# taz.de -- Untergang russischer Tanker: Mit Schaufeln gegen Ölklumpen
       
       > Noch immer sickern Tonnen von Schweröl der verunglückten Tanker ins
       > Schwarze Meer. Freiwillige beseitigen die Folgen der Ölpest vor Russlands
       > Küste.
       
 (IMG) Bild: Seit Wochen werden Ölklumpen angeschwemmt, hier Aufräumarbeiten an einem Strand in Jewpatoria, Krim, am 10.1.2025
       
       Moskau taz | Eigentlich hätte Denis Dawydow weiter die Neujahrsfeiertage in
       Moskau verbringen können. Sie sind sehr lang in Russland. Doch der
       40-Jährige konnte nicht mehr länger zuschauen, wie mehr als 1.200 Kilometer
       von ihm entfernt Tiere verendeten. Wie sich die Sandstrände, an denen viele
       russische Kinder zum ersten Mal das Meer sehen, in ölverpestete Müllhalden
       verwandeln.
       
       Dawydow machte sich auf in den Süden. „Es ist doch unser aller Unglück.
       [1][Das Meer braucht unsere Hilfe]. Es gibt so viel Arbeit“, sagt der
       Lebensmitteltechniker. In diesen Tagen koordiniert er einen
       Freiwilligenstab, der sich um ölverschmutzte Vögel in der
       Schwarzmeer-Kurstadt Anapa kümmert.
       
       Seit Wochen werden in der Region Krasnodar im Süden Russlands Ölklumpen
       angeschwemmt. Mitte Dezember waren in der Meerenge von Kertsch zwischen
       Russland und der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim zwei
       russische Tanker in Seenot geraten.
       
       [2][Tanker, die gar nicht erst hätten in See stechen dürfen], da ihre
       Nutzungsdauer laut russischen Gesetzen 25 Jahre beträgt. Das 1969 gebaute
       Schiff „Wolgoneft 212“ war im Sturm auseinandergebrochen und sank,
       „Wolgoneft 239“, 1973 gebaut, lief auf Grund. Die Tanker waren für den
       Einsatz auf Flüssen gebaut und zum Beladen anderer Schiffe konzipiert
       worden. Wellen von über zwei Metern halten sie nicht stand.
       
       ## „Masut“ nennen es die Russ*innen, ein minderwertiges zähflüssiges
       Schweröl
       
       Doch die Schiffe waren trotz Sturmwarnungen ausgelaufen. Sie hatten
       insgesamt 9.200 Tonnen Öl geladen. „Masut“ nennen es die Russ*innen, ein
       minderwertiges, zähflüssiges Schweröl, das in postsowjetischen Ländern und
       auch in Iran noch als Heizöl verwendet wird.
       
       Im Wasser bildet es Klumpen und sinkt ab. Russische Behörden, die mehrere
       Wochen gebraucht haben, um einen nationalen Notstand auszurufen, sehen
       keine weiteren Methoden, das Öl aus dem Wasser zu entfernen, als das
       schlichte Aufsammeln dieser Klumpen, sobald sie an der Küste angeschwemmt
       werden. Mehr als 65 Kilometer Küste sind mittlerweile von der Ölkatastrophe
       betroffen.
       
       Die Schuldigen hatte Wladimir Putin bei seiner groß inszenierten
       Pressekonferenz im Dezember schnell ausgemacht: Es seien die Kapitäne, die
       den Anker an falscher Stelle geworfen hätten, behauptete Russlands
       Präsident. Die beiden Kapitäne wurden festgenommen. Vor wenigen Tagen gab
       der Kremlchef die Order aus, „eine der größten ökologischen
       Herausforderungen für Russland“ zu beseitigen. Die Beamten vor Ort
       begannen, sich öffentlichkeitswirksam zu rühren. Nicht immer zur Freude der
       Freiwilligen.
       
       „Die Verwaltung versucht nun mit allen Mitteln zu zeigen, dass sie alles
       unter Kontrolle hat. Doch im Moment sieht es eher nach einem Bärendienst
       aus“, sagt Dawydow. Die Behörden ließen Freiwillige, die Vögel putzen,
       festnehmen und hätten ein von Freiwilligen organisiertes
       Rehabilitationszentrum für Vögel geschlossen.
       
