Fall betrifft Vorwürfe, dass er die PKK und eine ihrer
       Schwesterorganisationen unterstützt habe.
       
       taz: Als wie substanziell sehen Sie diese Vorwürfe? 
       
       Adar: Ich habe die ganzen Anklagen nicht gelesen. Aber es ist sehr
       deutlich, dass die regierenden Eliten in Ankara entschlossen sind, İmamoğlu
       aus dem Präsidentschaftsrennen zu entfernen. Um die Rechtsstaatlichkeit in
       der Türkei ist es nicht gut bestellt. Die Vorwürfe müssen vor diesem
       Hintergrund betrachtet werden.
       
       taz: Haben Sie seine Festnahme erwartet? 
       
       Adar: Wir erleben eine extreme Eskalation. Hinter seiner Festnahme steckt
       für die derzeitige Regierung eine Logik: Sie will an der Macht bleiben.
       İmamoğlu ist in der aktuellen politischen Landschaft der stärkste Rivale
       von Präsident Erdoğan bei den Präsidentschaftswahlen 2028. Wir sprechen
       hier von dem prominentesten Kandidaten der größten Oppositionspartei der
       Türkei. Die CHP hat etwa 1 Million Mitglieder [2][und erzielte bei den
       letzten Kommunalwahlen den höchsten Stimmenanteil.]
       
       taz: Sehen Sie eine Verbindung zwischen İmamoğlus Festnahme und der
       Entlassung [3][von Bürgermeistern in überwiegend kurdischen Städten im
       Südosten des Landes?]
       
       Adar: Ja, es gibt einen erheblichen Anstieg der Repression. Seit 2015
       werden stetig kurdische Bürgermeister von ihren Posten abgesetzt. Was wir
       allerdings in den letzten Monaten beobachten, ist, dass die Repression nun
       nicht mehr nur die Kurden betrifft. Der Vorsitzende der
       ultranationalistischen Siegespartei wurde verhaftet und sitzt immer noch im
       Gefängnis. Bürgermeister von İmamoğlus CHP werden wegen ihrer
       Zusammenarbeit mit der prokurdischen Partei DEM entlassen.
       
       taz: Warum? 
       
       Adar: Das fällt in die größere Strategie der Regierungsallianz, ihre
       politischen Gegner zu spalten, während sie gleichzeitig versucht, die
       Opposition nach ihrem eigenen Bild zu formen.
       
       taz: Aber ist das nicht paradox? Die Regierung selbst hat ihre Kontakte zu
       den Kurden intensiviert und den ehemaligen [4][PKK-Führer Abdullah Öcalan
       dazu gebracht, die PKK zur Entwaffnung aufzufordern.]
       
       Adar: Ich sehe das nicht als Widerspruch. Es gibt eine große Ambiguität,
       denn es waren die türkischen Nationalisten und ihr Führer Devlet Bahçeli,
       die diesen Prozess vorangetrieben haben. Einige sehen dies als einen
       Schritt zu mehr Demokratie, andere betrachten es als einen Verrat an
       türkischem Nationalismus. Diese Ambiguität hat es den herrschenden Eliten
       ermöglicht, Unterstützung von konservativen Kurden zu gewinnen, die auch
       schon in der Vergangenheit die AKP unterstützt hatten. Gleichzeitig konnte
       die Regierung Unterstützung von Teilen der Liberalen gewinnen.
       
       taz: Aber glauben Sie nicht, dass İmamoğlus Popularität durch die
       Repression gegen ihn nur steigen wird? 
       
       Adar: Ja, das ist fast ein Naturgesetz, dass dies zu einer sehr starken
       Gegenreaktion gegen die Regierung führen wird. İmamoğlu ist eine sehr
       charismatische Figur und beliebt. Aber die Frage, die sich für mich stellt,
       lautet: Die Leute könnten rausgehen, demonstrieren, aber was kommt danach?
       Ohne größere Strategie der Opposition gäbe es keine oder wenige
       Auswirkungen auf Repression und das autoritäre System. Darüber hinaus: Wenn
       er nicht an den Wahlen teilnehmen kann oder verhaftet wird, könnte er zu
       einem Helden werden.
       
       taz: Welchen Effekt hat die Festnahme auf die türkische Zivilgesellschaft? 
       
       Adar: Es gibt ein starkes Gefühl der Unzufriedenheit innerhalb der
       Bevölkerung, sei es wegen der wirtschaftlichen Missstände oder wegen der
       schlechten Regierungsführung insgesamt. Trotz der Bemühungen der Regierung
       in den vergangenen 23 Jahren, eine Zivilgesellschaft nach ihrem eigenen
       Bild zu schaffen, haben sie das nur teilweise geschafft. Sie erleben immer
       noch Widerstand. Ob dieser Widerstand große Auswirkungen auf das politische
       System insgesamt haben wird, ist fraglich. Aber ich denke, die Regierung
       ist sich dessen bewusst: Als İmamoğlu und 106 andere Personen heute Morgen
       festgenommen wurden, gab es sofort eine Ankündigung des Gouvernats von
       Istanbul, Demonstrationen für die kommenden vier Tage zu verbieten.
       
       taz: Was erwarten Sie angesichts dieser Repression von der Europäischen
       Union? 
       
       Adar: Klar ist, dass es eine starke Verurteilung dessen geben muss, was
       passiert. Es geht hier um demokratische Normen. Angesichts der vielen
       Krisen im Sicherheitsbereich scheint jedoch eine Kooperation mit der Türkei
       nicht zur Diskussion zu stehen. Für die EU ist es wichtig, ein besseres
       Verständnis darüber zu haben, welche Art von Beziehungen sie langfristig
       mit der Türkei aufbauen möchte. Ohne das wird sie immer in einem Konflikt
       zwischen kurzfristigen Wünschen und ihren Werteverpflichtungen stecken
       bleiben.
       
       20 Mar 2025
       
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