# taz.de -- Spurensuche in der Ukraine: In der Steppe der Erinnerung
       
       > Familie, Italien und die Ukraine im Krieg: Nina Kunzendorf liest „Kalte
       > Füße“ der italienischen Bestseller-Autorin Francesca Melandri.
       
 (IMG) Bild: Francesca Melandri, Schriftstellerin, auf der Frankfurter Buchmesse am 16.10.2024
       
       [1][Francesca Melandri] ist eine Schriftstellerin, die ihr Land hartnäckig
       nach seiner Vergangenheit befragt. In bisher drei Romanen – zur
       Südtirolproblematik („Eva schläft“), zu den Jahren des Terrorismus („Über
       Meereshöhen“) und zum italienischen Kolonialismus [2][(„Alle, außer mir)] –
       hat sie diese Introspektionen aber nie zur pompös-sterilen Geschichtsstunde
       genutzt, sondern immer auf die Zumutungen der Gegenwart gezielt.
       
       Zumutungen: Denn wozu brauchen wir Intellektuelle, wenn sie nicht den Mut
       haben, sich zu den großen Fragen der Zeit zu positionieren, analysierend,
       erzählend, zweifelnd?
       
       Der russische Überfall auf die Ukraine war Anlass, die eigene
       Familiengeschichte – die immer ein Wust von Anekdoten und Mythen ist – zu
       lichten. Melandris Vater Franco kämpfte als Soldat der italienischen Armee
       in eben jenen Gegenden, die heute wieder in den Nachrichten auftauchen als
       Schauplätze des ukrainischen Abwehrkampfs.
       
       Wie hängt das zusammen? Damals, der Vater, [3][Faschist] und Offizier, Teil
       des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion; und heute, die russischen
       Gräuel gegen die souveräne ukrainische Nation, die – daran erinnert
       Melandri immer wieder – eben auch ihren eigenen, sehr großen Anteil an der
       Niederlage des Faschismus hat.
       
       ## Gewiefte Erzählerin
       
       „Kalte Füße“ hat sie diese auf Deutsch gerade bei Wagenbach erschienene
       Spurensuche genannt; und so, als Suche, [4][ist sie, eingelesen von Nina
       Kunzendorf, als Produktion von NDR und BR zu hören.]
       
       Zum Vorbeiplätschernlassen eignet sich die Produktion nicht. Melandri ist
       eine gewiefte Erzählerin – sie hat lange als Drehbuchautorin gearbeitet –,
       aber „Kalte Füße“ ist eine Recherche in der erbarmungslosen Eissteppe der
       Erinnerung ebenso wie in den grausamen Youtube-Videos der Gegenwart.
       
       Meldandri schält Erkenntnis heraus und fordert ihr Publikum dabei auch
       heraus. Nina Kunzendorf bringt das brechtisch im Gestus, liest mal fast
       kühl prüfend, mal den Text mit ihrem Timbre zum Glühen bringend.
       
       18 Oct 2024
       
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 (DIR) Ambros Waibel
       
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