# taz.de -- AKW Saporischschja in Ukraine: Nukleare Unsicherheitszone
       
       > Putin hat ein Dekret unterzeichnet, um das AKW unter russische Verwaltung
       > zu stellen. Eine Sicherheitszone halten Expert:innen für unrealistisch.
       
 (IMG) Bild: Blick auf das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja in einer Satellitenaufnahme vom 7. August
       
       taz | Noch in dieser Woche wird Rafael Grossi, Chef der Internationalen
       Atomenergiebehörde nach Kiew, Enerhodar und Moskau reisen. Es geht um
       nichts weniger als die Abwendung einer möglichen Katastrophe in Europas
       größtem Atomkraftwerk, dem AKW Saporischschja. Erklärtes Ziel der Reise ist
       die baldige Schaffung einer Sicherheitszone um das Atomkraftwerk in der 160
       Kilometer entfernten Stadt Enerhodar.
       
       Dort ist die Lage tatsächlich sehr angespannt. Am 4. März war Enerhodar und
       das Atomkraftwerk Saporischschja, das in der Stadt liegt, von russischen
       Truppen überfallen und besetzt worden. Seitdem müssen die ukrainischen
       Mitarbeiterinnen unter russischer Besatzung arbeiten. Eine Situation, auf
       die niemand vorbereitet war.
       
       Zwischen dem 30. Juni und dem 2. Juli 2022 war der Kontakt zwischen dem AKW
       und der IAEA in Wien abgebrochen. Immer wieder, so berichten ukrainische
       Medien, seien das Kraftwerk und seine Hochspannungsleitungen von russischen
       Truppen beschossen worden. Russland beschuldigt seinerseits die Ukraine.
       Das ukrainische Militär hat einen Beschuss um das Gebiet des AKWs bisher
       zweimal eingeräumt.
       
       Am 25. August lagen alle sechs Reaktoren des AKWs still, einen Tag später
       waren zwei Reaktoren wieder am Netz. Anfang September hatte Grossi mit
       [1][einer Delegation der IAEA das AKW] besucht. Die Zusammenarbeit zwischen
       den russischen Besatzern und dem ukrainischen Personal [2][klappe auf
       professioneller Ebene einigermaßen], hatte er damals verlauten lassen.
       
       Ihor Muraschow, bis vor Kurzem Generaldirektor des AKW Saporischschja, ist
       hier sicherlich anderer Meinung. Er war am 30. September von russischen
       Militärs festgenommen und an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Vor
       allem den Vermittlungen von IAEA-Chef Grossi ist es zu verdanken, dass er
       am 3. Oktober wieder freigelassen wurde, berichtet der Atomkonzern
       Energoatom auf seinem Telegram-Kanal.
       
       Entführter Generaldirektor 
       
       Auch russische Medien bestätigen diese Entführung, jedoch in einem ganz
       anderen Duktus. Man habe den Generaldirektor auf ein von der Ukraine
       kontrolliertes Gebiet abgeschoben, weil er „die Organe der Russischen
       Föderation diskreditiert hat“, berichtet das Portal rambler.ru unter
       Berufung auf den russischen Fernsehsender Rossia 24. Muraschow habe
       zugegeben, der ukrainischen Seite Informationen über den aktuellen Stand im
       AKW übermittelt zu haben.
       
       Tatsächlich gehört es zu den Aufgaben des Chefs eines ukrainischen
       Atomkraftwerks, die Zentrale des Atomkonzern Energoatom auf dem Laufenden
       zu halten. Die Entführung ist offensichtlich nur die Spitze des Eisbergs.
       Über hundert Mitarbeiter des AKWs seien in ähnlicher Weise Opfer von Terror
       geworden, beklagt der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko
       auf seiner Facebook-Seite.
       
       Der Vorfall um den entführten Generaldirektor macht deutlich, dass es
       Russland nicht ausreicht, das AKW, das weiterhin ausschließlich Teil des
       ukrainischen Stromnetzes ist, besetzt zu halten. Doch die [3][Russen
       versuchen nach wie vor], das AKW an das russische Stromnetz und das Netz
       der Krim anzuschließen, zitiert die ukrainische Nachrichtenagentur Unian
       den ehemaligen Leiter der staatlichen Atomaufsichtsbehörde der Ukraine,
       Hryhorii Plachkov.
       
       Dr. Olga Koscharna, unabhängige Atomexpertin, steht der Schaffung einer
       Sicherheitszone skeptisch gegenüber: „Ich glaube nicht, dass die Russische
       Föderation ihre militärische Ausrüstung und ihr Militär aus dem AKW
       abziehen wird.“ Am 4. Oktober wurden in Russland Gesetze zur Annexion von
       vier ukrainischen Regionen verabschiedet. Dazu gehört auch die Region
       Saporischschja, in dem das AKW liegt. Kurz davor, so Koscharna, sei in
       Moskau die Aktiengesellschaft „Organisation zum Betrieb des AKW
       Saporischschja“ unter einer Moskauer Adresse mit einem Grundkapital von
       zwei Milliarden Rubeln registriert worden. Am Mittwoch unterzeichnete Putin
       zudem ein Dekret, dass das AKW unter russische Verwaltung stellen soll.
       
       Auch von den ukrainischen Plänen, zwei Reaktoren wieder anlaufen zu lassen,
       hält die Expertin wenig: „Mit der Inbetriebnahme von zwei Blöcken steigen
       die Risiken von Notfällen, die zum Beispiel nach einem Beschuss von
       Stromleitungen eintreten können. Und dann kann es zu Schnellabschaltungen
       von Reaktoren kommen. Nukleare Sicherheit und Strahlensicherheit sollten
       Vorrang vor wirtschaftlichen und sozialen Erwägungen haben.“
       
       5 Oct 2022
       
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