# taz.de -- Myanmar unter der Militärjunta: Aung San Suu Kyis Partei verboten
       
       > Mit der Zwangsauflösung der Nationalen Liga für Demokratie verbieten die
       > Putschgeneräle die siegreiche Partei der letzten demokratischen Wahl.
       
 (IMG) Bild: Demonstration gegen den Putsch mit einem großen NLD-Transparent am 17. März 2021 in Mandalay
       
       Berlin taz | In Myanmar hat die Militärjunta die frühere Regierungspartei
       Nationale Liga für Demokratie (NLD) der inhaftierten
       Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi verboten und für aufgelöst
       erklärt. Am Dienstagabend gab das die vom Militär eingesetzte
       Wahlkommission in den kontrollierten Staatsmedien bekannt. Von bisher rund
       90 in dem südostasiatischen Land existierenden politischen Parteien wurden
       jetzt 40 verboten. Die NLD ist davon die mit Abstand größte und
       einflussreichste.
       
       Die NLD, deren Symbol ein gelber kämpfender Pfau vor einem roten
       Hintergrund ist, hatte die letzten demokratischen Wahlen im November 2020
       deutlich gewonnen. Doch das Militär erkannte das Wahlergebnis nicht an und
       putschte am 1. Februar 2021 kurz vor der geplanten Vereidigung der
       gewählten Parlamentarier. Die Generäle, die den Verlust von Macht und
       Privilegien fürchteten, warfen der NLD-Regierung von Aung San Suu Kyi
       massiven Wahlbetrug vor. Den hatte es nach Ansicht von Wahlbeobachtern aus
       dem In- und Ausland aber gar nicht gegeben.
       
       Die mit brutaler Gewalt regierende Militärjunta hatte für dieses Jahr
       Wahlen nach ihren Vorstellungen versprochen und im Januar dafür ein neues
       Wahlgesetz vorgelegt. Das sieht die Neuregistrierung aller Parteien mit
       strengen Auflagen innerhalb von 60 Tagen vor. Die Frist lief am Dienstag
       ab. Die NLD und andere jetzt für illegal erklärte Parteien lehnen eine
       Beteiligung an den Wahlen ohnehin ab, die sie für undemokratisch halten.
       Sie bemühten sich deshalb auch gar nicht erst um eine Neuregistrierung.
       
       ## Manipulierte Wahlen als Legitimationsversuch des Militärs
       
       Die NLD, die sich als im November 2020 rechtmäßig gewählt betrachtet, sieht
       die Wahlen unter der Junta als Versuch des Militärs, den Putsch zu
       rechtfertigen und der militärnahen Partei USDP (Vereinigte Solidaritäts-
       und Entwicklungspartei) zum Sieg zu verhelfen. Die USDP hatte 2020 eine
       verheerende Wahlniederlage erlebt. Laut einem am Dienstag vorgelegten
       Bericht der International Crisis Group könnte das Militär die Wahlen auch
       als Vorwand für eine noch stärkere gewaltsame Repression nutzen.
       
       Die Wahlen waren ursprünglich für kommenden August angekündigt. Sie dürften
       aber verschoben werden, weil der militärische wie der zivile Widerstand
       großer Bevölkerungsgruppen gegen die Junta sehr stark ist und das Militär
       viele Landesteile gar nicht kontrolliert. Beobachter warnen bereits davor,
       dass der Versuch, unbedingt undemokratische Wahlen durchziehen zu wollen,
       zu noch mehr Gewalt führen dürfte. Schon jetzt leidet die Bevölkerung stark
       unter den Folgen des Putsches.
       
       Vorsitzende der NLD ist Aung San Suu Kyi. Die heute 77-jährige
       Friedensnobelpreisträgerin ist seit dem Putsch inhaftiert und wurde
       inzwischen in mehreren Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu
       [1][33 Jahren Gefängnis] wegen angeblicher Korruption verurteilt. Es ging
       dem Militär darum, sie bis zum Ende ihres Lebens aus der Politik zu
       verbannen. Sie hat seit dem Putsch außer zu gelegentlichen Gesprächen mit
       ihren Anwälten, die selbst nicht öffentlich über sie sprechen dürfen,
       keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Bereits unter einer früheren Junta hatte
       sie knapp 15 Jahre im Gefängnis oder Hausarrest verbracht.
       
       Die NLD war von Aung San Suu Kyi und anderen im November 1988 im Zuge von
       Massenprotesten als Ausdruck der damaligen Demokratiebewegung gegründet
       worden. Die Partei war die letzten Jahre aber sehr stark auf ihre Führerin
       ausgerichtet. Die Basis hatte nichts zu sagen und insbesondere jüngere
       Parteimitglieder und Politiker beklagten dies immer wieder.
       
       ## Bereits das zweite Verbot der NLD
       
       Für die NLD ist es jetzt bereits das zweite Verbot. Sie war im Jahr 2010
       verboten worden, als sie sich schon damals weigerte, sich für vom Militär
       manipulierte Wahlen registrieren zu lassen. Die Generäle haben allerdings
       bei einem Verbot der NLD stets das Problem, dass die Wahlen damit von
       vornherein unglaubwürdig werden und die Illegitimität der Militärregierung
       unterstreichen. Das gleiche Problem besteht, wenn Wahlen nur im vom Militär
       kontrollierten Gebiet durchgeführt werden.
       
       Nach NLD-Angaben sind 80 ihrer Parlamentarier und 1.232 ihrer
       Parteimitglieder in Haft. Zwei Abgeordnete und 84 Mitglieder sind seit dem
       Putsch getötet worden. Zudem wurde der Besitz vieler Parteiführer
       beschlagnahmt.
       
       Politiker der NLD spielen heute eine wichtige Rolle in der Gegenregierung
       „National Unity Government“ (NUG), die aus dem Untergrund oder Exil heraus
       den zivilen wie militärischen Widerstand gegen die Junta zu koordinieren
       versucht. Bei einer Militärparade am Dienstag bezeichnete Juntachef Min
       Aung Hlaing die NUG als „Terroristen“.
       
       Nach Angaben der myanmarischen [2][Menschenrechtsorganisation AAPP] sind
       seit dem Putsch 3.171 Zivilisten getötet und 20.908 festgenommen worden,
       von denen noch 17.040 inhaftiert sind. Bei mehreren
       öffentlichkeitswirksamen Amnestien wurden vor allem Kleinkriminielle und
       juntanahe Schläger freigelassen und nur wenige politische Gefangene.
       
       29 Mar 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Justizfarce-in-Myanmar/!5905787
 (DIR) [2] https://aappb.org/?p=24551
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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