# taz.de -- St. Pauli verliert Trainer Hürzeler: Der Aufstieg des Aufsteigers
       
       > Vier Wochen nach dem Bundesliga-Aufstieg wechselt St. Paulis Trainer
       > Fabian Hürzeler in die Premier League. Nun muss der Verein schnell Ersatz
       > finden.
       
 (IMG) Bild: Immer weiter nach oben: St. Paulis Aufstiegstrainer Fabian Hürzeler
       
       Hamburg taz | Es ist ein herber Rückschlag für den Bundesliga-Aufsteiger FC
       St. Pauli: Trainer Fabian Hürzeler verlässt den Klub per sofort und
       wechselt in die englische Premier League. Er wird neuer Team-Manager bei
       Brighton and Hove Albion.
       
       Damit ging am Samstagabend eine gute Woche zäher Verhandlungen zu Ende. Die
       Südengländer müssen eine Millionenablöse für den begehrten Trainer zahlen,
       über deren Höhe beide Klubs Stillschweigen vereinbart haben. Das Fachblatt
       Kicker berichtet jedoch, sie liege bei knapp sechs Millionen Euro plus
       erfolgsbezogener Prämien sowie einer Beteiligung St. Paulis, falls Brighton
       seinerseits bei einem späteren Wechsel Hürzelers eine Ablöse erzielen
       sollte. Von bis zu neun Millionen Euro schreibt das Hamburger Abendblatt.
       
       In seiner Mitteilung zu dem Wechsel zitiert der FC St. Pauli Hürzeler mit
       den Worten: „Mit dem Wechsel in die Premier League geht für mich ein Traum
       in Erfüllung, aber ich werde St. Pauli und die unvergesslichen Momente, die
       wir geteilt haben, insbesondere den Aufstieg in die 1. Bundesliga, immer in
       meinem Herzen tragen.“
       
       Dieser wohl unvergesslichste Moment ist gerade einmal vier Wochen her. Da
       feierte der FC St. Pauli den Aufstieg in die Bundesliga als
       Zweitliga-Meister, [1][mit Empfang im Rathaus und einer Sause auf der
       Reeperbahn]. Hürzeler wurde schon eine Woche vorher, als der Aufstieg
       sicher war, von den Fans in die Luft geworfen und von seinen Spielern mit
       Bier übergossen, was ihm sichtlich unwohl war. Etwas gequält hatte er
       damals angekündigt, er werde versuchen, [2][„ein Vorbild in Sachen
       Feierbiest“ zu sein].
       
       ## Fabian Hürzeler schaffte schier Unglaubliches
       
       Er hatte schier Unglaubliches geschafft. Den sechsten Aufstieg in die
       Erstklassigkeit, ja. Aber vor allem das Wie überzeugte. Die Mannschaft des
       FC St. Pauli lag nur einen Punkt vor dem Zweitliga-Letzten, als
       [3][Cheftrainer Timo Schultz 2022 entlassen wurde], nach 17 Jahren im
       Verein und zum Unmut vieler Fans.
       
       Der Unmut legte sich nur allmählich, nachdem Sportchef Andreas Bornemann
       eine interne Nachfolgelösung aus dem Hut zog: Der damals erst 29-jährige
       Fabian Hürzeler stieg vom Co- zum Cheftrainer auf – und führte das Team aus
       dem Stand zu einer Rekordserie von zehn Siegen und am Ende noch auf Platz
       fünf.
       
       Vor allem aber hatte der junge Trainer das Team enorm weiterentwickelt, die
       einzelnen Spieler und auch das Kollektiv. Es folgte eine Saison, in der die
       personell nur geringfügig verstärkte Mannschaft die Liga in beeindruckender
       Weise dominierte, oft eine Klasse besser wirkte als ihre Gegner, und zu
       Recht am Ende ganz oben stand. Hier war eine Einheit gewachsen. Hürzeler
       hat sich daraus nun verabschiedet.
       
       ## St.-Pauli-Fans sind enttäuscht
       
       Natürlich sind die Fans enttäuscht, es steht die Frage im Raum, ob der
       Mann, der eben noch als „Trainergott“ gefeiert wurde, seinen Klub verraten
       habe. Aber das ist nicht nur grundsätzlich die falsche Kategorie im
       Geschäft Profifußball. Sie trifft auch insbesondere auf Hürzeler nicht zu.
       Denn er hat sich nie mehr als nötig für die St.-Pauli-Folklore vereinnahmen
       lassen. Der Mann, der seinen aktiven Karrierehöhepunkt als Spielertrainer
       beim FC Pipinsried in der Regionalliga Bayern hatte, lebt für den Fußball
       als solchen, nicht für einen Verein oder ein Team.
       
