# taz.de -- Drogenkartell mischt im Wahlkampf mit: „Wir wissen, wo du lebst“
       
       > Schwere Vorwürfe gegen Ex-Präsidenten: Das mexikanische Sinaloa-Kartell
       > soll den Wahlkampf von Andrés Manuel López Obrador finanziert haben.
       
 (IMG) Bild: Morgendliche Pressekonferenz des mexikanischen Präsidenten AMLO im Februar 2023 in Mexiko-Stadt
       
       Hat das Sinaloa-Kartell den Wahlkampf des [1][mexikanischen] Staatschefs
       Andrés Manuel López Obrador finanziert? Mit dieser Frage haben jüngst
       mehrere Journalist*innen, unter ihnen Anabel Hernández für die Deutsche
       Welle und Natalie Kitroeff für die New York Times, für Wirbel gesorgt.
       Dabei ging es nicht um die im Juni in Mexiko anstehenden
       Präsidentschaftswahlen, zu denen López Obrador ohnehin nicht mehr antreten
       darf.
       
       Dessen Kampagne für den Urnengang im Jahr 2006 sei von der
       Mafiaorganisation mit Millionen US-Dollar unterstützt worden, schrieb
       Hernández. Sogar noch 2018, also in der jetzigen Amtszeit des
       Staatsoberhaupts, habe es Treffen zwischen seinen Vertrauten und Anführern
       des [2][Sinaloa-Kartells] gegeben, ergänzte die Times. Die Quelle: drei
       Informanten, „die sich im Thema auskennen“.
       
       [3][López Obrador], kurz AMLO genannt, verlor die Wahl 2006 vermutlich
       aufgrund eines Betrugs seines konservativen Konkurrenten Felipe Calderón.
       Das ist Geschichte. Die „Enthüllungen“ von 2018 könnten aber angesichts der
       anstehenden Wahl, in der López Obrador seine potenzielle Nachfolgerin
       Claudia Sheinbaum promotet, große Wirkung entfalten. Zumal der
       Linkspolitiker sich gerne als Saubermann inszeniert, der den Korrupten des
       alten Regimes den Kampf angesagt hat.
       
       Doch die Beweislast ist dünn. Alle Informationen entstammen offensichtlich
       den Archiven der US-Antidrogenbehörde DEA. Kitroeff selbst erklärt, warum
       die Recherchen wenig hergeben: „Ein guter Teil der von den Beamten
       zusammengesammelten Informationen stammt von Informanten, deren Aussagen
       sich schwer erhärten lassen und gelegentlich inkorrekt sein könnten.“
       
       Hernández sparte sich gleich den Konjunktiv und schrieb von „soliden
       Beweisen“ und „vertrauenswürdigen Berichten“. Die Kriminellen hätten im
       Gegenzug für die Zahlungen Schutz vor staatlicher Verfolgung und
       Mitspracherecht bei der Ernennung des Generalstaatsanwalts erwartet.
       
       ## Vorwürfe de facto unbewiesen
       
       Die de facto unbewiesenen Vorwürfe ließen Kritiker*innen wie den
       Journalisten Temoris Grecko vermuten, dass die DEA gezielt Infos
       weitergebe, um auf den mexikanischen Wahlkampf Einfluss zu nehmen. Die
       US-Behörde habe noch Rechnungen mit López Obrador offen, schreibt er.
       
       Zum Beispiel, weil der Staatschef die Handlungsfreiheit der in Mexiko
       aktiven DEA-Beamten eingeschränkt habe. Doch selbst die US-Regierung legt
       keinen Wert darauf, den Vorwürfen gegen López Obrador auf den Grund zu
       gehen. Schließlich ist auch in den USA Wahlkampf, und da braucht Joe Biden
       AMLO als Verbündeten bei der Eindämmung der Migration.
       
