# taz.de -- Veränderung beim Hamburger Turbo-Abi: Zehnte-Klasse-Prüfungen fallen weg
       
       > Hamburgs Schulsenatorin schafft Zentralprüfungen in den 10. Klassen am
       > Gymnasium ab. Die Initiative gegen das Turbo-Abi sieht das als
       > Eingeständnis.
       
 (IMG) Bild: Stress im Klassenzimmer: In Zukunft gibt es für Hamburgs Zehntklässler an den Gymnasien ein paar Prüfnungen weniger
       
       Hamburg taz | Mit einem überraschenden Vorstoß meldet sich Hamburgs
       Schulsenatorin [1][Ksenija Bekeris] (SPD) aus den Ferien zurück: Die vor 20
       Jahren eingeführten zentralen Abschlussprüfungen in den 10. Klassen am
       Gymnasium in Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache fallen weg. „Wir
       möchten, dass die Klasse 10, in der es am Gymnasium eine besondere
       Verdichtung gibt, entzerrt wird“, sagte sie dem Hamburger Abendblatt.
       
       Damit versucht die Senatorin, der [2][Volksinitiative „G9 Hamburg – Mehr
       Zeit zum Lernen“] den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die aus Eltern
       bestehende Initiative möchte, dass Hamburgs Gymnasien vom achtjährigen
       Turbo-Abitur zum neunjährigen Gymnasium (G9) zurückkehren. Sie steht in den
       Startlöchern für ein Volksbegehren, dem zweiten Schritt auf dem Weg zu
       einem Volksentscheid: Am 10. September beginnt die dreiwöchige Sammelphase
       für die nötigen 66.000 Unterschriften. Damit rückt das Thema, und das
       besorgt die Senatorin, in das letzte Halbjahr vor der Hamburg-Wahl, das
       „von parteipolitischer Profilierung geprägt“ sei.
       
       Eine Rückkehr zu G9 an Hamburgs Gymnasien, so die Befürchtung, würde die
       Stadtteilschulen schwächen, die bereits das neunjährige Abitur anbieten,
       und zugleich Schulform für alle Kinder und Abschlüsse sind. Deswegen
       einigten sich 2019 SPD, Grüne, CDU und FDP im „Schulfrieden“ auf den Erhalt
       des achtjährigen Gymnasiums (G8).
       
       Doch verstärkt durch die Ausnahmesituation in der Coronapandemie und durch
       inzwischen verdichtete Bildungspläne erhöhte sich bei Eltern eine
       Unzufriedenheit mit diesem Schulsystem, die zur Gründung der
       Volksinitiative führte. Dass es ein Problem gibt, räumt nun auch die
       Schulsenatorin ein. Die Erfahrungen während und nach der Pandemie wiesen
       darauf hin, „dass Hamburgs Schülerinnen und Schüler stark belastet sind“,
       [3][teilte ihre Behörde in einer Pressemitteilung mit].
       
       ## Enges Netz an Lernstandserhebungen
       
       Die [4][Initiative] begrüßt die Bekeris-Ankündigung. Die Aussetzung der
       Prüfungen sei jedoch nur einer von vielen nötigen Schritten, um Hamburgs
       Gymnasien zu entlasten und „Chancengleichheit mit den anderen
       Bundesländern“ herzustellen, die bereits zum G9 zurückgekehrt sind.
       
       „Die Schulsenatorin gibt mit diesem Schritt mittelbar zu, dass Dichte und
       Qualität der Stoffvermittlung im G8-System eben nicht übereinkommen
       können“, sagt Initiativen-Sprecherin Sammar Rath. Die Schüler litten
       zugleich unter zu großer Stoffverdichtung in der Mittelstufe, ergänzt ihre
       Mitstreiterin Iris Wenderholm. Und Gunnar Matschenus, ebenfalls
       Mitstreiter, sieht hier ein Eingeständnis, dass G8 die Jugendlichen
       unverantwortlichem Stress aussetzt.
       
       Sprich: Bekeris Vorstoß hält die Initiative nicht vom Sammeln ab. Das hätte
       im Februar, als die Initiative gerade die für die erste Stufe nötigen
       10.000 Unterschriften beisammen hatte und [5][im Parlament ihr Anliegen
       vortrug], vielleicht noch anders ausgesehen. Üblich war einmal, dass die
       regierenden Parteien mit Volksinitiativen verhandeln, ob ein Kompromiss
       möglich ist. Doch das lehnten SPD, Grüne und die Senatorin hier kategorisch
       ab.
       
       Bekeris sagt auch, die Prüfungen seien verzichtbar, weil Hamburg inzwischen
       ein so enges Netz an Lernstandserhebungen über mehrere Klassenstufen hinweg
       habe, dass man die Entwicklung jedes Schülers auch so beurteilen könne.
       Besagte Tests gibt es allerdings schon seit zwölf Jahren. Warum also reifte
       Bekeris Erkenntnis in der Schulbehörde nicht schon früher? Vermutlich, weil
       ihr Vorgänger Ties Rabe (SPD) sich zu gern als Hardliner profilierte, was
       Bekeris offenbar nicht ist.
       
       Der Raum für Verhandlungen ist damit vielleicht wieder vorhanden. Besser
       wäre es für alle – will man die polarisierte Auseinandersetzung noch
       vermeiden.
       
       27 Aug 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Senatorin-Bekeris-ueber-Schule-ohne-Noten/!6019321
 (DIR) [2] /Volksinitiative-in-Hamburg/!5937629
 (DIR) [3] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/schulbehoerde/veroeffentlichungen/pressemeldungen/2024-08-25-bsb-entlastungen-fuer-gymnasial-schuelerinnen-und-schueler-959126
 (DIR) [4] https://www.g9-hamburg.de/
 (DIR) [5] /Hamburger-Initiative-fuer-G9-Abitur/!5991847
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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