# taz.de -- Martina Voss-Tecklenburg: Immer weiter performen
       
       > Ex-Bundestrainerin Voss-Tecklenburg hat erstmals über ihre psychische
       > Erkrankung gesprochen. Ihr Fall zeigt die Gnadenlosigkeit des
       > Leistungssports.
       
 (IMG) Bild: Martina Voss-Tecklenburg im August in Brisbane
       
       Gut gemeint hat es der Deutsche Fußball-Bund, als er vergangenen Sommer an
       Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg festhielt, auch als bekannt wurde,
       dass sie nach der verpatzten WM unter psychischer Erschöpfung leidet.
       [1][Interimstrainer Horst Hrubesch sollte ihr den Rücken freihalten].
       Selbstverständlich ist das im Leistungssport keineswegs. Gut gegangen ist
       es trotzdem nicht. Von einem Kommunikationsdesaster [2][war letztlich die
       Rede]. Die Konsequenz daraus war Anfang November die Einigung zwischen DFB
       und Voss-Tecklenburg, den Vertrag aufzulösen.
       
       Die Geschichte ist allerdings komplizierter. Denn eine Perspektive war
       bislang nicht bekannt, die der Betroffenen selbst. Die ehemalige
       Bundestrainerin äußerte sich am Wochenende erstmals [3][in einem Interview]
       mit der ZDF-Journalistin Katrin Müller-Hohenstein. Was ist nur schief
       gelaufen? Lange hörte man nur aus dem Munde von Hermann Tecklenburg, wie es
       um seine Frau bestellt ist. Gut gemeint war auch das, aber nicht gut. Das
       räumte Martina Voss-Tecklenburg nun freimütig ein. Ihr öffentliches Ansehen
       hat darunter gelitten. Es hat sie noch mehr geschwächt.
       
       Jetzt spricht sie wieder selbst. Es benötigt eben enorm viel Kraft, um
       öffentlich über eigene psychische Problem reden zu können. Voss-Tecklenburg
       erobert sich die Erklärungshoheit über ihre eigene Geschichte zurück. Von
       Panikattacken und Schlaflosigkeit sei sie geplagt gewesen. Immer wieder
       hätte sie weinen müssen. Komplett zusammengebrochen sei sie nach der WM,
       berichtete die 55-Jährige. Und sie sei eben nicht in der Lage gewesen,
       darüber zu sprechen. Sie machte den immensen Druck spürbar, unter dem sie
       schon seit Jahren zu leiden hat. Häufig habe sie nicht viel mehr als drei,
       vier Stunden geschlafen. Es sind auch die äußeren Umstände des
       Leistungssports, die krank machen.
       
       Dass sie nach ihrer Gesundschreibung im Erholungsurlaub [4][vor bayerischen
       Zahnärzten eine Vortrag] mit dem Titel „Formen, um zu performen. Mein
       Change Management im Frauenfußball“ hielt, war keine gute Idee. Dumm sei
       das gewesen, gestand Voss-Tecklenburg. Dies veranschaulicht aber gut, welch
       absurde Geschichten das Hamsterrad der Leistungsgesellschaft hervorbringt.
       Eine, die herausgeschleudert und nun wieder hineingeklettert ist, will
       anderen erzählen, wie man in diesem bella figura macht.
       
       ## Nationalspielerinnen erbost
       
       Die [5][Nationalspielerinnen waren darüber erbost], weil sie sich von ihrer
       Ex-Trainerin im Stich gelassen fühlten. Die noch immer anstehende
       Aufarbeitung der misslungenen WM-Auftritte stand schließlich noch aus. Ihre
       Erwartung an die Trainerin: performen, bevor man Performance-Vorträge hält.
       Es ist die Gnadenlosigkeit des Leistungssports. Jeder verlangt vom anderen,
       was einem selbst abverlangt wird. Was auch Martina Voss-Tecklenburg
       nachvollziehbar findet.
       
       Aus ihrer Sicht hätte eine bessere Kommunikation des DFB geholfen. Vor
       ihren Vorträgen wollte sie mit dem Verband eine Erklärung abgeben, die aus
       unterschiedlichen Gründen nicht zustande gekommen sei. Näheres dazu sollte
       der DFB erklären. Aber vielleicht sind das lediglich Detailfragen. Die
       Probleme sind grundsätzlicher Art und es spricht wenig dafür, dass sie bald
       besser gelöst werden.
       
       ## Leistungssport tut sich schwer
       
       Geredet wurde spätestens nach dem [6][Suizid von Torhüter Robert Enke] viel
       darüber, wie der Leistungssport ein menschlicheres Antlitz erhalten könnte.
       Und es ist noch nicht so lange her, dass Manager Max Eberl [7][offen über
       seine Tränen und psychischen Probleme gesprochen hat]. Seitdem er zum
       vielfach verachteten Konzernverein RB Leipzig wechselte und nach seiner
       Entlassung dort mittlerweile als Kandidat beim FC Bayern gehandelt wird,
       zählt er bei nicht wenigen Fußballfans zu den meistgehassten Funktionären
       in der Männer-Bundesliga. Die sozialen Netzwerke haben das reichlich
       dokumentiert.
       
       Die Geschichte von Martina Voss-Tecklenburg erzählt so einiges darüber, wie
       schwer sich der Leistungssport selbst bei bestem Willen im Umgang mit
       Menschen tut, die nicht mehr „funktionieren“. Und wie schwer es für
       Menschen ist, die unbedingt wieder „funktionieren“ wollen, unbeschadet
       wieder zurückzukommen.
       
       22 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Geruechte-um-Bundestrainerin/!5964099
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