# taz.de -- Plattform mitgeldundverstand.de: „FDP-Inhalte“ getarnt als Bildung
       
       > Finanzminister Lindner und Bildungsministerin Stark-Watzinger bringen
       > ihre „Initiative Finanzielle Bildung“ voran. Sie ernten sehr gemischte
       > Reaktionen.
       
 (IMG) Bild: Aktion unter dem Motto „Bremst euch, Marktradikale!“ von Attac am 15. Oktober 2024
       
       Berlin taz | Jede Ampelpartei hat ihre Lieblingsprojekte. Die SPD das
       Rentenpaket, die Grünen die Kindergrundsicherung. Und die FDP die
       Finanzbildung. Und die läuft – im Gegensatz zu anderen Koalitionsvorhaben –
       ziemlich geräuschlos an. Was wohl daran liegt, dass die Liberalen die
       beiden zuständigen Ressorts innehaben: Finanzen und Bildung.
       
       Und so sind Finanzminister Christian Lindner und Bildungsministerin Bettina
       Stark-Watzinger schon ziemlich weit mit ihren erklärten Zielen zur Stärkung
       der Finanzbildung: Die Plattform „[1][mitgeldundverstand.de]“, die künftig
       umfassend Bildungsangebote bündeln soll, gibt es schon seit Monaten. Ein
       erstes großes Forschungsprojekt zum Thema hat das Bildungsministerium
       (BMBF) im Sommer in Auftrag gegeben. Und das Finanzministerium (BMF) hat
       soeben einen Gesetzentwurf vorgelegt, um „dauerhafte Strukturen“ für eine
       nationale Finanzbildungsstrategie zu schaffen. Unter anderem soll eine neue
       Stiftung entstehen.
       
       Wie viel Resonanz Lindner und Stark-Watzinger damit in der Branche
       auslösen, zeigt das „Festival der Finanzbildung“, das am Dienstag in Berlin
       stattfand. Mehr als 200 Organisationen, Vereine, Unternehmen und Verbände,
       aber auch Forschende oder andere Expert:innen haben nach Angaben der
       Veranstalter Beiträge eingereicht. Unter den 120 Redner:innen sind
       Banker:innen, Unternehmer:innen, „Finfluencer:innen“ (financial
       influencer:innen) und Verbraucherschützer:innen.
       
       „Dass so viele unserer Einladung gefolgt sind […] zeigt uns: Sie sehen auch
       die Bedeutung des Themas“, freute sich Lindner zur Begrüßung.
       Stark-Watzinger lobte die „ganz tolle Bandbreite“ an Festivalbeiträgen, von
       „Stereotypen im Rahmen der Finanzen“ bis hin zu „ganz konkret: fünf Punkte,
       wie lege ich an?“. Mit Finanzbildung könne man nicht früh genug beginnen,
       so die Bundesbildungsministerin.
       
       ## Jugendliche wollen mehr Alltagsbezug
       
       Rückenwind erhalten die beiden FDP-Politiker:innen von der Organisation für
       Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). In einem [2][im Mai veröffentlichten
       Bericht] schlägt sie unter anderem vor, die Finanzbildung bei jungen
       Menschen zu stärken. So wünsche sich eine Mehrheit der 14- bis 24-Jährigen,
       in der Schule mehr über Finanzanlagen oder Altersvorsorge zu lernen.
       
       Diese Leerstelle bestätigt auch die Bundesschülerkonferenz. „Wir fordern
       schon lange mehr alltagsbezogenen Unterricht“, sagt Generalsekretär Fabian
       Schön der taz. Etwa, auf was man bei Handyverträgen achten müsse. Die
       Initiative von BMF und BMBF begrüße der Gymnasiast deshalb.
       
       Doch es gibt auch Kritik an dem Vorstoß. Holger Oppenhäuser ist eigens nach
       Berlin gereist, um beim „Festival“ kritische Flugblätter zu verteilen.
       Oppenhäuser ist bei der Nichtregierungsorganisation Attac für
       Bildungsmaterialien zuständig. „Mit diesem vermeintlichen Bildungsprojekt
       werden FDP-Inhalte wie Schuldenbremse oder Aktienrente beworben“, so
       Oppenhäuser. Dass die Steuerzahler:innen in diesem Jahr dafür rund
       zehn Millionen Euro bezahlen, nennt er einen „Skandal“.
       
       Am Freitag hat Attac zusammen mit der Otto-Brenner-Stiftung eine Studie zur
       Initiative Finanzielle Bildung veröffentlicht. Das Fazit: BMF und BMBF
       wollen damit die Bevölkerung zum Investieren an den Finanzmärkten bewegen.
       „Ein ausgewogenes Bildungskonzept fehlt komplett“, sagt der Berliner
       Erziehungswissenschaftler und Studienautor Thomas Höhne der taz. So sei der
       Fokus einseitig auf die finanzielle Bildung gelegt, dabei umfasse die
       ökonomische Bildung beispielsweise auch sozialwissenschaftliche Konzepte.
       Dieser Aspekt komme jedoch so gut wie gar nicht vor.
       
       ## KMK-Präsidentin skeptisch
       
       Es ist jedoch fraglich, ob Lindner und Stark-Watzinger mit ihrem Anliegen
       überhaupt an den Schulen landen. Die Bundesländer begegnen der Initiative
       mit einer gewissen Skepsis. Entsprechend zurückhaltend äußerte sich die
       Präsidentin der Kultusministerkonferenz und saarländische
       Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) gegenüber der taz.
       Kooperationen mit Banken oder Versicherungen würden dabei helfen,
       Finanzwissen praxisnah zu vermitteln, so Streichert-Clivot. Allerdings
       müssten diese Kooperationen „transparent und im Sinne der Bildungsziele“
       gestaltet werden.
       
       In ihrem Ministerium würden daher die Vorbehalte an der Initiative geteilt.
       Vor allem die Ausrichtung der geplanten Stiftung werde kritisch gesehen, da
       diese die Beteiligung am Kapitalmarkt fördern wolle, um damit
       Wirtschaftswachstum zu generieren. „Finanzbildung sollte jedoch den
       Finanzmarkt differenziert und kritisch beurteilen und dabei vielmehr die
       Eigenverantwortung und den verantwortungsvollen Umgang mit Geld auch im
       gesamtgesellschaftlichen und globalen Kontext in den Mittelpunkt stellen“.
       
       Am Montag hatte bereits die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
       vor einer verengten Finanzbildung gewarnt. Wer junge Menschen als künftige
       Käufer:innen auf Finanzmärkten in den Fokus stelle, so GEW-Vorsitzende
       Maike Finnern, betreibe „ideologische Schmalspurbildung“.
       
       15 Oct 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.mitgeldundverstand.de/fibi/DE/Home/home.html
 (DIR) [2] https://www.oecd.org/de/publications/finanzbildung-in-deutschland_c20b27ac-de.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Pauli
       
       ## TAGS
       
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