# taz.de -- Rechtsextreme und Klimakrise: Wie schläft wohl Volker Wissing?
       
       > Durchschlafen ist zurzeit keine Option, der Zustand der Welt lässt keine
       > Ruhe. Zum Glück gibt es ein altes Mittel gegen Müdigkeit.
       
 (IMG) Bild: Zerwühltes Laken
       
       Verzeihen Sie meine Augenringe – also die meines lyrischen Ichs natürlich,
       hüstel hüstel. Ich habe nicht geschlafen. Nicht nur die letzte Nacht,
       eigentlich die ganze Woche nicht. Leider lag’s nicht an meinem
       Rock’n’Roll-Lebenswandel, an kreativ durchgearbeiteten oder durchtanzten
       Tagen und Nächten, sondern am Zustand der Welt. Klar, nichts daran ist neu,
       aber manchmal hämmern die Tatsachen besonders dicht, besonders hart
       aufeinander ins Hirn.
       
       Immer im Sommer zum Beispiel, den fand ich als Kind schon bedrohlich.
       Eigentlich immer schon zu heiß und zu hell. Und no shit, schon in den 80ern
       war das Phänomen [1][Klimakatastrophe] bekannt! In einer präpubertären
       Phase fuhr ich selbstgedichtete Hassbotschaften an Autofahrer auf meinem
       Fahrrad spazieren. Nun ja. [2][Die Erde erhitzt sich] seitdem nur [3][immer
       schneller]. Vielleicht zögere ich deshalb, mich selbst auf die Straße zu
       kleben. Nicht aus Angst vor dem Zorn der Autofahrer, nicht [4][aus Angst um
       mich selbst], sondern aus Angst vor der völligen [5][Vergeblichkeit].
       
       In der Familienchatgruppe wird diese Woche viel diskutiert: Nutzt es, weite
       Teile der Bevölkerung zu verunsichern (Wut ist doch, seien wir ehrlich, oft
       nur Folge von Unsicherheit), oder schadet es der Sache? Lieber den Weg des
       Widerstands oder den durch die Institutionen gehen? Druck von innen oder
       von außen aufbauen? Fakt ist: [6][Vergeblicher arbeiten als die FDP-,
       Verzeihung SPD-geführte Bundesregierung] (die homöopathische Grünen-Dosis
       vernachlässige ich hier mal) kann man allerdings auch kaum. Auch eine
       Sache, über die ich nachts nachdenke: Wie schläft eigentlich [7][Volker
       Wissing]?
       
       Mein Freund hingegen schläft sehr gut (wenn ich ihn lasse). Er hat eine
       Fähigkeit, die viele in jahrelanger Meditation üben und doch nicht
       erreichen. Er sorgt sich nur über Sachen, die er tatsächlich und konkret
       ändern kann. Allem anderen steht er mit unglaublicher Gelassenheit
       gegenüber. Was nicht heißt, dass ihm die [8][Frauenverächter] mit
       Feuerfetisch von Rammstein und [9][ihre Superzellen an Unterstützern] oder
       eiskalt auf dem Mittelmeer ignorierte Flüchtende gleichgültig wären, im
       Gegenteil. Für seine Patienten ist seine Nüchternheit auf jeden Fall
       besser. Sie lässt ihn handeln. Ich würde wahrscheinlich bei jedem
       Herzstillstand bloß vor Mitgefühl weinen, statt zu reanimieren.
       
       ## Podium für Chrupalla
       
       Und eigentlich war diese teilnehmende Nüchternheit ja auch mal die
       Jobbeschreibung im Journalismus. Angst, Wut, Mitleid (egal ob berechtigt
       oder nicht) verzerren ja nicht nur den Blick, schmelzen den Verstand und
       machen phlegmatisch oder panisch – sie ändern auch erstmal gar nichts.
       
       Also Memo an mich für die kommenden heißen Wochen: Schön locker durch die
       Hose atmen. Vielleicht mal zusammen mit Mann und Kind – beide friedlich
       schnarchend – ein Nickerchen machen. Das klappt aber auch nur, wenn nicht
       wieder irgendwelchen AfD-Politikern – wie diese Woche [10][Tino Chrupalla
       bei Maischberger] – ein Wahnsinns-Podium für ihre Liebe zu
       Kriegsverbrechern wie Putin und ihren allgemeinen Menschenhass geboten
       wird. Oder noch ein paar AfD-Wähler die Shoah mit einem Schulterzucken
       abtun. Dann nämlich liegt doch mal mein Freund wach – aus Wut darüber, dass
       sich im versöhnungsseligen Deutschland so wenig geändert hat, seit seine
       Großeltern fliehen mussten.
       
       Sehr wahrscheinlich also werden wir sehr viel gemeinsam wach liegen. Ich
       werde noch ein paar Nächte darüber nachdenken, was sich [11][Menschen von
       der AfD versprechen] (wenn sie mal ihre Impulse aus- und ihren Verstand
       anschalten), ob Sandra Maischberger aus professioneller Nüchternheit oder
       Schockstarre nicht wirklich auf Chrupallas Ausfall in Bezug auf eine
       Kapitulation der Ukraine (er konnte sich einen Vergleich mit 1945 nicht
       verkneifen) reagiert hat, warum sie ihn überhaupt eingeladen hat und wo so
       ganz allgemein die gesunde Grenze zwischen Nüchternheit und Gefühl
       verläuft.
       
       Zum Glück kenne ich einen Trick, der gegen Müdigkeit und überschäumende
       Gefühle gleichermaßen wirkt: kalt duschen.
       
       24 Jun 2023
       
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 (DIR) [11] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/landratswahl-sonneberg-102.html
       
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