# taz.de -- Verschwörungsmythen bei Aids und Corona: Schluss mit der Schwurbelei
       
       > Wird die Wissenschaft geleugnet, hat das fatale Folgen, das zeigte schon
       > die Aids-Pandemie. Daraus haben wir für die Coronazeit leider nichts
       > gelernt.
       
 (IMG) Bild: Protest vor dem Brandenburger Tor in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung und vor allem gegen das „Impfen“ im Juli 2022
       
       „Wir wollen doch nur eine Debatte.“ Das ist das Lieblingsargument von
       Aids-Leugner:innen wie der [1][US-Amerikanerin Christine Maggiore Anfang
       der 1990er] Jahre. Sie wollten damals darüber diskutieren, ob das HI-Virus
       wirklich die Immunschwächekrankheit Aids auslöst. Maggiore und ihre
       Anhänger:innen hatten von Biologie, von Zellen und Viren kaum einen
       Schimmer. Aber sie wollten mit hochdekorierten Wissenschaftler:innen
       diskutieren. Auf Augenhöhe. Und zwar eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt
       bereits seit zehn Jahren beantwortet war.
       
       Nein, nicht jeder hat einen Anspruch auf eine Debatte. Egal wie laut er
       oder sie das auch fordert. Und Maggiore und ihre Anhänger:innen waren
       laut. Sie stürmten Kongresse, beschimpften Wissenschaftler:innen, drohten
       Journalist:innen. Und sie fluteten das Internet mit ihren kruden Thesen
       über die sogenannte Aids-Lüge. Nach der war Aids eine [2][Erfindung von
       Gesundheitsbehörden und der Pharmaindustrie.] Maggiore war selbst
       HIV-positiv. Damals noch ein Todesurteil. Die Leugnung war für sie die
       einzige Möglichkeit, der Realität zu entkommen.
       
       Lange vor Corona gab es also auch schon Leugner:innen und
       Querdenker:innen. In der Aids-Pandemie hatte ihr Handeln schwerwiegende
       Folgen. In Südafrika sind zahlreiche Menschen gestorben, weil ihr Land eine
       Zeit lang vom [3][Aids-Leugner Thabo Mbeki] regiert wurde. Man hätte daraus
       einiges lernen können. Dass das nicht passiert ist, ist ein großes
       Versäumnis. Bei Corona darf sich das nicht wiederholen.
       
       Am 23. April 1984, also genau vor 40 Jahren, beruft die US-amerikanische
       Gesundheitsministerin Margaret Heckler eilig eine Pressekonferenz ein und
       gibt feierlich bekannt: Die Ursache von Aids sei gefunden. Ein Virus. Der
       Entdecker: der US-amerikanische Forscher Robert Gallo.
       
       ## Kein Durchbruch, sondern kommunikatives Desaster
       
       Was eigentlich wie ein Durchbruch klingt, entpuppt sich als kommunikatives
       Fiasko. Vor Gallo hatten schon französische Forscher dasselbe Virus
       entdeckt. Erwähnt werden sie auf der Pressekonferenz nicht. Heckler war
       vorgeprescht, sie wollte den Durchbruch und die mit dem Verkauf der
       HIV-Tests verbundenen Einnahmen für die USA reklamieren. Das französische
       Forscherteam klagt. Ein jahrelanger Rechtsstreit und eine diplomatische
       Krise entbrennen.
       
       Dieser Moment gilt als Stunde null der so genannten Aids-Leugner:innen. Sie
       sagen, das HI-Virus sei harmlos und Aids eine Erfindung. Der Skandal um die
       Pressekonferenz ist Wasser auf ihre Mühlen. Denn in ihrer Eile ist Heckler
       noch ein weiterer Fehler unterlaufen. Zum Zeitpunkt der Verkündigung ist
       der wissenschaftliche Nachweis noch gar nicht abgeschlossen. Für die
       Leugner:innen ist damit klar: Hier sollen Fakten geschaffen werden.
       Jeder, der jetzt noch etwas anderes behaupte, werde als Häretiker
       gebrandmarkt. Es gibt jetzt eine staatlich vorgegebene Meinung. Man solle
       mundtot gemacht werden. Aus einer Unstimmigkeit leiten sie gleich die ganz
       große Verschwörung ab.
       