       Wenn frühere Weggefährten ihn einen „Fußballverrückten“ nennen, ist das
       ausnahmsweise keine Floskel. Hürzeler war neu in Hamburg und fand in der
       Fußball-Community schnell Anschluss. Es dauerte nicht lange, da trainierte
       er neben seinem Fulltime-Job als Co-Trainer bei St. Pauli abends beim
       [4][Eimsbütteler Turnverband (ETV), einem ambitionierten Fünftligisten].
       Und es hatte einiges mit Hürzeler zu tun, dass der ETV den Sprung in die
       Regionalliga Nord schaffte. Denn er spielte nicht nur selbst, sondern
       wirkte klammheimlich auch hier als Co-Trainer mit. Wenn er nach dem
       Training nach Hause kam, dann schaute er fern. Fußballspiele.
       
       Hürzeler ordnet sein ganzes Leben seinem Sport unter. Und dem Erfolg. Vor
       allem dem eigenen, sagen manche, die ihn kennen.
       
       ## Hürzeler wollte in die Erste Liga
       
       Bei St. Pauli bekamen sie schon einmal einen Vorgeschmack darauf, als der
       Cheftrainer im Frühjahr [5][wochenlang mit einer Vertragsverlängerung
       zögerte], mitten in der entscheidenden Phase des Aufstiegskampfes. Er habe
       damals unbedingt eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag haben wollen,
       heißt es. Hürzeler wollte in die Erste Liga, um jeden Preis. Mit St. Pauli
       oder ohne. Dafür riskierte er sogar den Erfolg der Mannschaft, die gegen
       Ende der Hängepartie tatsächlich verunsichert wirkte.
       
       Schließlich setzte der Verein sich durch, Hürzeler verlängerte ohne
       Klausel. Dass das nicht das letzte Wort sein würde, konnten sich aber alle
       Beteiligten denken. Das Zugeständnis von Hürzeler an den Klub war im
       Wesentlichen, dass der im Falle eines Wechsels eine Ablösesumme frei
       verhandeln könnte.
       
       Der Bundesliga-Aufstieg hatte eine weitere Zusammenarbeit viel
       wahrscheinlicher gemacht. Doch das Angebot von Brighton war nicht
       irgendeins. Hürzeler hatte immer wieder gesagt, dass die Arbeit des
       bisherigen Brighton-Coaches Roberto de Zerbi ihn inspiriere, war deswegen
       auch mehrfach in das Seebad an der englischen Südküste gereist. Denn er
       verfolgt eine ganz ähnliche Spielidee wie der Italiener, Ballbesitzfußball
       mit hohem Pressing und einer starken Spieleröffnung ab der Torwartposition.
       
       ## Jüngster Chef-Coach der Premier-League-Geschichte
       
       Das ist auch den Verantwortlichen in Brighton nicht verborgen geblieben.
       Sie holen ganz bewusst einen Trainer, der von ihrer Mannschaft Dinge
       verlangt, die sie kann. Dafür gehen sie auch das Risiko ein, den jüngsten
       Chef-Coach der Premier-League-Geschichte aus der Zweiten Liga und aus dem
       Ausland zu holen.
       
       Einen allerdings, der es längst gewohnt ist, seine Team-Ansprachen auf
       Englisch zu halten und deswegen kaum Anpassungsprobleme haben dürfte. Es
       ist auch dieses strategische Denken, das Hürzeler reizen muss. Der Klub,
       der einem Poker-Multimillionär gehört, arbeitet in vielen Bereichen mit
       datengestützten Analysen. Wie gemacht für den Akribiker Hürzeler, der
       selbst am liebsten nichts dem Zufall überlassen möchte.
       
       „Der Abgang von Fabian ist ein Verlust für den Verein, aber auch die
       Bestätigung unseres Weges, uns durch Transfererlöse sukzessive
       weiterzuentwickeln“, lässt sich St. Paulis Präsident Oke Göttlich gewohnt
       diplomatisch zitieren. Was Göttlich nicht sagt, ist, dass der Verein die
       Transfererlöse lieber mit Spielern erzielt hätte als mit dem größten
       Trainertalent der jüngeren Vereinsgeschichte.
       
       ## FC St. Pauli sucht neuen Trainer
       
       Wiederholen lässt sich der Coup, den scheidenden Trainer mit einer internen
       Lösung zu ersetzen, nicht ohne Weiteres. Andreas Bornemann sucht deshalb
       extern, würde wohl auch einen Teil der Hürzeler-Ablöse reinvestieren. Laut
       Kicker soll [6][Christian Eichner vom Karlsruher SC hoch im Kurs stehen],
       dessen Ausstiegsklausel jedoch in der Nacht zum Sonntag ausgelaufen sein
       soll.
       
       St. Pauli steht unter Zugzwang: In drei Wochen ist Trainingsstart. Und der
       neue Coach sollte im besten Fall bei der Besetzung der noch offenen
       Positionen im Kader mitreden. Dabei wird Bornemann ein starkes Argument in
       Verhandlungen mit neuen Spielern künftig fehlen: die Aussicht, unter dem
       Bessermacher Hürzeler zu spielen.
       
       16 Jun 2024
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Jan Kahlcke
       
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