# taz.de -- Keine Beleidigung: Lieber Hund als Mensch
       
       > Ist ein Hund, wer Solidarität mit Israel zeigt? Das ist natürlich
       > Quatsch. Und selbst wenn: Hund sein ist eine Ehre und eine Verantwortung.
       
 (IMG) Bild: „Free Palestine from german guilt“, Demonstration in Berlin am 17.11
       
       Diese Woche habe ich Dutzende Zuschriften erhalten von Leuten, die sich als
       Muslime zu erkennen geben. Sie beschimpfen mich als „Hund“. Manche
       schreiben auch „H00nd“, mit zwei Nullen, was auch immer diese Schreibweise
       zu bedeuten haben soll, oder schicken mir Hunde-Emojis. Sie scheinen sauer
       zu sein, weil ich Solidarität mit Israel bekunde und die Hamas als
       Terrororganisation bezeichne.
       
       Ich erzähle das meiner Hündin Frau Dr. Bohne. Sie schüttelt den Kopf.
       „Nicht Ihr Ernst!“, sagt sie. „Doch!“, antworte ich. „Sie bezeichnen mich
       tatsächlich als Hund.“ Mein Jagdterrier bellt verächtlich. „Ein Hund zu
       sein, ist eine Ehre, eine Auszeichnung, eine Verantwortung!“, sagt sie nun.
       „Wissen Sie, unter uns Hunden gibt es, wenn wir uns streiten, einen Spruch:
       ‚Sei nicht wie ein Mensch!‘ So sieht’s aus! Wenn überhaupt, ist ‚Mensch‘
       ein Schimpfwort, nicht ‚Hund‘!“
       
       Und dann kommt, was ich befürchtet habe: ein Vortrag über die menschliche
       Unzulänglichkeit. Frau Dr. Bohne findet dafür in der zurückliegenden Woche
       leider genug Material, um ihre Behauptung zu unterfüttern: die [1][Gewalt
       in Israel], [2][im Gazastreifen] und im Westjordanland; der offen zur Schau
       getragene Antisemitismus in aller Welt, auch in Deutschland; als
       Gegenreaktion hier auch Rassismus; ein Angriff auf [3][ein Krankenhaus im
       Gazastreifen]; vorschnelle Schuldzuschreibungen; gescheiterte diplomatische
       Bemühungen; und so weiter. „Es möchte kein Hund so länger leben!“, zitiert
       Frau Dr. Bohne aus Goethes „Faust“.
       
       Ich sehe mir noch einmal das Video von einer propalästinensischen Demo in
       Berlin an. „Free Palestine from German guilt“, skandiert da eine Gruppe,
       die sich [4][politisch wohl links verorten] würde. Mag sein, dass damit
       gemeint ist, Deutsche sollten nicht wegen ihrer Geschichte davor
       zurückscheuen, militärisches Vorgehen Israels gegen palästinensische
       Zivilisten zu kritisieren.
       
       ## Sinnlosen Streit kann es bei Hunden nicht geben
       
       Im Wesentlichen klingt es aber wie das rechtsextreme, AfD-mäßige „Ende des
       Schuldkults“. Links- und Rechtsextremisten vereint in
       Geschichtsvergessenheit, Unbildung und Dummheit! „Kein Hund würde so
       zweideutig kommunizieren!“, schimpft Frau Dr. Bohne.
       
       „Berlin ist sowieso so eine Sache“, sagt sie. „Haben Sie gesehen, dass
       Aktivisten der ‚Letzten Generation‘ die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz
       mit Farbe besprüht haben?“ Sie schüttelt ihren Kopf, dass ihre Öhrchen nur
       so hin und her fliegen. „Die Weltzeituhr! Ein Symbol! Ein Treffpunkt! Was
       soll das bringen, außer dass Leute sich ärgern?“
       
       Ich muss ihr zustimmen, auch ich rege mich über solche Leute auf. Aber ein
       bisschen ärgere ich mich auch über ihre Selbstgerechtigkeit. „Für Leckerlis
       sind wir Menschen immer gut genug, nicht wahr?“, merke ich an. „Pah! Die
       Wahrheit ist, dass der Hund den Menschen skeptisch sieht. Nur aus
       Existenzgründen wahren wir eine gewisse Anhänglichkeit!“ Ich muss lachen.
       
       „Sie geben also zu, dass ihr korrupte Wesen seid?“ Kaum habe ich das
       ausgesprochen, bereue ich es. „Dies ist eine gute Gelegenheit, den früheren
       österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu erwähnen“, sagt sie. Der
       steht seit dieser Woche vor Gericht, weil ihm vorgeworfen wird, vor einem
       parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Bezug auf Postendeals gelogen
       zu haben.
       
       Sollte er verurteilt werden, drohen ihm bis zu drei Jahre Gefängnis. „Und
       dann hat er möglicherweise noch ein Verfahren am Hals wegen Korruption!“
       Triumphierend blickt sie mich an. „Also erzählen Sie mir nix von Hunde
       seien korrupte Wesen bla, bla!“
       
       „Hunde sind also weder korrupt noch gewalttätig?“, frage ich sie. Einen
       Moment überlegt sie. „Ich will nicht sagen, dass wir frei von Fehlern
       sind“, räumt sie ein. „Aber im Wesentlichen: Ja, so ist es! Was Fressen
       angeht, ist das reine Überlebenssicherung. Grundsätzlich gilt: Ein kluger
       Hund bellt nie ohne Grund. Dann kann sinnloser Streit gar nicht erst
       entstehen!
       
       Das sollten Menschen auch endlich beherzigen!“ Ich finde, sie hat recht.
       Ich werde „Hund“ ab sofort als Auszeichnung verstehen. Hunde sind doch die
       besseren Menschen.
       
       20 Nov 2023
       
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