       „Ein Skandal. Nun ist es von Offiziellen wieder eröffnet worden, aber die
       Arbeit ist schlecht organisiert“, erzählt der Helfer weiter, der sich
       selbst als Kommunist bezeichnet. Wie viele andere fordert er die Regierung
       auf, die Schiffe zu heben: „Solange die Schiffe im Wasser bleiben, werden
       noch weitere Tonnen Masut ins Wasser und in die Erde sickern.“
       
       ## „Je mehr Menschen hier anpacken, desto schwieriger wird es mögliche
       Sabotageaktionen der örtlichen Verwaltung zu verbergen“
       
       In Beschwerdebriefen der Helfer*innen heißt es: „Die bereitgestellten
       Ressourcen und Arbeitskräfte sind äußerst unzureichend. Statt Bulldozer zu
       verwenden, sind die Menschen gezwungen, das Öl mit Schaufeln und
       Schöpfkellen zu entfernen und dabei giftige Dämpfe einzuatmen.“ Das in
       Säcken gesammelte Öl werde nicht rechtzeitig abtransportiert, sondern lande
       wieder im Sand. „Die Ölklumpen breiten sich weiter aus, Vögel und
       Meerestiere sterben, die Menschen sind erschöpft.“
       
       Gleich nach Bekanntwerden des Tankerunglücks waren Tausende von
       Freiwilligen an die russische Schwarzmeerküste aufgebrochen. Die
       Organisation erfolgt bis heute über Chats. „Wer hat ein Auto?“, „Ich kann
       heute um acht Uhr am Strand sein“, „Ich bringe Suppe vorbei“, „Ich schicke
       Säcke und Masken“, sind Nachrichten, die da ausgetauscht werden. Oder
       einfach: „Ich kann nur aus der Ferne helfen. Womit?“
       
       „Wir brauchen vor allem Leute, die vor Ort anpacken können“, sagt Dawydow.
       „Wir arbeiten praktisch rund um die Uhr, das schlaucht. Aber ich sehe auch,
       wie viel wir bewirken können, das spornt zum Weitermachen an. Wir sind
       Ärzte, IT-ler, Designer, Lehrer, Kleinunternehmer.“ Ihm zufolge kommen die
       Helfer*innen aus Moskau, Sankt Petersburg, Rostow, Woronesch, selbst aus
       Sibirien. „Aber wir sind zu wenige.“
       
       „Für die Verwaltung ist es von Vorteil, wenn nicht so viele Freiwillige da
       sind, die für Aufsehen sorgen“, berichtet er weiter. „Doch je mehr Menschen
       hier anpacken, desto schwieriger wird es, die Folgen dieser Katastrophe und
       mögliche Sabotageaktionen der örtlichen Verwaltung zu verbergen.“
       
       14 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Oelpest-vor-russischer-Kueste/!6060664
 (DIR) [2] /-Nachrichten-im-Ukraine-Krieg-/!6044968
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Inna Hartwich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Umweltkatastrophe
 (DIR) Ölpest
 (DIR) Russland
 (DIR) Schwarzes Meer
 (DIR) GNS
 (DIR) Umweltschutz
 (DIR) Ölpest
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ölpest vor russischer Küste: Immer mehr Delfine verenden im Schwarzen Meer
       
       Der Untergang von zwei Öltankern vor der russischen Küste zieht immer
       weitere Kreise. Schweröl und immer mehr tote Tiere treiben an Land.
       
 (DIR) Ökonom über Sanktionen gegen Russland: „Russland wird immer probieren, die Sanktionen zu umgehen“
       
       Mit gezielten Maßnahmen gegen Öltanker versucht die EU erneut, Russlands
       Wirtschaft in die Knie zu zwingen. Doch das ist nicht einfach, sagt der
       Handelsökonom Julian Hinz.
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Ukraine-Krieg +++: Greenpeace warnt vor russischer Schattenflotte
       
       Russland nutzt für seine Öltransporte oft alte Schiffe, auch auf der
       Ostsee, warnt Greenpeace. Schleswig-Holstein: Thema für
       Umweltministerkonferenz.​