# taz.de -- Nachruf auf Bettina Wassmann: Die Hüterin der verlorenen Zeit
       
       > Bremens legendäre linke Buchhändlerin Bettina Wassmann ist gestorben. Sie
       > suchte nach Weisheit auch jenseits der Trampelpfade der Vernunft.
       
 (IMG) Bild: Bettina Wassmann im Kreise ihrer Lieben: Den Buchladen Am Wall 168 hatte sie, 80-jährig, letztmals am 31. März 2023 geöffnet
       
       Bremen taz | Wer schreibt, die Bremer Buchhändlerin Bettina Wassmann sei
       tot, hat recht: Sie ist am vergangenen Freitag gestorben, und sie war
       nominell eine Buchhändlerin. Aber sie war natürlich viel mehr als bloß eine
       Buchhändlerin. Als ich ihren kleinen Laden Am Wall 168 das erste Mal
       besuchte, das muss 1973 gewesen sein, vormittags gegen 11 Uhr, da stand
       Bettina Wassmann hinter der Kasse und hielt ein Thermometer in ein Glas
       Rotwein. Das war damals verstörend für einen jungen linken Studenten, der
       in dem einzigen „linken“ Buchladen der Stadt nach politischer
       Umsturz-Literatur suchte – und der richtigen Temperatur für einen Burgunder
       eher keine Bedeutung beimaß.
       
       Ihren „Buchladen“ – schon der Begriff war eine Provokation – hatte Wassmann
       1969 eröffnet. Ihr Vermieter war der für die illegale KPD engagierte
       Bauunternehmer [1][Klaus Hübotter]. Wassmann war damals dem maoistischen
       Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) verbunden, aber nur für kurze
       Zeit. Dann wurde sie ausgeschlossen: Die Genossen verziehen ihr nicht, dass
       sie auch bürgerliche Literaten wie Marcel Proust im Regal stehen hatte.
       
       Sie war die Tochter eines Baumwollhändlers und einer Künstlerin, 1942 in
       Plauen im Vogtland zur Welt gekommen. Schon bald hatte sie ihre Liebe für
       das Leben des Immateriellen und Schönen entdeckt. Gern erzählte sie, nicht
       ohne Stolz, dass bei ihr im Laden die [2][Trainer-Legende Otto Rehhagel]
       (Werder Bremen) anzutreffen war, aber auch Reinhild Hoffmann, die
       Regisseurin des Bremer Tanztheaters, und der kürzlich verstorbene
       [3][Dietrich E. Sattler], der für das Werk Friedrich Hölderlin ein neues
       Editionsverfahren entwickelte und zu diesem Zweck, obschon
       Studienabbrecher, an der Bremer Uni als wissenschaftlicher Mitarbeiter eine
       eigene Forschungsstelle betrieb.
       
       Eher nebenbei und nicht immer mit Enthusiasmus bediente Wassmann ihr
       Stammpublikum, die linken Studenten, die schlichtere Kost verlangten.
       Irgendwann 1985 antwortete sie auf die Frage, wann sie aufhören wolle zu
       arbeiten, leicht ironisch: „Ich mache weiter, bis mir [4][‚Das Kapital‘,
       Band eins], von Marx auf den Kopf fällt“.
       
       Restexemplare des Klassikers verstaubten vermutlich damals schon im
       obersten Regal im hintersten Eck ihres Buchladens. Ihr wurde damals die
       Universitäts-Buchhandlung anvertraut, aber sie hatte einfach keine Lust,
       damit ein Geschäft zu machen. Die Liebhaber des Kapitals und ihr
       Stammpublikum wechselten dann 1977 zur neu gegründeten Konkurrenz – der
       „Linke Buchladen im Ostertor“ eröffnete, wenige Straßen weiter, und da gab
       es weder Rotwein noch irritierend esoterische Literatur im Schaufenster.
       
       Wassmann suchte nach Weisheit auch jenseits der Trampelpfade der Vernunft.
       Walter Benjamin sei ihr Lieblingsautor, sagte sie, der Kulturkritiker, der
       kritische Theorie und jüdische Mystik verbinden wollte. Der Bezug auf
       Benjamin bedeutete ihr vor allem eines: „Überzeugung ist unfruchtbar“. Sie
       liebte den französischen Romancier Marcel Proust, so sehr, dass sie
       scherzhaft ihr linkes Knie nach ihm benannte. Dessen berühmtes Werk, die
       siebenbändige Romanserie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, hatte
       sie im Krankenhaus nach einer Knie-Operation gelesen.
       