       Kommunikation entscheidet über Glaubwürdigkeit. Jede Ungenauigkeit und
       kleinste Fehler torpedieren dieses wertvolle Gut. Wenn Wissenschaft
       politisch instrumentalisiert wird, wenn Wissenschaft dazu dient, im
       Nachhinein politische Entscheidungen zu rechtfertigen, kommt zu Recht
       Misstrauen auf. Gerade in Krisenzeiten sollten beide Bereiche auf eine
       strikte Trennung achten. Das galt für Aids und das gilt auch für Corona.
       
       Eine entscheidende Rolle spielen in Krisenzeiten auch Medien. Es ist
       richtig und wichtig, über Leugner:innen und ihre Behauptungen zu
       berichten. Solche Narrative lassen sich nicht einfach ignorieren. Nur ist
       es ein Fehler, ihre Aussagen als Beitrag zu einer Debatte einzustufen. Ihre
       Verschwörungserzählungen dürfen nicht gleichberechtigt neben erwiesenen
       Fakten stehen. Coronaleugner:innen [4][haben nichts in Talkshows
       verloren.] Sie haben nichts zum Diskurs beizutragen. Wer sie einlädt,
       stellt sie auf eine Bühne, auf die sie nicht gehören.
       
       ## Leugner:innen wollen predigen
       
       Das hätte man aus der Aids-Pandemie für die Zeit mit Corona längst lernen
       können. Leugner:innen wollen in Wahrheit nicht debattieren, sie wollen
       predigen. Sie diskutieren nicht ergebnisoffen, sondern wollen überzeugen.
       Sie ignorieren Fakten und sie stellen Fragen, die längst beantwortet sind.
       
       Das ganze Phänomen der Krankheitsleugnung ist nichts Neues und nichts
       Ungewöhnliches. Cholera, Malaria, Spanische Grippe, Tuberkulose – auch da
       traten schon Zweifler:innen und Skeptiker:innen auf. Sie
       verschwanden nur schnell wieder, sobald die Ursachen gefunden wurden. Bei
       Aids und später auch bei Corona war es anders. Das sind die beiden ersten
       Pandemien in Zeiten des Internets. Durch das Internet erhalten Irrglauben
       und falsche Behauptungen eine neue Haltbarkeit und Reichweite. Sie wirken
       größer, als sie sind. Und wirken schnell gleichberechtigt zu Fakten und
       Realität.
       
       Es hätte sicherlich geholfen, wenn jemand während der Coronapandemie darauf
       hingewiesen hätte, dass Leugnungsbewegungen zu Beginn neuer Krankheiten
       immer wieder entstehen. Dass sie meist aus Angst, Unsicherheit und
       Verzweiflung entstehen. Dass eine inhaltliche Debatte mit ihnen zu nichts
       führt und dass sie gefährlich werden können. Es hätte auch geholfen,
       Politik, Wissenschaft und Medien beizeiten daran zu erinnern, dass ihre
       Glaubwürdigkeit in Krisenzeiten besonders zur Disposition steht. Dass sie
       klar und [5][transparent kommunizieren] müssen, um Brandstifter:innen
       keinen Raum zu geben. Dass Schlingerkurse und zwielichtige Maskendeals
       fatale Folgen haben. Dass [6][geschwärzte Sitzungsprotokolle] Stoff für
       neue Verschwörungsmythen sind.
       
       Für alle Beteiligten ist eine neue Pandemie eine extreme Ausnahmesituation.
       Da werden Fehler gemacht. Die klar zu benennen ist die einzige Möglichkeit,
       sie nicht zu wiederholen. Irren ist menschlich – das Bekenntnis dazu auch.
       
       23 Apr 2024
       
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