# taz.de -- Kommunikation der Wälder: Von singenden Bäumen
       
       > Bäume kommunizieren über ein unterirdisches Wurzelsystem miteinander. Das
       > und andere magische Spekulationen zu den grünen Lungen der Erde.
       
 (IMG) Bild: Lasst uns reden: Bäume haben ein ausgefeiltes Kommunikationssystem
       
       Das Verrückteste, was ich im neuen Jahr gesehen habe, war eine Gruppe aus
       fünf singenden Baumstämmen auf einem Platz nahe einem der wenigen
       Weihnachtsmärkte, die noch geöffnet hatten.
       
       Eine Videoinstallation projizierte Gesichter auf die Rinde der Stämme, sie
       waren leuchtend angestrahlt, aus einer Audiospur klang schon von Weitem
       Gesang, dann verstummte er. Einmal dort angekommen, standen die auf diese
       Weise anthropomorphisierten Holzgewächse einfach nur da, scheinbar
       schlafend, fast sah man die Lider nicht. So richtig unheimlich, was
       niedlich sein sollte.
       
       Plötzlich rissen die Bäume die Augen auf und stellten sich erst mal als
       zwei Schwestern und drei Brüder vor, bevor es mit den Liedern losging. Ich
       wusste zwar nicht, dass jetzt auch noch Bäume ein Gender haben, aber bitte.
       Bei Legosteinen war das ja auch irgendwann so.
       
       ## Gruselig oder niedlich?
       
       Niedlich war dann aber doch ein kleines Kind, das auch dort stand und die
       Namen der singenden Videobäume schon auswendig kannte und die Lieder laut
       mitkrähte. Dieses Kind hatte eben nicht wie ich einen gruseligen Film mit
       Gesichtern ohne Augen im Kopf, sondern fand das alles einfach witzig. Es
       stand wie angewurzelt da und musste schon mehrmals hierher gekommen sein,
       so investiert war es in die Video-Baum-Performance.
       
       Anstatt immer nur „creepy“ zu flüstern, kam es mir: Vielleicht ist das ja
       doch irgendwie toll mit den singenden Bäumen – schließlich sollen sie auch
       ganz ohne Animation ein ausgefeiltes Kommunikationssystem haben. Wie 2022
       im National Geographic zu lesen war, sind Bäume unter der Erde über ein
       riesiges Netzwerk aus [1][Wurzel- und Pilzgeflechten] verbunden, durch das
       sie kommunizieren können. Sie senden Signale, reden miteinander oder geben
       Bescheid, wenn eine Gefahr droht. Das gelingt auch über große Distanzen,
       von einem Wald zum anderen. So wird es zumindest in der
       populärwissenschaftliche Lesart der Wald-Pilzforschung angedacht, einige
       Wissenschaftler_innen mahnen an, dass erst mal [2][mehr Forschung zum
       Thema] nötig ist.
       
       Doch allein die Vorstellungskraft, die diese Spekulationen freisetzen, ist
       es wert, sich das mal einen Moment lang zu überlegen: Wir sind als Menschen
       ebenso verbunden wie die Bäume, auch wenn wir so tun, als existiere diese
       Verbindung untereinander nicht. Wir Menschen denken uns stattdessen bloß
       blöde Sprichwörter aus, irgendwas von Wäldern, aus denen es so
       herausschallt, wie man hineinruft. „Behandeln Sie andere so, wie Sie selbst
       behandelt werden wollen“ und so weiter.
       
       ## Beeindruckende Kommunikation
       
       Von der Kommunikationsfähigkeit der Bäume können wir uns eine Scheibe
       abschneiden. Stattdessen schneiden und sägen wir in den Wäldern, forsten
       ab. Wir müssten vielmehr Forst erhalten und die notwendigen Schritte tun,
       um Menschen, deren Arbeit von der Holzindustrie abhängt, abzusichern. Es
       braucht Ideen einer Zukunft, in der die kleinen und großen grünen Lungen
       der Erde weiter atmen können.
       
       Um es ganz nerdig zu sagen: Bei der unfassbaren Idee der Baumintelligenz
       ist es kein Wunder, dass auch die Science Fiction inzwischen das Konzept
       eines [3][„Mycel-Netzwerks“] erkundet: Riesige Schwärme von Pilzgeflechten
       und Sporen, entlang derer ein Raumschiff, das mit einem Sporenantrieb
       ausgestattet ist, durch den blau schimmernden Subraum surfen kann. Vom
       Waldboden erhebt sich die Idee in den Weltraum.
       
       Nur dass auch auf dem Schiff namens USS Discovery, nach der die Star
       Trek-Serie mit dem tollen Fungus-Antrieb benannt wurde, erst mal ein
       überdimensionales Bärtierchen gezwungen wird, mit dem Sporenantrieb zu
       interagieren. Dass ihm dies riesige Schmerzen zufügt, die es fast
       umbringen, ist dem Kapitän egal. Michael Burnham, die erste Offizierin an
       Bord, lässt das Wesen schließlich entgegen dessen Befehlen frei.
       
       Mehr [4][ziviler Ungehorsam], das ist doch mal ein guter Vorsatz.
       
       9 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pilze-in-der-Bauwirtschaft/!5908915
 (DIR) [2] https://www.mdr.de/wissen/wald-baume-sprechen-unterirdisches-netzwerk-pilze-100.html
 (DIR) [3] /Studie-zur-Klimanuetzlichkeit-von-Pilzen/!5938625
 (DIR) [4] /Ziviler-Ungehorsam-der-Klimabewegung/!5858374
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Noemi Molitor
       
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