# taz.de -- Netflix-Film „Nimona“: Auflösung der Klassengesellschaft
       
       > Mittelalterwerte und futuristische Flugautos treffen im Netflix-Film
       > „Nimona“ aufeinander. Und es geht um Ungleichheit von metaphysischem
       > Ausmaß.
       
 (IMG) Bild: Nimona
       
       Die bevorstehende Änderung im Königreich ist gigantisch: Die Garde des
       Instituts für Eliteritter soll nicht mehr Angehörigen von Adelsfamilien
       vorbehalten sein, sondern zukünftig allen Menschen offenstehen.
       Ausgerechnet das Schwert von Ballister Boldheart, den die Königin als
       Erstes in diese neue Ordnung aufnimmt, killt die Reformerin mit einem
       Laserstrahl.
       
       Boldheart muss seinen Geliebten Ambrosius Goldenloin zurücklassen und
       untertauchen. In seinem Schrottiversteck wird er von der fünfzehnjährigen
       Nimona heimgesucht, die Bock hat, mit einem Bösewicht zusammenzuarbeiten.
       Nur ist Boldheart eben kein Bösewicht und Nimona kein menschliches Mädchen.
       
       Mittelalterwerte und futuristische Flugautos treffen im Netflix-Film
       „Nimona“ aufeinander. Der Trickfilm ist ein [1][Plädoyer für die Auflösung
       der Klassengesellschaft] und letztlich für Entmilitarisierung, denn der
       Status quo, in den Boldheart aufgenommen wird, basiert auf einem Fundament
       der Ungleichheit von metaphysischem Ausmaß.
       
       Nimona ist nämlich ein Wesen, das jede Form annehmen kann – Eichhörnchen,
       Wal, Drache mit Nasenring – womit ihre Umwelt so gar nicht klarkommt.
       Mauern wurden gebaut und Nimona seit Jahrhunderten zum Phantom verklärt,
       dem die Ritter eines Tages in einer tödlichen Battle gegenüberstehen
       sollen. Sogar Kinder werden schon morgens auf der Cornflakespackung vor dem
       Monster gewarnt und mit kleinen Plastikfigürchen spielerisch auf Kampf
       trainiert.
       
       ## Als Wesen existieren reicht
       
       Der Vorschlag der italienischen Familienministerin Eugenia Rocella, zu
       verbieten, Haustieren menschliche Namen zu geben, erscheint bei diesen
       Szenen plötzlich nicht mehr so banal. Zumal [2][Giorgia Meloni parallel
       damit begann, Co-Eltern aus den Geburtsurkunden] von Kindern aus queeren
       Familien zu streichen.
       
       Der Film, der auf ND Stevensons Graphic Novel basiert, ist dagegen endlich
       ein Kinderfilm, in dem zwei Männer sich händchenhaltend ihre Liebe
       erklären. Riz Ahmed, der Schauspieler mit den liebsten Augen von Hollywood,
       spricht Boldheart bewusst mit Akzent, und das Animationsteam hat es
       geschafft, seine ikonische Mimik auf die Figur zu übertragen.
       
       Und dann ist da Nimona. Auch wenn sie tausend Jahre alt ist, ihre
       Teenagerseele sucht sich in Boldheart die erwachsene Person, die sie an
       ihrer Seite braucht. Die Szenen, in denen sie die Bitte, einfach in
       Mädchenform aufzutreten, nicht versteht, weil sie gerade ein Hai ist und
       weil sie weder eine menschliche noch eine tierische Ursprungsform hat, sind
       großartig. Sie erinnern daran, dass das Außen kein Recht auf queere
       Transparenz hat, weder auf Blicke in Unterhosen, noch auf die
       persönlichsten Winkel unserer Erfahrungen.
       
       Daran, dass wir nicht erst dadurch Rechte erlangen, dass wir alles von uns
       preisgeben, was der Mainstream für verwertbar hält, sondern dass es reicht,
       als Wesen auf diesem Planeten zu existieren, um von unwiederbringlichem
       Wert zu sein.
       
       3 Aug 2023
       
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