# taz.de -- Gemeindeführer in Kolumbien über Frieden: „Waffenstillstand ist das Wichtigste“
       
       > Die kolumbianische Regierung und die ELN-Guerillas haben eine Waffenruhe
       > vereinbart. Ein Grund ist: Die Zivilbevölkerung soll mitreden dürfen.
       
 (IMG) Bild: Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro spricht dem Treffen zwischen der ELN und der Regierung in Bogota am 03.08.2023
       
       taz: Ein Ergebnis der Gesprächsrunden zwischen Kolumbiens Regierung und der
       ELN-Guerilla ist [1][der Nationale Beteiligungsrat, in dem die
       Zivilgesellschaft mitredet]. Ein Erfolg? 
       
       Die Beteiligung der Zivilgesellschaft haben wir uns erkämpft – bereits seit
       den Friedensverhandlungen mit der Farc-Guerilla. Wir mussten damals
       mobilisieren, sogar die Nord-Süd-Panamericana-Schnellstraße sperren, damit
       eine ethnische Vertretung [2][zu den Verhandlungen der kolumbianischen
       Regierung und der Farc-Guerilla nach Havanna reisen durfte]. Aber wir
       wollen viel mehr, denn nur wir wissen, was genau vor Ort passiert. Deswegen
       wollen wir in den Gesprächsrunden mit der ELN erreichen, dass die
       Zivilgesellschaft in die Entwicklung und Umsetzung der Vereinbarungen
       miteinbezogen wird.
       
       Warum ist das so wichtig? 
       
       Das mit der Farc-EP (kurz Farc) unterzeichnete Friedensabkommen von 2016
       stagniert in der Umsetzung, weil es bei diesem Punkt Lücken hat. Die
       ehemaligen Guerilleros wurden in Wiedereingliederungscamps untergebracht.
       Aber dort konnten sie nicht für immer bleiben. Sie zogen dann in Gemeinden.
       Manche wurden abgelehnt, denn wenn ein Täter dort ankommt, wo jemand
       getötet wurde, dann besteht weiterhin ein Konflikt – besonders wenn es
       keinen Prozess der Vergebung oder des gegenseitigen Verstehens gab. Und
       wenn die Person, die in die Gemeinde ankommt, nicht weiß, wie Konflikte
       dort gelöst werden, macht sie das weiter wie im Krieg. Das gilt auch beim
       Lebensunterhalt. Wenn jemand es nicht anders gelernt hat und kein Geld hat,
       wird diese Person wahrscheinlich nicht einfach warten, bis die Maniokernte
       reif ist.
       
       Gibt es schon Ideen, wie sich das bei den Gesprächen mit der ELN verbessern
       lässt? 
       
       Ein Dokument zu einem Harmonisierungsprozess liegt bereits als Vorschlag
       vor. Wenn Menschen, die lange Krieg geführt haben, in Gemeinschaften
       ankommen, müssen sie lernen, wie diese funktionieren. Ohne eine
       Harmonisierung mit indigenen Räten, Gemeinderäten, bäuerlichen Reservaten,
       die jeweils ihre eigenen Regelungen und Rechtssysteme haben, wird es sehr
       schwierig sein, den „totalen Frieden“ zu erreichen. Die ehemaligen
       Kämpferïnnen müssen einen Einklang mit den Gemeinden, wo sie sich
       niederlassen wollen, finden können. Dafür ist wichtig, uns, die Basis,
       einzubinden.
       
       Wie ist aktuell die Lage bei Ihnen in der Region Cauca bezüglich bewaffnete
       Akteure? 
       
       Die Situation ist sehr komplex. Es gibt unter anderem die bewaffnete Gruppe
       der Farc-Dissidenz namens „Segunda Marquetalia“ und auch die Gruppe
       „Rastrojos“ – organisierte Gruppen von Drogenhändlern. In manchen Gemeinden
       gibt es 20 Viertel, aber bis zu 27 bewaffnete Banden. Das Gebiet meiner
       Gemeinde Buenos Aires erstreckt sich bis zur Pazifikküste und zur Grenze
       mit der Stadt Buenaventura (mit dem wichtigsten Hafen Kolumbiens; Anm. d.
       Red.). Unsere Gemeinde Buenos Aires liegt also auf einer Route zum Meer
       und in einer Gegend mit viel illegalem Koka-Anbau (die Kokapflanze ist die
       Basis für die Kokainproduktion; Anm. d. Red.).
       
