# taz.de -- Vatikangericht verurteilt Kardinal: Kardinal, Korruption und Knast
       
       > Erstmals wird ein Kardinal im Vatikanstaat zu einer Haftstrafe
       > verurteilt. Ein krummer Immobiliendeal soll den Vatikan 140 Millionen
       > gekostet haben.
       
 (IMG) Bild: Reporter verfolgen die Urteilsverkündung im Fall Kardinal Angelo Becciu im Pressesaal des Vatikans am 16. Dezember
       
       Rom taz | Fünf Jahre und sechs Monate Haft für den [1][Kardinal Angelo
       Becciu], verhängt vom Gerichtshof des Vatikanstaats: Das Urteil, das am
       Samstag erging, ist historisch. Nie zuvor in der Geschichte der
       Katholischen Kirche hat die Vatikanjustiz einem Kardinal den Prozess
       gemacht, nie zuvor eine solche Strafe verhängt.
       
       Becciu war wegen Unterschlagung und schweren Betrugs vor Gericht, da er
       einen krummen Immobiliendeal in London zu verantworten hatte, der laut
       Anklage ein Loch von mehr als 140 Millionen Euro in die Kasse des Vatikans
       riss. Seit 2011 war der 75-Jährige, noch berufen von Papst Ratzinger, die
       Nummer zwei im Staatssekretariat und damit einer der mächtigsten Männer der
       Kurie. Er galt dann als einer der engsten Vertrauten des [2][seit 2013
       amtierenden Papstes Franziskus], gar als möglicher zukünftiger Papst.
       
       Daraus wird wohl nichts, denn das jetzt ergangene Urteil untersagt ihm auf
       Dauer die Übernahme öffentlicher Ämter. Zum Verhängnis wurde Becciu, dass
       er in den Jahren 2014 bis 2018 die Investition von insgesamt 350 Millionen
       Euro aus der Kasse des Staatssekretariats in einen Hedgefonds veranlasst
       hatte, der mit diesen Geldern wiederum ein früheres Harrods-Kaufhaus im
       Londoner Stadtteil Chelsea erwarb.
       
       Allein an Beraterhonoraren für die Abwicklung der Geschäfte sollen rund 100
       Millionen Euro an diverse Manager geflossen sein. Während sie sich eine
       goldene Nase verdienten, blieb der Verlust am Ende beim Vatikan hängen;
       nach dem Ausstieg aus der Immobilie belief sich das Minus auf 140,
       womöglich laut Anklage gar auf 190 Millionen Euro, finanziert aus jener
       Vatikanschatulle, in die auch der „Peterspfennig“ fließt, sprich die
       weltweit eingenommenen Spenden der Gläubigen, die eigentlich karitativen
       Zwecken dienen sollen.
       
       ## Luxus-Shoppingstouren für Handtaschen und Designermöbel
       
       Neben diesem Deal wurde Becciu jedoch auch vorgeworfen, dass er aus der von
       ihm verwalteten Kasse 125.000 Euro an eine gemeinnützige Kooperative auf
       Sardinien überwiesen hatte – deren Leiter niemand anderes war als Beccius
       Bruder Antonino.
       
       Zudem machte der Kardinal 570.000 Euro für eine Mitangeklagte locker,
       die das Geld angeblich nutzen sollte, um eine in Mali entführte Nonne
       freizukaufen, es jedoch vornehmlich auf Luxus-Shoppingtouren für
       Handtaschen und Designermöbel ausgab.
       
       Als die Vorwürfe laut wurden, zeigte Papst Franziskus umgehend, dass es ihm
       mit seinem Ruf nach Transparenz in der Kurie ernst war. Im Jahr 2020
       entließ er Becciu, damals Chef der Kongregation für Selig- und
       Heiligsprechungen, und entzog ihm alle seine Vollmachten als Kardinal,
       inklusive derer, an einem zukünftigen Konklave teilzunehmen. Becciu blieb
       so bloß der pure Kardinalstitel.
       
       Vor allem aber gab Franziskus sein Plazet zur Anklage gegen Becciu vor dem
       Vatikangericht, die jetzt zu seiner Verurteilung führte. Dabei hatte der
       Kardinal noch unmittelbar vor Beginn des Prozesses vor gut zwei Jahren in
       einem Telefonat mit dem Papst erklärt, dieser selbst habe doch zum Beispiel
       die Autorisierung erteilt, die Gelder für den Freikauf der Nonne
       bereitzustellen. Aber Franziskus ließ den Kardinal auflaufen und zeigte
       keinerlei Bereitschaft, ihn zu entlasten.
       
       Noch aber muss Becciu nicht hinter Gitter, ebenso wenig wie die anderen
       acht als Mittäter Verurteilten. Die Verteidigung hat Berufung
       angekündigt.
       
       17 Dec 2023
       
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