# taz.de -- Journalistische Sorgfalt bei STRG_F: Hat die Kritik geholfen?
       
       > Sechs Monate nach Rezos Kritik räumt Strg_F Fehler ein und verspricht
       > Verbesserungen. Doch die drei neuen Videoreportagen überzeugen nur
       > teilweise.
       
 (IMG) Bild: Eine der neuen Reportagen beschäftigt sich mit dem Bushido-Abou-Chaker-Prozess
       
       Das öffentlich-rechtliche [1][Youtube-Format Strg_F] wagt nach einem halben
       Jahr Pause den Neustart. Nach massiver Kritik an mehreren Reportagen, die
       im November aufkam, nahm sich die Redaktion der Vorwürfe an. Ende Mai
       veröffentlichte der NDR einen 17-seitigen Abschlussbericht. Kurz darauf
       erschienen drei neue Videoreportagen auf Youtube.
       
       Hintergrund der Kritik war eine Reportage, die sich mit dem
       Nahrungsergänzungsmittelhersteller More Nutrition befasste. In dem Video
       kritisierte Strg_F unter anderem [2][den reichweitenstarken Youtuber Rezo],
       der die Firma bewarb. Dieser reagierte mit einem Antwortvideo und
       bemängelte fehlende journalistische Sorgfalt der Redaktion. Aus Rezos Sicht
       hatte die Redaktion ihm nicht genügend Zeit eingeräumt, um auf Fragen zu
       antworten, außerdem seien Fakten nicht ausreichend geprüft worden.
       
       Daraufhin veröffentlichte Strg_F ein Statementvideo: Statt Kritik
       anzunehmen, stritt man Fehler ab, verteidigte sich reflexartig. [3][Ein
       weiteres Video Rezos folgte], ein Shitstorm ebenso. Strg_F sah sich nun
       gezwungen, echte Aufarbeitung zu betreiben. Die sie nun in den vergangenen
       Monaten vollzogen haben.
       
       [4][Der Abschlussbericht] arbeitet die Vorwürfe Rezos im Detail auf,
       befasst sich mit Fehlern und klärt über sachliche Ungenauigkeit auf. Das
       Fazit: Vor allem Zeitdruck und Mangel an personellen Ressourcen hätten zu
       Fehlern geführt. Als Konsequenz wolle man den Output um ein Drittel
       reduzieren, Faktenchecks verbessern, Workflows optimieren und
       Drucksituationen vermeiden. Außerdem wolle man Recherchedokumente
       transparent machen und mehr Vorlauf für Presseanfragen einplanen.
       
       ## Auf Zuspitzungen verzichten
       
       Der Abschlussbericht bleibt trotz detailreicher Aufarbeitung der Fehler
       recht oberflächlich, befasst sich nur mit Vorwürfen, die Rezo ohnehin
       publik machte. Eine Aufarbeitung der Strukturen, die zu journalistischer
       Ungenauigkeit führten, fehlt. Eine Auseinandersetzung mit Zuspitzung und
       Skandalisierung, durch die Strg_F Reportagen häufig geprägt sind, ebenso.
       
       In den drei neuen Reportagen geht es um den Rechtsstreit zwischen Bushido
       und Arafat, Pädokriminalität im Netz und die EU-Grenzschutzagentur Frontex.
       Was auf den ersten Blick auffällt: Sie dauern mit jeweils rund 60 Minuten
       deutlich länger als zuvor. Zudem sind Recherchedokumente mit Quellenangaben
       verlinkt. Doch nicht alle, sondern nur „wichtige Quellen“ aufgelistet. Wie
       ausgewählt wird, welche Quelle im Dokument erscheint, bleibt unklar.
       
       Sowohl in der Bushido-Arafat-Reportage, als auch im Frontex-Video wird mit
       Expert:innen gesprochen. Hier wird deutlich, dass sich Gedanken über
       Schnitt und Thesen gemacht wurde – auf Zuspitzungen wurde verzichtet. Ganz
       im Gegenteil zum Video, das sich mit Pädokriminalität befasst.
       
       ## Boulevardeske Inhalte
       
       Dort geben sich zwei Journalistinnen online als Kinder aus und lassen sich
       von erwachsenen Männern anschreiben. Die Reportage ist verstörend und
       reproduziert sexualisierte Gewalt. Der Schockfaktor nimmt unverhältnismäßig
       viel Raum ein, während Einordnung und Erklärung trotz
       Expert:innenstimmen zu kurz kommen.
       
       Dass Strg_F ein halbes Jahr gebraucht hat, um Vorwürfe, die seit Monaten
       bekannt sind, aufzuschreiben, ohne Strukturen vollständig transparent zu
       machen, ist problematisch. Als [5][öffentlich-rechtliches Format, das eine
       junge Zielgruppe anspricht], sollte die Redaktion sorgfältig arbeiten und
       auf Zuspitzungen verzichten.
       
       Der Weg, den Output zu reduzieren, mag der richtige sein, wenn dafür mehr
       Zeit in einzelne Produktionen fließen kann. Doch das wird nicht reichen. Es
       fehlt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den eigenen boulevardesken
       Inhalten, die keine echten Antworten auf politische und gesellschaftliche
       Fragen liefern – sondern wo es nur um Skandale geht.
       
       24 Jun 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/channel/UCfa7jJFYnn3P5LdJXsFkrjw
 (DIR) [2] /Rezo-veroeffentlicht-neues-Video/!5799129
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=C3dNkubQLSg
 (DIR) [4] https://www.funk.net/channel/strgf-11384?document=abschlussbericht
 (DIR) [5] /Studie-zu-jungen-Medien-Formaten/!5938063
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joscha Frahm
       
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