# taz.de -- Pilotprojekt zur Müllvermeidung: Weißburgunder aus Bierflaschen
       
       > Das Freiburger Staatsweingut schließt sich dem Mehrwegsystem der
       > Brauereien an: Es füllt Wein in Halbliterflaschen mit Kronkorken ab.
       
 (IMG) Bild: Wein in Mehrweg-Bierflaschen?
       
       Freiburg taz | Ein Pilotprojekt könnte den Weinhandel umkrempeln: Das
       Staatsweingut Freiburg hat dieser Tage einen [1][Wein] in
       Mehrweg-Bierflaschen auf den Markt gebracht. Ziel dieses Vorstoßes ist
       [2][der Aufbau eines Mehrwegsystems auch in der Weinbranche].
       
       Weil ein eigenes System für die Winzer zu aufwändig wäre, docken diese sich
       nun kurzerhand an das etablierte System der Brauereien an und greifen auf
       die typische Halbliterflasche mit Kronkorken zurück. So können Kunden die
       leeren Weinflaschen überall dort abgeben, wo es das Bier in der
       Standardflasche zu kaufen gibt – unabhängig davon, ob der Händler die
       betreffende Weinflasche im Sortiment hat.
       
       Dass ein solcher Vorstoß aus Freiburg kommt, überrascht nicht, wenn man in
       die Geschichte zurückblickt. Im nahegelegenen Breisach betrieb die Firma
       Südglas einst eine Anlage, die zeitweise mehr als 20 Millionen
       Mehrweg-Weinflaschen pro Jahr reinigte. Dabei handelte es sich noch um
       Literflaschen, die vor allem in der Gastronomie Absatz fanden. Mit dem
       Durchmarsch der Dreiviertelliterflasche brach das Mehrwegsystem jedoch
       zusammen; die Spülanlage wurde 2017 stillgelegt.
       
       Weil ein sinnvolles Mehrwegsystem vor allem auch einheitliche Gebinde
       braucht, wählte man nun den pragmatischen Schulterschluss mit der
       Brauwirtschaft. Das Hauptproblem seien die Etiketten gewesen, sagt Kolja
       Bitzenhofer, Leiter des Staatsweingutes. Denn diese dürfen sich von den
       Weinflaschen selbst dann nicht lösen, wenn diese mit Eis gekühlt werden.
       
       Andererseits aber müssen die Etiketten sich in der Reinigungsanlage beim
       Kontakt mit der Waschlauge umgehend ablösen, ansonsten werden die Flaschen
       dort automatisch aussortiert und landen im Altglas. „Wir haben 25 Etiketten
       getestet, bis wir die passende Lösung hatten“, sagt Bitzenhofer.
       
       ## Größtes Hemmnis: die Tradition
       
       Im ersten Anlauf wurden nun 2.000 Flaschen des meistverkauften
       Weißburgunders in Bierflaschen abgefüllt; aber auch alle anderen Weine
       könne man problemlos in Flaschen mit Kronkorken abfüllen, heißt es. Zum
       Start vermarktet das Staatsweingut die Flaschen in seinen eigenen lokalen
       Verkaufsstellen und im Online-Shop.
       
       Erklärtes Ziel ist es aber, die Flaschen bald auch im klassischen Getränke-
       und Lebensmittelhandel zu etablieren und auch andere Weingüter zur
       Nachahmung zu gewinnen. „Als Einrichtung des Landes Baden-Württemberg
       wollen wir Innovationen in der Branche anstoßen“, sagt Bitzenhofer. Das
       größte Hemmnis dabei sei oft die Tradition. Dass Bierflaschen mit
       Kronkorken und Weinflaschen heute häufig mit Schraubverschluss angeboten
       werden, sei die pure Gewohnheit. Grundsätzlich könnte man es auch umgekehrt
       halten.
       
       Ökologisch wäre der Schwenk der Winzer in Richtung Mehrweg ein Gewinn. Nach
       Zahlen der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in
       Veitshöchheim ist [3][die Einwegflasche nämlich für 32 Prozent der gesamten
       CO2-Emissionen verantwortlich, die bei der Herstellung des Produkts
       entstehen]. Damit emittiere man bei der Produktion der Einwegflaschen mehr
       CO2 als bei der Bewirtschaftung der Reben im Weinberg.
       
       Glas-Mehrwegflaschen werden immerhin bis zu 50 Mal neu befüllt. Die
       Einheitlichkeit der Flaschen führt zugleich dazu, dass die Transportwege
       reduziert werden. Wird eine leere Mehrweg-Weinflasche in Norddeutschland
       zurückgegeben, muss sie schließlich nicht wieder in den Süden transportiert
       werden, sondern kann bei der nächstgelegenen Brauerei neu befüllt werden.
       
       ## Auch anderswo Mehrwegprojekte für Wein
       
       Die Freiburger Initiative ist nicht die erste, die Mehrwegflaschen zurück
       in den Weinhandel bringen will. Im württembergischen Möglingen gründeten
       zehn Betriebe im Januar die Wein-Mehrweg eG, die aber im Unterschied zu den
       Freiburgern auf ein eigenes System mit Dreiviertelliterflaschen setzt.
       „Mittelfristig“ wolle man erreichen, dass diese „einen erheblichen Teil der
       bisherigen Einwegflaschen“ ersetzen.
       
       Zum Start sollen die Flaschen zur Spülanlage in Möglingen zurückkehren,
       später könnten sich weitere Spülanlagen anschließen, so die Genossenschaft.
       Aber auch beim Abfüllen in Bierflaschen sind die Freiburger nicht ganz die
       Ersten. Das pfälzische Bioweingut Galler präsentierte ein solches Konzept
       bereits im März 2023 auf einer Weinmesse.
       
       Ob das Mehrwegsystem der unterschiedlichen Akteure Zukunft hat, wird nun
       vor allem von einem Faktor abhängen: der Kaufentscheidung der Kunden.
       Sollte die erste Charge der ungewohnten Weinflaschen sich schnell
       verkaufen, sei man zügig in der Lage, das Kontingent zu erhöhen, heißt es
       in Freiburg.
       
       29 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wein/!t5010510
 (DIR) [2] /Die-Verstaendnisfrage/!5949631
 (DIR) [3] https://www.lwg.bayern.de/weinbau/087354/index.php
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernward Janzing
       
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