# taz.de -- Amtseinführung in Russland: Putin „bis Ende des Jahrhunderts“
       
       > Bei seiner Amtseinführung schwört Putin das russische Volk auf seinen
       > Kriegskurs ein. Für den Präsidenten hat das Vaterland immer den „ersten
       > Platz“.
       
 (IMG) Bild: Geschäftmäßiger Pomp bei der Amtseinführung Putins in Moskau
       
       Moskau taz | Es ist das Wetter, das die Hauptrolle an diesem Tag des Prunks
       spielt. Und das das liefert, was die goldenen Lüster und die marmornen Säle
       in der russischen Herrschaftsfestung zu übertünchen versuchen. Es schneit
       in Moskau, als Wladimir Putin sich in seinem polierten schwarzen Aurus in
       den Kremlpalast kutschieren lässt. [1][Die inszenierte Feierlichkeit] des
       alten und neuen Präsidenten versinkt in der depressiven Stimmung über der
       Stadt, die Minusgrade – es sei der kälteste 7. Mai seit einem
       Vierteljahrhundert, sagt der russische Wetterdienst – spiegeln
       Hoffnungslosigkeit und den politischen Frost wider, die das Land in den
       kommenden sechs Jahren erwartet.
       
       So steht Putin am Treppenende des Palastes, der Schneeregen prasselt auf
       seine Schultern, neben ihm das Rednerpult mit den nassen Mikrofonen, vor
       ihm steht stramm die Präsidentengarde. Die Kamera, die die Bilder seiner
       fünften Inauguration zeigt, präsentiert einen Präsidenten, der allein
       dasteht, entfremdet vom Land und seinen Menschen. Gefangen in seinem Wahn
       von Russlands Größe, in seinen unversöhnlichen Gelüsten, es der ganzen Welt
       zu zeigen.
       
       Und wenn es sein muss, dann eben mit Atomwaffen, wie er am Vortag der
       Amtseinführung gedroht hatte. Eine Welt ohne Russland sei für den
       71-Jährigen keine Welt, erklärt er immer wieder. Dem Dialog mit dem Westen
       sei er natürlich nicht abgeneigt, sagt er, „aber ohne ihre Überheblichkeit
       und Wichtigtuerei“. Der Westen habe die Wahl: „Will er die Aggression
       fortsetzen oder doch nach einem Weg der Zusammenarbeit suchen?“
       
       Die pompöse Zeremonie lässt Putin fast schon geschäftsmäßig über sich
       ergehen. Lange Kamerafahrten begleiten ihn von seinem Arbeitszimmer, wo er
       noch schnell einen Blick in seine Dokumente wirft und sein Jackett
       zuknöpft, in den Heldensaal des Heiligen Georgs, durch den Alexandersaal
       bis in den Thronsaal des Kremls hinein. Hier legt er vor mehr als 2.600
       Zuschauer*innen – darunter auch Soldat*innen seiner „militärischen
       Spezialoperation“ in der Ukraine und Kinder der gefallenen „Helden“ – seine
       rechte Hand auf die russische Verfassung und schwört, „die Menschenrechte
       und die Freiheiten jedes Bürgers zu achten und zu schützen, die Verfassung
       der Russischen Föderation zu verteidigen und die Souveränität und die
       Unabhängigkeit des Staates zu wahren“.
       
       ## Wahlergebnis ist für Putin der richtige Kurs
       
       Derweil werden Tausende Russ*innen wegen ihrer Kritik an der Regierung
       und der Armee verklagt, sitzen Dutzende Politgefangene in russischen
       Strafkolonien ein, werden etliche wegen „Extremismus“ verfolgt. Die
       Verfassung hatte Putin 2020 auf verfassungswidrige Weise umschreiben
       lassen, sodass er sich bis an sein Lebensende wiederwählen lassen kann. 87
       Prozent brachte ihm die „Wahl“ im März ein. „Towarischtsch Präsident“, wie
       er anknüpfend an sowjetische Traditionen im Kreml genannt wird, sieht in
       [2][dieser Bestätigung die „Richtigkeit“ seines Kurses.]
       
       In seiner achtminütigen Rede spricht er von „traditionellen Werten“,
       „Volkserhaltung“ und der „Einzigartigkeit Russlands“. „Auf den ersten Platz
       müssen wir immer unsere Heimat stellen“, sagt er. Der Kreml vereinnahmt
       mittlerweile jeden Einzelnen für den Erhalt seines Status quo. [3][Putin
       stellt an die Menschen neue Ansprüche], fordert nicht mehr nur die
       schweigende Zustimmung, sondern macht sie zu Komplizen seines Regimes: Sie
       sollen für die von den Machthabern ausgemachten Helden jubeln, sollen an
       den russischen Sieg glauben.
       
       „Alle zusammen werden wir siegen“, ist seine Losung. Zur „neuen Elite“ im
       Land sollen die werden, die sich an der Front und in den Militärfabriken
       fürs Vaterland aufopfern, das ist Putins Ziel. Dafür lässt er sich vom
       höchsten Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche segnen. „Hoheit“ nennt
       ihn Patriarch Kirill in der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Kreml. Wie
       die früheren Zaren. Er vergleicht ihn mit Alexander Newski, Russlands
       sagenumwobenen Nationalhelden und Heiligen der Kirche, der als Fürst von
       Nowgorod im 13. Jahrhundert mehrere Schlachten gewann. Putin wird nicht mit
       heiligem Öl bestrichen, mit Worten aber gesalbt: Kirill wünscht ihm eine
       „Herrschaft bis zum Ende des Jahrhunderts“.
       
       7 May 2024
       
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