# taz.de -- Politische Krise in Südkorea: Südkoreas verbarrikadierter Präsident
       
       > Yoon Suk Yeol stürzte sein Land in eine Krise. Nun stellt sich der
       > suspendierte Präsident über das Gesetz – und entgeht so bisher einer
       > Verhaftung.
       
 (IMG) Bild: „Widersetzen Sie sich der Amtsenthebung“ – Anhänger des angeklagten Präsidenten Yoon protestieren gegen Haftbefehl, 3. Januar 2025
       
       Belrin taz | Yoon Suk Yeol mag an diesem Freitag einen taktischen Sieg
       errungen haben, doch die langfristigen Folgen für Südkoreas Demokratie sind
       zweifelsohne verheerend. Der suspendierte Präsident hat mit Hilfe seines
       Sicherheitsdienstes und einer Soldateneinheit die eigene Verhaftung
       vereitelt. Nie zuvor seit der Demokratisierung des Landes hat ein Politiker
       derart unverhohlen den Rechtsstaat untergraben.
       
       Ein Rückblick: Seit der konservative Präsident [1][Anfang Dezember das
       Kriegsrecht ausgerufen hat] und infolge dessen [2][von seinem Amt enthoben
       wurde], versuchte die Anti-Korruptionsbehörde Yoon Suk Yeol bereits dreimal
       zu einer persönlichen Befragung vorzuladen. Der 64-Jährige verweigerte
       jedoch jegliche Kooperation: Schriftliche Vorladungsdokumente ließ er
       ungeöffnet retournieren, Razzien seiner Büros mit Hinweis auf
       Militärgeheimnisse blockieren.
       
       Die Fahnder wollten sich jedoch nicht weiter an der Nase herumführen lassen
       – und ließen bei der Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl ausstellen. Yoon
       ist schließlich kein bloßer Zeuge in der Causa, sondern der
       Hauptverdächtige: Ihm werden Machtmissbrauch und mutmaßlich Hochverrat
       vorgeworfen – Straftatbestände, gegen die ihn auch seine präsidiale
       Immunität nicht mehr schützen. Im Falle eines Schuldspruchs droht Yoon
       lebenslängliche Haft.
       
       ## Überraschungsbesuch im Morgengrauen
       
       Am Freitag schritt die Anti-Korruptionsbehörde schließlich zur Tat. Den
       Überraschungsmoment hatten die Behörden scheinbar auf ihrer Seite: Noch vor
       Morgengrauen fuhren die Fahnder in dunklen Wagen vor den
       Präsidentenwohnsitz im zentralen Seouler Stadtbezirk Yongsan. Zuvor hatte
       die Polizei bereits die Einfahrt abgesperrt, damit die rund tausend
       ausharrenden Yoon-Unterstützer sie nicht blockieren konnten.
       
       Dann jedoch standen die 30 Beamten, mit 120 Polizisten im Schlepptau, vor
       verschlossenen Toren. Der suspendierte Präsident, mutmaßlich in einem
       Bunker verbarrikadiert, ließ sich zudem durch seinen Sicherheitsdienst und
       einer Soldateneinheit abschirmen.
       
       Nach einer fast sechsstündigen Pattsituation gaben die Fahnder
       unverrichteter Dinge schließlich auf. „Wir haben festgestellt, dass die
       Vollstreckung des Haftbefehls aufgrund der anhaltenden Konfrontation
       praktisch unmöglich ist. Deshalb haben wir die Vollstreckung aus Sorge um
       die Sicherheit des Personals vor Ort ausgesetzt“, ließ die
       Anti-Korruptionsbehörde in einer Stellungnahme mitteilen. Wie es
       weitergehe, würde man nach einer internen Überprüfung klären. Viel Zeit
       bleibt allerdings nicht mehr: Am Montag bereits läuft der Haftbefehl aus.
       
       ## Rückschlag für die Demokratie Südkoreas
       
       Zumindest ist es am Freitag bis auf kleinere Rangeleien weitgehend
       friedlich geblieben. Dennoch waren die Ereignisse für die Demokratie des
       Landes ein schwerer Rückschlag. Denn längst steht der Rechtsstaat Südkoreas
       auf dem Spiel: Ganz offensichtlich stellt sich Yoon über das Gesetz – und
       bislang, so scheint es, kommt er damit sogar durch.
       
       Als der 64-Jährige im Frühjahr 2022 knapp ins Präsidentenamt gewählt wurde,
       versprach er vollmundig, die hochpolarisierte Bevölkerung zu einen. Längst
       jedoch ist Yoon zum größten Aufwiegler der Nation geworden. Mit kruden
       Verschwörungstheorien versucht er weiterhin seine Kriegsrechtsentscheidung
       zu legitimieren und sich selbst als Opfer einer Intrige zu inszenieren.
       
       Von Kommunisten bis zu Nordkorea-Sympathisanten beschwört er Feindbilder
       herauf, die weniger auf Tatsachen als auf einer schwerwiegenden Paranoia
       beruhen. Und wohl vorrangig darauf abzielen, von der eigenen politischen
       Misere abzulenken – etwa den Korruptionsvorwürfen gegen seine Ehefrau.
       