       Wie erleben Sie die Gewalt? 
       
       Ich bin besorgt. Die verschiedenen bewaffneten Akteure rekrutieren viele
       Kinder, außerdem kämpfen sie untereinander. Mehrere soziale Anführerïnnen
       wurden ermordet. Allein bei uns gibt es 536 Familien, die vertrieben wurden
       und in Notunterkünften leben. Auch die Zunahme des Koka-Anbaus beunruhigt
       mich. Früher wurden in unserer Gegend viel mehr Zitrusfrüchte, Maniok,
       Mais, Bananen und Reis angebaut. Obst und Gemüse lohnen sich nicht mehr:
       Die Produktion von Bananen kostete doppelt so viel wie sie auf dem Markt
       einbrachte, bei Maniok war es achtmal so viel. Der Verlust war enorm.
       
       Lohnt sich der Koka-Anbau denn immer noch? 
       
       Gott sei Dank stagniert er in meiner Gegend seit dem Regierungswechsel
       ([3][Gustavo Petro ist seit August 2022 Präsident Kolumbiens; Anm. d.
       Red].). Die Kokablätter werden auch nicht mehr geerntet. Menschen haben
       begonnen, wieder Bananen, Mais und Maniok anzubauen. Aber bis zur ersten
       Ernte ist noch viel Zeit.
       
       Hat das wirklich mit der Regierung zu tun? Gab es spezielle
       Aussteigerprogramme oder liegt es daran, dass der Preis für Koka aufgrund
       der Überproduktion gesunken ist? 
       
       Unsere neue Regierung hat bei uns einige korrupte Militäroffiziere aus dem
       Weg geräumt. Somit wurden Lieferketten mit den Drogenhändlern unterbrochen.
       Denn die Armee sorgte für den Drogenexport ins Ausland. Die Schuld gab zwar
       das Militär den Gemeinschaften, die anbauten. Doch die Armee sicherte die
       Lieferwege – über Wasser und Luft.
       
       Was waren die konkreten Folgen für Ihre Gemeinde? 
       
       Der Koka-Anbau ist jetzt nicht mehr rentabel. Früher brachten etwa 11,5
       Kilo Koka umgerechnet etwa 18 Euro, jetzt sind es unter 5 Euro. Deshalb
       sind unsere traditionellen Anbauprodukte wieder attraktiv geworden.
       
       Welche weiteren Maßnahmen wären nötig? 
       
       Unser Traum ist eine Agrarreform. Das Land befindet sich in den Händen von
       Großgrundbesitzern: Wir müssen es an die Gemeinden verteilen. Hauptsächlich
       werden auf dem Land der Großgrundbesitzer bei uns Zuckerrohr, Eukalyptus
       und Kiefern angebaut. Dabei könnte dieses Land der Ernährung der
       Bevölkerung dienen und uns helfen, international wettbewerbsfähig werden.
       
       Und dafür muss man zunächst die bewaffneten Gruppen loswerden? 
       
       Genau, denn diese Akteure werden zum Teil von den Großgrundbesitzern
       finanziert.
       
       Wie geht es jetzt weiter im Friedensprozess? 
       
       Das Wichtigste ist zuerst der Waffenstillstand bis Ende Januar. Denn der
       Soldat, der stirbt, der ist der Sohn einer Bäuerin, einer indigenen, einer
       afrokolumbianischen Mutter, genau wie der Guerillero, der stirbt. Nicht die
       Reichen sterben in diesem Krieg. Zweitens: Regionale Arbeitsgruppen kommen
       jetzt zusammen. So werden wir die bewaffneten Strukturen besser
       kennenlernen, um sie dann in die Gesellschaft integriert zu können.
       
       9 Aug 2023
       
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