# taz.de -- Expertin über Tod in sozialen Medien: „Trauer braucht keine smarte Lösung“
       
       > Ein Mensch stirbt, doch sein Instagramprofil bleibt. Elaine Kasket gibt
       > Tipps, wie sich der digitale Nachlass regeln lässt.
       
 (IMG) Bild: Viel Zeit unseres Lebens spielt sich am Bildschirm ab und viele unserer digitalen Spuren bleiben über den Tod hinaus im Netz
       
       wochentaz: Was passiert mit meinen Social-Media-Profilen nach meinem Tod? 
       
       Elaine Kasket: Alle Plattformen haben gemeinsam, dass persönliche Daten
       gespeichert bleiben, solange Sie als Nutzer nicht aktiv werden. Wenige
       Leute wissen, dass sie ihr digitales Erbe aktiv organisieren müssen. Was
       genau mit den Profilen passiert, hängt vom konkreten sozialen Medium ab.
       
       Nehmen wir [1][Facebook] als Beispiel. 
       
       Bei Facebook werden Konten standardmäßig in den Gedenkzustand versetzt,
       wenn das Unternehmen über den Tod einer Nutzerin informiert wird. Es sei
       denn, man hat zu Lebzeiten in den Einstellungen einen Nachlassverwalter
       benannt und die Option angekreuzt: „Ich möchte, dass meine Daten gelöscht
       werden, sobald ihr einen verifizierten Bericht über meinen Tod erhaltet.“
       Solche Gedenkeinstellungen gibt es aber nicht bei allen Plattformen.
       
       Wer hat die meiste Macht über mein digitales Erbe?An der Spitze der
       Machthierachie stehen die Tech-Unternehmen. Sie kontrollieren, wo Ihre
       Daten gespeichert werden. Die Firmen sind oft mächtiger als
       Aufsichtsbehörden und Angehörige. Viele Gesetze, die solche Fälle
       betreffen, sind nicht explizit auf Digitalthemen zugeschnitten, sondern
       regeln Verträge oder geistiges Eigentum. Die Datenschutz-Grundverordnung in
       Europa, kurz DSGVO, schließt noch nicht die Daten von Verstorbenen ein.
       [2][Wie viel Macht Angehörige haben], hängt davon ab, ob eine Kontaktperson
       für den Nachlass benannt wurde. Manchmal kommen als zusätzliche Faktoren
       auch [3][böswillige Akteure] ins Spiel, die sich als der Verstorbene
       ausgeben.
       
       Wenn ich den Account einer Verstorbenen hacke und lösche, weil es mich zum
       Beispiel schmerzt, die Geburtstagserinnerungen zu sehen, handle ich dann
       illegal? 
       
       Es ist immer illegal, die Identität einer anderen Person zu benutzen, um
       sich in ein Konto einzuloggen. Einige von uns machen das ganz beiläufig,
       aber es ist, als würde man die Post eines anderen öffnen. [4][Oft geben
       sich Angehörige als die verstorbene Person aus], um den digitalen Nachlass
       zu regeln.
       
       In Deutschland hat der Bundesgerichtshof 2018 ein wegweisendes Urteil
       gefällt, nachdem Eltern Zugang zu den Facebook-Nachrichten ihrer
       verstorbenen Tochter verlangt hatten. Was ist da passiert? 
       
       Das Mädchen ist auf Bahngleisen verunglückt, es ist unklar, ob es sich um
       einen Unfall oder Suizid handelte. Ihre Eltern wollten wissen, ob sie
       gemobbt wurde oder andere Probleme hatte. Deshalb forderten sie Zugang zu
       ihrem Facebook-Messenger. Sie bekamen recht. Der Richter sagte in seinem
       Urteil, dass das wie mit einer private Kiste mit Briefen sei. Die wäre auch
       an die Eltern gegangen.
       
       Ein Erfolg? 
       
       Viele Datenschützende waren im Gegenteil sehr besorgt. Es handelt sich
       ja auch um einen Eingriff in die Privatsphäre aller Personen, mit denen das
       Mädchen geschrieben hat. Wenn jedes Mal, wenn jemand stirbt, die nächsten
       Angehörigen automatisch Zugang zu allen Daten haben, dann haben sie Zugang
       zu potenziell sensiblen Informationen anderer. Die Datenethikkommission
       urteilte im Jahr 2020, dass die Analogie mit der Kiste voller Briefe eine
       falsche Anwendung aus dem analogen Zeitalter sei.
       
       Wurde in anderen Ländern anders entschieden? 
       
       In einem kanadischen Fall hinterließ ein Ehemann seiner Frau den Wunsch,
       einen Roman zu beenden, den er bereits zu 95 Prozent geschrieben hatte.
       Seine Frau hatte das Passwort für die Cloud verloren, in der er den Roman
       gespeichert hatte. Sie verklagte Apple und erhielt vier Jahre später die
       Zugangsdaten. Der Wunsch nach Zugriff kann aber auch schreckliche Gründe
       haben. In einem Fall wollte eine Familie auf die Facebook-Fotos ihrer
       Tochter zugreifen und die 72 Bilder mit dem Ex-Freund löschen, weil er ihr
       Mörder war. Bei Frauen, die ermordet werden, ist der Täter meistens ein
       Mann, mit dem sie eine Beziehung hatten oder haben. Wenn Sie also eine Frau
       sind und ermordet werden, haben Sie höchstwahrscheinlich Fotos des Mörders
       auf Ihren Social-Media-Konten. Die Familie wendete sich am Ende an einen
       Experten im Bereinigen von digitalen Profilen.
       