       Doch Yoon Suk Yeol hält weiter an seinem brandgefährlichen Kurs fest. Seine
       Anhänger stachelt er – als angebliche Verteidiger der freiheitlichen
       Ordnung – zunehmend auf. So ließ Yoon noch aus seiner Residenz heraus
       gedruckte Briefe in Form von Flugblättern an seine Unterstützer verteilen,
       die während bitterer Minusgrade vor der Einfahrt kampieren. „Das Land ist
       durch staatsfeindliche Kräfte in Gefahr. Ich werde bis zum Ende kämpfen, um
       die Nation gemeinsam mit Ihnen zu schützen“, heißt es darin.
       
       ## Südkorea vor dem eigenen Präsidenten schützen
       
       Dabei steht für die absolute Mehrheit der Koreaner außer Frage, dass
       vielmehr die Nation vor Yoon geschützt werden muss. Denn am 3. Dezember
       rief der ehemalige Staatsanwaltschaft mit dem kurzzeitigen Kriegsrecht
       längst überwunden geglaubte, autoritäre Geister wach: So ließ Yoon das von
       der Opposition kontrollierte Parlament von Spezialkräften abriegeln und
       ordnete die Verhaftungen von Abgeordneten, Journalisten sowie Beamten der
       Wahlkommission an. Zeugen sprechen auch von einem Schießbefehl, den der
       Präsident ausgegeben haben soll.
       
       Dass es nicht zum Äußersten kam, hat vor allem mit dem moralischen Rückgrat
       der Soldaten zu tun, die die Anordnungen Yoons nur äußerst passiv umgesetzt
       haben. Und auch dem blitzschnellen Vorgehen der Abgeordneten, die in einer
       Nacht-und-Nebel-Aktion eine Abstimmung organisierten, welche Yoon dazu
       zwang, sein Kriegsrecht wieder zurückzunehmen.
       
       Damals schien es, als hätte Südkorea [3][die schwerwiegendste
       Bewährungsprobe seiner Demokratie] dank einer wachen Zivilgesellschaft und
       demonstrierenden Bürgern mit Bravour gemeistert. Nun jedoch wird immer
       offensichtlicher: Die Nachbeben der Staatskrise sind noch lange nicht
       ausgestanden.
       
       3 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kriegsrecht-in-Suedkorea-zurueckgenommen/!6054788
 (DIR) [2] /Regierungskrise-in-Suedkorea/!6056455
 (DIR) [3] /Amtsenthebung-von-Suedkoreas-Praesident/!6056360
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Regierung
 (DIR) GNS
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Misstrauensantrag
 (DIR) Seoul
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Finanzmarkt
 (DIR) Regierung
 (DIR) Amtsenthebungsverfahren
 (DIR) Regierung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Amtsenthebung von Yoon Suk Yeol: Südkorea besteht den Stresstest
       
       Das Verfassungsgericht enthebt Präsident Yoon seines Amtes. Seine
       Unterstützer akzeptieren das Urteil. Doch die Polarisierung des Landes geht
       weiter.
       
 (DIR) Staatskrise in Südkorea: Auf in Richtung Finale
       
       Der suspendierte Präsident Yoon Suk Yeol könnte vorzeitig aus der U-Haft
       freikommen. Vor Gericht muss sich der 64-Jährige dennoch verantworten.
       
 (DIR) Staatskrise in Südkorea: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Yoon
       
       Der entmachtete südkoreanische Präsident Yoon Suk Yeol soll „Anführer eines
       Aufruhrs“ gewesen sein. Gegen den zuvor Festgenommenen wurde
       Untersuchungshaft verhängt.
       
 (DIR) Politische Krise in Südkorea: Banges Warten auf Trump
       
       Südkoreas Präsident Yoons Griff nach der Macht entpuppte sich als Griff ins
       Klo. Nun hofft er auf Schützenhilfe aus Washington.
       
 (DIR) Südkorea in der Krise: Yoon spaltet eisiges Südkorea
       
       In Seoul haben erneut Gegner und Anhänger des abgesetzten Staatschefs
       demonstriert. Eine Frist zu seiner Verhaftung läuft am Montag ab.
       
 (DIR) Lobbyismus in der Politik: Spitzenreiter Finanzbranche
       
       Nicht die Autoindustrie gibt am meisten für Lobbyismus im Bundestag aus,
       sondern die Finanzbranche. Wofür lobbyiert wird, ist seit März
       transparenter.
       
 (DIR) Staatskrise in Südkorea: Ermittler beantragen Haftbefehl gegen Yoon
       
       Der suspendierte südkoreanische Präsident hatte sich nicht zur Vernehmung
       gemeldet. Das von ihm verhängte Kriegsrecht stürzte das Land in eine Krise.
       
 (DIR) Politische Krise in Südkorea: Südkoreas Errungenschaften stehen auf der Kippe
       
       Nach Präsident Yoon Suk Yeol wurde nun auch sein Vertreter Han Duck Soo vom
       Amt suspendiert. Das Machtvakuum in Seoul verschärft sich damit weiter.
       
 (DIR) Wer ist Südkoreas Oppositionsführer Lee?: Unverhofft auf der Überholspur
       
       Nach der Absetzung des Präsidenten gilt Oppositionsführer Lee Jae Myung als
       aussichtsreichster Nachfolgekandidat. Der Linkspopulist polarisiert stark.