       Was auch immer an den Berichten dran ist, für das Sinaloa-Kartell lief nach
       2006 ohnehin alles besser, nachdem Calderón das Rennen machte. Der
       Konservative entfachte unter Führung seines Sicherheitsministers Genaro
       García Luna einen „Krieg gegen die Drogenmafia“, der in erster Linie gegen
       die Gegner dieser kriminellen Organisation geführt wurde. Und García Luna
       sitzt jetzt in den USA hinter Gittern, weil er für die Sinaloa-Mafia tätig
       war.
       
       Doch AMLO wäre nicht AMLO, wenn er die Vorwürfe einfach ins Leere hätte
       laufen lassen. Also veröffentlichte er jüngst auf einer Pressekonferenz die
       Telefonnummer der New-York-Times-Korrespondentin Kitroeff.
       
       ## Journalisten leben in Mexiko gefährlich
       
       Dass das in einem Land, das zu den tödlichsten für Journalist*innen
       zählt, auf scharfe Kritik stieß, wollte er nicht nachvollziehen. Soll sie
       halt ihre Telefonnummer wechseln, fand er. Es gehe schließlich um „die
       Würde des Präsidenten von Mexiko“. Der Korrespondentin werde „absolut
       nichts passieren“, versicherte López Obrador, in dessen Amtszeit laut
       Reporter ohne Grenzen 46 Medienschaffende ermordet wurden.
       
       Und beinahe wären es schon 47. Vergangene Woche verschleppten Unbekannte
       den Journalisten Jaime Barrera. Nur großer öffentlicher Druck sorgte dafür,
       dass er zwei Tage später wieder freikam. Es sei eine Warnung wegen seiner
       Berichterstattung gewesen, sagte Barrera und zitierte seine Entführer: „Wir
       wissen, wo du lebst und wo du und deine Familie sind.“
       
       20 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Mexiko/!t5009041
 (DIR) [2] /Auftragssongs-fuer-Mexikos-Drogenbosse/!5982963
 (DIR) [3] /Andres-Manuel-Lopez-Obrador/!t5501587
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf-Dieter Vogel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mexiko
 (DIR) Kolumne Latin Affairs
 (DIR) Drogenschmuggel
 (DIR) Drogenkartell
 (DIR) Andrés Manuel López Obrador
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Kolumne Latin Affairs
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
 (DIR) Kolumne Latin Affairs
 (DIR) Kolumne Latin Affairs
 (DIR) Kolumne Latin Affairs
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vor den Wahlen in Mexiko: Fürsorge mit Kalkül
       
       Das Viertel Iztapalapa in Mexiko-Stadt gilt als soziales Vorzeigeprojekt.
       Die Investitionen dort sollen Arme vor den Wahlen auch milde stimmen.
       
 (DIR) Geistliche in Mexiko: Rausch oder Verbrechen
       
       In Mexiko rätselt man, ob Bischof Salvador Rangel sich ein paar schöne Tage
       gemacht hat oder Opfer von Banden wurde. Beides wäre nicht ungewöhnlich.
       
 (DIR) Nach Wahlkampfberichterstattung: Journalist in Mexiko getötet
       
       Der Reporter Roberto Carlos Figueroa wurde zusammen mit einer weiteren
       Person am Samstag erschossen. Ein Journalistenverband fordert eine
       Untersuchung.
       
 (DIR) Drogenkrieg in Mexiko: Das Grauen ist allgegenwärtig
       
       Der Drogenkrieg hält Mexiko in Atem. Die Mafia hat überall Gefolgsleute.
       Dagegen richtet nicht mal Präsident Andrés Manuel López Obrador etwas aus.
       
 (DIR) Auftragssongs für Mexikos Drogenbosse: Peso Pluma schreibt fürs Kartell
       
       Musiker Peso Pluma besingt Mexikos Narco-Bosse – und alle lieben ihn dafür.
       Fast alle. Denn der Drogenkrieg zieht auch an Pluma nicht vorbei.
       
 (DIR) Journalismus in Mexiko: Realität ignorieren und umschreiben
       
       Der mexikanische Präsident López Obrador spricht von einer Lügen-Kampagne
       gegen ihn. Währenddessen werden weiter wöchentlich Journalisten ermordet.