       In Ihrem Buch schreiben Sie: „Die Toten kaufen keine Produkte und klicken
       nicht auf Werbung.“ Warum behalten Tech-Unternehmen dann die Daten von
       Verstorbenen und nehmen sogar die Mühe auf sich, vor Gericht um sie zu
       kämpfen? 
       
       Unternehmen, die ihre Kunden besser verstehen wollen, können aus den Daten
       der Toten Erkenntnisse über die Lebenden gewinnen. Denn die Profile von
       Verstorbenen enthalten Informationen über andere, noch lebende Personen.
       Darüber hinaus läuft das ganze Big-Data-Modell darauf hinaus, Daten zu
       horten, um mehr Verknüpfungen herzustellen.
       
       Wie viel Speicherplatz verbrauchen Daten Verstorbener? 
       
       Das ist schwer zu quantifizieren. [5][Carl Öhman und David Watson haben vor
       einigen Jahren Schlagzeilen gemacht], weil sie den wahrscheinlichen
       Wendepunkt identifiziert haben, an dem die Zahl der Toten die Zahl der
       Lebenden auf Facebook übersteigen wird – wenn es Facebook bis dahin gibt.
       Es soll irgendwann im dritten Quartal dieses Jahrhunderts geschehen. Aber
       im Grunde wissen wir es nicht genau. In jedem Fall ist es teuer, diese
       Daten zu speichern. Server brauchen Kühlung und Energie.
       
       Sollten wir aus Klimaschutzgründen möglichst viel löschen? 
       
       Diese Daten einfach ohne eine gesellschaftliche Debatte zu löschen, ist
       nicht erstrebenswert. Online-Daten sind ein wichtiges kulturhistorisches
       Archiv unserer Zeit. Ganze Bewegungen wie MeToo haben online stattgefunden.
       Wir müssen also diskutieren: Was behalten wir und wie? Dennoch glaube ich,
       dass wir der Umwelt zuliebe auch darüber nachdenken müssen, welche Daten
       wir loswerden wollen.
       
       KI-Anwendungen lernen immer besser, Sprache, Stimme und Mimik von Personen
       zu imitieren. Mit genug Dateninput lassen sich daraus immer bessere Avatare
       von verstorbenen Personen erstellen. Meine Mutter kann mir in ihrer
       Videoversion vielleicht noch zehn Jahre nach ihrem Tod Ratschläge zu meinem
       Liebeskummer geben. 
       
       Ich habe das Gefühl, wir reden diese Entwicklung im Moment herbei. [6][Also
       den Einsatz von KI, um geliebte Personen neu zu erschaffen und zu
       verewigen]. Das Thema wird gerade riesig, aber ich glaube nicht, dass es
       eine gute Antwort ist. Nicht nur, weil der CO₂-Fußabdruck auch für die
       Entwicklung und das Training von KI unglaublich groß ist. Mir geht es eher
       darum: Warum brauchen wir plötzlich solche künstlichen Fortsetzungen
       geliebter Menschen?
       
       Weil wir sie vermissen? 
       
       Wir können Verlust nicht vermeiden, wenn jemand stirbt. Warum denke ich,
       dass ich so wichtig bin, dass es mich für immer geben muss? Warum halte ich
       meine Liebsten für so unfähig, damit fertig zu werden, dass es mich nicht
       mehr gibt? Trauer ist kein Problem, für das wir eine smarte Lösung finden
       müssen.
       
       Mittlerweile gibt es einen Markt dafür, digitale Hinterlassenschaften zu
       regeln. Unternehmen bieten an, die Kommunikation mit Facebook, Instagram
       und so weiter zu organisieren. 
       
       Der Staat stellt die Geburtsurkunde aus, und der Staat stellt auch die
       Sterbeurkunde aus. Dazu braucht es eine digitale Sterbeurkunde, die
       wasserdicht ist, also eine Art Code enthält, der bestätigt, dass die Person
       mit dieser Identität tot ist. So können wir Missbrauch und Fälschung besser
       vermeiden. Diesen Service sollte auch der Staat übernehmen, weil er allen
       zur Verfügung stehen sollte und nicht nur den Leuten, die ein Unternehmen
       dafür bezahlen können.
       
       Was kann ich heute schon tun, um meinen digitalen Nachlass zu regeln? 
       
       Fragen Sie sich: Welcher von Ihren digitalen Accounts ist wirklich wichtig?
       Und wozu haben Angehörige keinen Zugang? Gibt es zum Beispiel emotional
       wertvolle Dinge wie Fotos, oder ein unfertiges Buch?
       
       Und was mache ich dann mit meinen Erkenntnissen? 
       
       Gehen Sie davon aus, dass Ihre Angehörigen nicht darauf zugreifen können,
       wenn es sich auf einem kennwortgeschützten Konto befindet. Benennen Sie
       Nachlassverwalter. Ich würde davon abraten, eine Liste mit Passwörtern zu
       hinterlassen, da diese in die falschen Hände geraten könnte. Sie können
       aber eine Liste der Konten irgendwo aufbewahren. Wenn es etwas gibt, das
       Ihre Angehörigen wirklich haben sollten, dann ist es am sichersten, es
       herunterzuladen und lokal zu speichern. Im Prinzip ist es dasselbe wie bei
       der Frage: Was würden Sie mitnehmen, wenn Ihr Haus abbrennen würde?
       
       12 Mar 2024
       
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