# taz.de -- Geschichten von Großmüttern: Wandelnde Festplatte
       
       > Die Großmutter unseres Autors war die Hüterin umfassenden Wissens in der
       > Familie. Heute bereut er, vieles davon nicht festgehalten zu haben.
       
 (IMG) Bild: „Eigentlich wollte ich dir selber ein Paar stricken, aber dann hatte ich keine Lust.“
       
       Ich trage immer noch so ein paar Wollsocken, die hat mir meine Oma mal
       geschenkt. Die Socken sind verlebt, die Wollfäden steinhart, die Maschen
       riesig, die Dinger sind weder weich noch halten sie warm. Aber ich komme
       nicht los von ihnen. Ich trage noch zwei Paare drunter.
       
       Um hier gleich jeder Form von falscher Vorstellung zu begegnen: Meine Oma
       war nicht dieser kuschelige, fürsorgliche Typ. Sie hat die Socken auch gar
       nicht selber gestrickt. Sie hat sie einer strickenden Dame im Altersheim
       abgekauft. „Eigentlich wollte ich dir selber ein Paar stricken“, schrieb
       sie mir, etwa 90-jährig, auf dickem rosa Briefpapier, „aber dann hatte ich
       keine Lust.“ Es ist diese Weisheit, die ich liebe, die von mir kommend, in
       meinem Alter, Trotz wäre.
       
       Aus welchem kosmischen Grund auch immer, dieses Jahr war für mich ein Jahr
       der Großmuttergeschichten. Entweder bin ich besonders oft über sie
       gestolpert oder sie liegen dieser Tage einfach mehr im Weg herum. Da ist
       natürlich das kürzlich mit dem Deutschen Buchpreis prämierte [1][„Blutbuch“
       von Kim de l’Horizon], in dem die Großmutter die Adressierte ist. Ich
       schlug „Blutbuch“ auf, gleich nachdem ich „Johnny Appleseed“ zugeschlagen
       hatte, den Roman der kanadischen Oji-Cree Autor*in Joshua Whitehead. Dort
       gibt es eine „Kokum“, von der alles ausgeht und auf die alles hinläuft.
       Meine Kollegin Lin Hierse derweil schreibt [2][in ihrem Buch „Wovon wir
       träumen“] über zwei Großmütter, die sich nur in Träumen treffen können,
       weil sie eine Welt weit auseinander wohnen. Ich las auch [3][Toni Morrisons
       „Solomons Lied“] von 1977 – die Figur Pilate darin ist zwar streng genommen
       eine Tante, aber als ältestes überlebendes Familienmitglied nimmt sie quasi
       die Rolle der Großmutter ein.
       
       Anders als Muttergeschichten handeln Großmuttergeschichten für mich nicht
       nur von Herkunft im Sinne einer jüngeren Vergangenheit. Die
       Großmutterfiguren, als letzte lebende Verbindung zu den Ahnen, werden
       behandelt als so etwas wie Hüterinnen der Mythen, der Traditionen, der
       mündlichen Überlieferung.
       
       ## Gespeichertes Wissen
       
       Und das zu Recht – meine Oma zumindest war eine wandelnde Festplatte. Sie
       hatte gespeichert: Kochrezepte (ohne jede numerische Maßangabe) und
       Hausmittelchen; eine Dialekt-, eine Hoch- und eineinhalb Fremdsprachen; das
       deutsche Steuerrecht und die Weltkarte; Familienstammbäume und -geheimnisse
       bis zurück ins 18. Jahrhundert sowie die Thronfolge der europäischen
       Königshäuser bis zur zwölften Position; die Tatsache, dass Gunda
       Niemann-Stirnemann eigentlich eine geborene Kleemann ist; einen
       Zeitzeuginnenbericht vom NS-Faschismus aus Sicht der untätigen
       nichtjüdischen Bevölkerung; und jede Menge Sprüche, Gedichte, Bauernregeln,
       Redensarten oder überlieferte Weisheiten, mal nützlich, mal chauvinistisch,
       mal längst widerlegt.
       
       Als meine Oma gestorben ist, hatte ich noch nicht kapiert, dass fast alles
       Wissen verloren geht. Dass der Teil, der aufgeschrieben wird, extrem klein
       ist. Und der aufgeschriebene Teil, der wiederum Kanon wird, sogar
       lächerlich winzig. Ich habe erst später kapiert, dass es oft kein Zufall
       ist, was in die Geschichte eingeht und was in den wilden Garten der Oral
       History, nun ja, eingeht. Es hat mit Macht zu tun. Und mit Normen. Das
       rekonstruieren Kim de l’Horizon, Joshua Whitehead, Lin Hierse, Toni
       Morrison und viele andere aus queerer, weiblicher, migrantischer,
       kolonisierter und aus BIPoC-Perspektive: Welche Traditionen hat das
       kanonische Wissen verdrängt?
       
       Das Tragische ist, dass meine Oma ebenso wenig Lust aufs Erzählen hatte wie
       aufs Stricken. Man musste fragen, immer weiter fragen. Jede Frage, die ich
       ihr nicht gestellt habe, nagt heute an mir. Es werden täglich mehr. Also
       behalte ich ihre Socken. Und ihren rosa Brief, mit der unverblümten
       Strickverweigerung. Bloß eins von beiden Artefakten aufzuheben, würde sich
       wie eine Lüge anfühlen. Erst beide zusammen machen die Überlieferung
       komplett.
       
       19 Dec 2022
       
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 (DIR) [1] /Deutscher-Buchpreis-fuer-Kim-de-lHorizon/!5889249
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=uu9DPbTQD2M
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