       Für Wolfram Siebeck hat sie den Nobelpreis gefordert. Wolfram Siebeck? Das
       war damals der Papst der deutschen Gastronomie-Kritik, der gegen den
       populären Toast Hawaii polemisierte, gegen „Mett-Igel“ und Tütensoßen
       anschrieb. Siebeck präsentierte sich gern als Weinkenner, und hatte für
       die, die das auch werden wollen, nur einen Tipp: Trinken, Trinken, Trinken!
       
       In Wassmanns Schaufenster an der belebten Einkaufsstraße sah man selten nur
       die Bestseller des Zeitgeists. „Hier stehen nur Bücher, die mich
       interessieren“, sagte sie zu ihren Regalen. Wassmanns Buchladen lief also
       auf die Dauer eher schlecht als recht. Oben in dem Gründerzeit-Haus
       praktizierte Bremens berühmte „Wall-Commune“ die Revolution im Privatleben.
       Unten stellte Wassmann bibliophile Juwelen aus.
       
       Irgendwann Ende der 1970er Jahre hat sie dann den Soziologen Alfred
       Sohn-Rethel kennengelernt, dem Oskar Negt noch im hohen Alter von 80 Jahre
       eine Stelle an der Bremer Uni besorgt hatte. Sohn-Rethel war seit den
       1970er Jahren so etwas wie ein Geheimtipp unter der linken Intellektuellen,
       hatte er doch – Jahrzehnte früher – in einem Monumentalwerk „Geistige und
       körperliche Arbeit“ versucht, die abstrakten Kategorien des Denkens als
       Widerspiegelung der Abstraktionen der Warenform zu erklären.
       
       „GKA“ war damals das Kürzel seines Buches, das den Anspruch hatte, das
       Denken von seiner materialistischen Basis geradezu „abzuleiten“. Davon
       träumten auch viele, die Mühe hatten, die verschlungen Gedankengänge
       Sohn-Rethels nachzuvollziehen.
       
       Als Bettina Wassmann nicht mehr nur fremde Bücher auslegen wollte, sondern
       mit einem eigenen Klein-Verlag ausgefallenen Texten ein Forum bieten
       wollte, druckte sie auch Sohn-Rethel – einen Text mit dem vielsagenden
       Titel „Das Ideal des Kaputten“. Sie hatte den 1899 geborenen, 41 Jahre
       älteren Soziologen 1984 geheiratet. Im gemeinsamen Wohnzimmer im
       gutbürgerlichen Bremer Schwachhausen zeigte Sohn-Rethel gern die kleine
       Kommode, in der drei Stapel Papiere sorgfältig aufgeschichtet waren –
       „meine gesammelten Werke“, sagte er. Sechs Jahre lebte er mit Wassmann
       zusammen, dann starb er – 91jährig. Wahrscheinlich hoffte er, dass seine
       gesammelten Werke posthum einmal im „Verlag Bettina Wassmann“ gedruckt
       werden würden.
       
       Aber Wassmann konnte nur kleine Schriften herausgeben. So erschien bei ihr
       zum Beispiel Jochen Hörischs Mannheimer Antrittsvorlesung „Das Abendmahl,
       das Geld und die neuen Medien – Poetische Korrelationen von Sein und Sinn.“
       In einem gewagten Ritt durch die Jahrhunderte und die akademischen Fächer
       erklärt Hörisch da, dass sich „Sinn“ in der christlich abendländischen Welt
       über drei Leitmedien vermittelt – eben das Abendmahl, das Geld und die
       elektronischen Medien. Das war Wassmanns Welt.
       
       Am 31. März 2023 hatte sie, 80-jährig, dann doch ihren Platz hinter der
       Kasse in ihrem Buchladen geräumt, der für sie das Leben bedeutet hatte.
       „Aus eigenen Stücken“, wie es im Nachruf der FAZ betont wird. Mit dem
       Buchladen ging ein Stück der „Welt von gestern“ unter.
       
       10 Jan 2024
       
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