# taz.de -- Die Wahrheit: Einsatz an der Remigrationsfront
       
       > Was geschieht eigentlich, wenn eine Deutsche nach Deutschland
       > wiedereingebürgert werden soll? Ein wahrlich unterhaltsames Kinderspiel.
       
 (IMG) Bild: Tausende Menschen demonstrieren gegen die menschenverachtende Idee der „Remigration“ in Berlin am 3. Februar 2024
       
       Remigration ist das rechtsextreme Modewort der Stunde und keine
       Einbahnstraße. Seit Weihnachten kümmere ich mich um eine nahe Verwandte.
       Sie ist 45, mittellos, und will nach 20 Jahren in Spanien nach Deutschland
       remigrieren.
       
       Einstweilen wohnt sie bei mir. Sie hat zwei Katzen und ihre halbwüchsige
       Tochter dabei, ist so deutsch wie Pumpernickel und hat eine solide
       Ausbildung im Gesundheitswesen. Jetzt suchen wir einen Job, eine Schule für
       die Tochter und eine Wohnung. Ein großer Spaß für die ganze Familie!
       
       Das Arbeitsamt erklärt sich für „nicht zuständig“ und schickt sie zum
       Jobcenter. Das ist geschlossen. Einen Termin kann man nur im Internet
       machen, und der ist dann in vier Wochen. Nach vier Wochen und fünf Minuten
       erklärt sich das Jobcenter für „nicht zuständig“ und schickt sie zum
       Sozialamt. Beim Sozialamt schütteln sie den Kopf, erklären sich für „nicht
       zuständig“ und verweisen die Arbeitssuchende zurück an das Jobcenter. Dem
       Jobcenter fehlen jetzt noch spanische Nachweise
       sozialversicherungspflichtiger Arbeit, bevor ein Antrag auf irgendwas
       überhaupt angelegt werden kann – geschweige denn bearbeitet.
       
       Ähnlich geschmeidig läuft die Suche nach der richtigen Schule. Zuerst
       telefonierte meine Verwandte die Schulen in der Gegend selbst ab. Sie
       erklären sich für „nicht zuständig“, da müsse sie auf dem Schulamt
       vorstellig werden. Das Schulamt ist nicht zuständig, weil das Kind besser
       Spanisch als Deutsch spricht. Für solche Fälle gibt es ein „Aufnahme- und
       Beratungszentrum“, das für Aufnahme und Beratung vier volle Wochen
       verplempert. Dann erst wird meine Verwandte informiert, dass sie zuerst
       einmal ein Formular ausfüllen und die spanischen Zeugnisse offiziell ins
       Deutsche übersetzen lassen muss. Ich bin kurz davor, uns beim Jugendamt
       wegen Verwahrlosung selbst anzuzeigen.
       
       Die Suche nach einem bezahlbaren Dach über dem Kopf ist ebenfalls ein
       unterhaltsames Kinderspiel. Wer sich beim örtlichen Wohnungsamt auf die
       Liste mit den Anwärtern für Sozialwohnungen setzen lassen will, darf nicht
       zu viel, nicht zu wenig, aber auch nicht gar nichts verdienen – und muss
       Nachweise der letzten drei Monatsgehälter vorlegen. Ach ja, und
       krankenversichern muss meine Verwandte sich erst einmal privat. Erst danach
       kann der Antrag auf Übernahme der Kosten für die gesetzliche
       Krankenversicherung bearbeitet werden. Das dauert dann „drei bis vier
       Monate“.
       
       Ich habe keine Ahnung, am Ende welchen Regenbogens der Topf mit diesem
       ominösen „Bürgergeld“ steht – und ob ukrainische oder syrische Flüchtlinge
       stets ihre Sozialversicherungsnachweise zur Hand haben. Wer es schafft, es
       sich in der „sozialen Hängematte“ (Christian Lindner) bequem zu machen,
       verdient jedenfalls meinen vollen „Respekt“ (Olaf Scholz). Das ist härter
       als jede Arbeit.
       
       23 Feb 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arno Frank
       
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