# taz.de -- Juventus Turin in der Krise: Strafcamp und pure Verzweiflung
       
       > Vor dem Stadtderby gegen den FC Turin befindet sich Juventus in prekärer
       > Lage. Den Verein plagen Schulden und wenig Punkte.
       
 (IMG) Bild: Mitleideserregend: Kapitän Bonucci verbirgt sein Gesicht in seinem Trikot, Teamkollege Alex Sandro fühlt mit
       
       Der Absturz könnte schlimmer kaum sein. Auf Platz 8 mit 10 Punkten
       Rückstand auf Tabellenführer Neapel steht der einstige Branchenführer
       Juventus Turin in der Serie A. In der Champions League muss Juve nach drei
       Niederlagen darum bangen, die K.-o.-Runde zu erreichen. Zur spielerischen
       Dürftigkeit und zur riesengroß klaffenden Finanzlücke von mehr als 250
       Millionen Euro in der letzten Bilanz kommt jetzt noch hinzu: Nicht einmal
       ein anständiges Straftrainingslager klappt.
       
       Nach der bitteren 0:2-Pleite gegen Maccabi Haifa hatte [1][Präsident Andrea
       Agnelli] verbal geschäumt: „Ich schäme mich dafür, was geschehen ist. Ich
       bin wütend.“ Er konstatierte einen Mangel an Einstellung bei vielen
       Spielern und eine „negative Alchemie“ zwischen Spielern und Trainerstab.
       Ganz offen drohte er: „Egal, um wen es sich handelt, wie viel er verdient
       oder wie sein Status ist: Wer jetzt nicht Herz und Seele zeigt, ist weg von
       Juventus.“
       
       Das ist pure Verzweiflung. Was macht ein überforderter Alchemist, wenn die
       Substanzen nicht so reagieren, wie es im Schwarzen Buch steht? Er kippt
       noch ein paar Mittelchen mehr hinein und lässt die Flammen höher lodern.
       Dabei allerdings fing die ganze Bude Feuer. Denn das angedrohte
       Straftrainingslager machte die Fliehkräfte bei Juventus Turin nur noch
       deutlicher. Angel de Maria setzte sich nach Ankunft aus Israel einfach in
       seinen Jeep und brauste davon.
       
       Gut, der Argentinier war angeschlagen. Aber wenn bei Motivationsevents wie
       einem Trainingslager hinter verschlossenen Türen ausgerechnet die, die
       besonders motiviert werden müssen, fehlen, darf man am dem Sinn des Ganzen
       zweifeln. Weil auch andere Spieler desertierten, wurde das Strafcamp um
       eine Nacht verkürzt. Selbst die Hardcore Fanpostille Radio Bianconero
       spottete und bezeichnete die Disziplinarmaßnahme als simple „Einladung zum
       Essen“. Kapitän Leonardo Bonucci wurde vorgeworfen, der Binde nicht würdig
       zu sein, weil er eben die Truppe nicht zusammenhalte.
       
       ## Schon lange ohne Spielidee
       
       Das stimmt. Es fehlt diesem wild zusammengekauften Haufen an Struktur und
       Zusammenhalt. Man kann die Spieler dafür verantwortlich machen. So lustlos
       und planlos, wie sie gegen Haifa agierten, bieten sie breite
       Angriffsfläche. Aber auch Coach Massimiliano Allegri wirkt ratlos. Ihm
       gelingt es nicht, dauerhaft die Defensive zu stabilisieren, einst das
       Prunkstück der Alten Dame.
       
       Eine Spielidee erwartet man schon lange nicht mehr von ihm. [2][Er war nach
       den fehlgeschlagenen Revolutionsversuchen] in Sachen Spielkultur durch die
       Trainer Maurizio Sarri und Andrea Pirlo mit der untersten Anspruchshaltung
       geholt worden: Ergebnisse sollten her, egal wie. Aber das misslingt enorm.
       Die noch humoristisch gestimmten unter den enttäuschten Fans
       veröffentlichten ein Fahndungsplakat: Gesucht werde ein 55-jähriger Mann
       aus Livorno, der seit zehn Jahren vortäusche, Fußballtrainer zu sein.
       Allegri, Jahrgang 1967, kommt aus Livorno.
       
       Die meisten suchen die Fehlerquelle aber weiter oben in der Hierarchie,
       beim Präsidenten Agnelli. Die für ihre verbale wie physische Rabiatheit
       berüchtigten Hooligans des, nun ja, Fanklub Vikings ätzten, dass, solange
       Agnelli nur „die Farbe der Vorhänge in den Büros und die Dicke des
       Toilettenpapiers in den Bädern der 1. Mannschschaft bestimmt“ habe, sei
       alles prima gelaufen. Die Titel kamen, und auch das Finale der Champions
       League wurde erreicht. Dann aber habe er tatsächlich Präsident spielen
       wollen. Er jagte Giuseppe Marotta weg, den Sportdirektor, der Juventus nach
       dem Zwangsabstieg aufgebaut hatte, und auch die Trainer Sarri und Pirlo.
       „Er ließ sogar die Streifen auf dem Trikot verschwinden, schaffte das
       traditionsreiche Logo ab und vertrieb die Ultras aus dem Stadion.“
       
       Die Analyse hält in weiten Teilen der Realität stand. Seitdem der
       Industriellensohn sich von seinen kompetentesten Mitarbeitern trennte, am
       Erscheinungsbild herumdokterte und der alchemistischen Idee erlag, die
       Millionen, die man für einen Cristiano Ronaldo braucht, brächten
       automatisch die Champions League, geht es im Sauseschritt bergab. [3][558
       Millionen Euro Mehrausgaben] bei Spielerkäufen leistete sich Juventus seit
       2018, errechnete die Gazzetta dello Sport. Die sportliche Bilanz seitdem
       ist aber mager. So mager, dass vor dem Stadtderby am Samstagabend gegen den
       eigentlich mittelprächtigen FC Turin Juventus für manche als Außenseiter
       gilt.
       
       15 Oct 2022
       
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