# taz.de -- Christian Lindner über Alleinerziehende: Lindners Reizwäscheladen
       
       > Der Finanzminister bedient das Klischee der alleinerziehenden Mutter in
       > der sozialen Hängematte. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache.
       
 (IMG) Bild: Christian Lindner während einer Pressekonferenz
       
       Immer dann, wenn in der Sozialpolitik von vermeintlichen „Anreizen“ die
       Rede ist, um Menschen zu irgendwas zu bewegen oder von irgendwas
       abzuhalten, sollten rote Warnlampen angehen. Sozialpolitik ist kein
       Reizwäscheladen, und schon gar nicht, wenn der Finanzminister falsche
       Behauptungen aufstellt. Der Verband der Alleinerziehenden [1][(VAMV)] und
       die [2][Stiftung Alltagsheldinnen] ziehen jetzt gegen die öffentliche
       Diffamierung Alleinerziehender durch Lindner zu Felde. Die Stiftung hat mit
       anderen Gruppen einen offenen Protestbrief an Lindner und
       Bundesfamilienministerium Lisa Paus geschickt. Sie haben recht.
       
       Lindner hatte bei der Vorstellung der [3][Kindergrundsicherung] erklärt, es
       sei eine [4][„beklagenswerte Tatsache, dass die Erwerbsbeteiligung von
       Alleinerziehenden im vergangenen Jahrzehnt trotz des Ausbaus der
       Kinderbetreuungsstruktur zurückgegangen ist“]. „Wir wollen nicht
       zusätzliche Anreize geben, sich nicht um Arbeit zu bemühen“, sagte Lindner.
       Durch die neue, verbesserte Anrechnung der Unterhaltsvorschüsse, die
       Alleinerziehende in Haushalten mit Schulkindern nur im Falle einer
       Erwerbstätigkeit bekommen, gebe man „einen Anreiz, dass es eine Arbeit
       braucht“.
       
       Da ist es wieder, das Klischee der alleinerziehenden Mütter, die es sich
       angeblich mit ihren Kindern im Sozialstaat gemütlich machen und sich nicht
       ausreichend um einen Job bemühen. Das Klischee ist falsch: Die
       Erwerbstätigkeit alleinerziehender Mütter mit Kindern unter 18 Jahren ist
       im vergangenen Jahrzehnt beständig gestiegen und lag 2020 bei 72 Prozent.
       In den Jahren danach weist die Erhebung einen kleinen Rückgang aus, ergeben
       Zahlen des Statistischen Bundesamts.
       
       Dieser Rückgang lässt sich aber mit den Coronamaßnahmen erklären, als
       Betreuungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden und Jobs verloren gingen. Es
       ist zutiefst unseriös von Lindner, solche Zahlen zu nutzen, um
       alleinerziehenden Frauen mangelhafte Arbeitsmotivation zu unterstellen, die
       ja Hauptleidtragende waren in der Pandemie. Und es ist beklemmend, dass die
       Familienministerin Lindner nicht widerspricht.
       
       30 Aug 2023
       
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 (DIR) [2] https://alltagsheldinnen.org/kindergrundsicherung-frauenfeindliche-narrative-offener-brief-alleinerziehende/
 (DIR) [3] /Einigung-bei-Kindergrundsicherung/!5956191/
 (DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/berlin/alleinerziehende-und-erwerbsarbeit-verbande-werfen-dem-finanzminister-falsche-aussagen-und-eine-spaltung-der-gesellschaft-vor-10387492.html
       
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