# taz.de -- Rassismus gegen Russen im Ukraine-Krieg: Kein Ork-Volk
       
       > Die Gewalt der russischen Armee erschüttert. Doch auch in Russland gibt
       > es sehr verschiedene Menschen, von denen viele selbst denken können.
       
 (IMG) Bild: Die russischen Invasoren werden von den Ukrainern teils als „Orks“ bezeichnet
       
       In Kriegszeiten dämonisieren Menschen ihre Gegner vielfach. Die russischen
       Invasoren werden von den Ukrainern beispielsweise als „Orks“ bezeichnet.
       Das ist verständlich, bedenkt man die Brutalität und Sinnlosigkeit des
       Angriffskrieges, unter dem sie zu leiden haben.
       
       Aber so nachvollziehbar das ist, so gefährlich ist es auch. Denn diese
       Dämonisierung verzerrt den dringend nötigen Sinn für Realitäten. Auch in
       den deutschen Medien vermehren sich zurzeit die Beiträge, die die russische
       Gesellschaft mehr oder weniger darstellen, als wäre sie eine von Orks.
       
       Orks sind dunkelhäutige, sehr muskulöse Wesen aus diversen Fantasieromanen.
       Sie sind allesamt extrem aggressiv, egoistisch und meist auch dumm. Schon
       ihre Kinder werden zur Gewalt erzogen. Entscheidend ist: Sie sind so. Alle.
       Ihre „Kultur“ ist eben so, könnte man sagen.
       
       Auch die russische Gesellschaft „scheint“ eben so zu sein, glaubt man
       beispielsweise der in den letzten Monaten so oft wiederholten Behauptung,
       70 bis über 80 Prozent der russischen Bevölkerung stünden stramm hinter
       Putin.
       
       Ergänzend erscheinen seit Beginn des Krieges immer wieder Medienbeiträge,
       die „die russische Kultur“ darstellen, als wäre diese ein Programmiercode,
       der „den Russen“ eingeschrieben ist und sie lenkt.
       
       „Die Russen“ seien halt eine kollektivistische Gesellschaft und müssten
       erst lernen, selbstständig zu denken, hieß es beispielsweise [1][in der
       taz]. Andere behaupten dagegen, in Russland herrsche ein [2][„aggressiver
       Individualismus“]. Wieder andere schreiben, die Russen seien mehrheitlich
       eben abergläubisch, gewalt- und obrigkeitshörig und überhaupt seit Langem
       sehr rückständig. Die Autor*innen solcher Texte haben oftmals selbst
       russische Namen. Und wenn die Russen das selbst sagen, dann wird es schon
       stimmen, denken sich die jeweiligen Redakteure vermutlich.
       
       Ein [3][weiterer taz-Artikel] begründete die Gewalt der russischen Soldaten
       damit, dass sie „tief in Russlands Gesellschaft verankert“ sei. Überall
       setzten sich die Stärkeren mit Gewalt durch. „Die Menschen“ in Russland, so
       der Artikel, finden, dass Kinder abgehärtet gehören. Demütigung, Strafe,
       Brutalität. „Die Menschen“ heißt: alle. „Die Gesellschaft“ heißt: alle.
       Auch in deutschen Talkshows werden solche Behauptungen verbreitet.
       
       Die gesamte russische Gesellschaft ist also durchsetzt von Gewalt,
       Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Eine Ork-Gesellschaft halt. Aber stimmt
       das denn auch? Unwahrscheinlich. So ist Kultur nicht und so sind
       Gesellschaften nicht.
       
       Gerade die russische Gesellschaft ist divers: Sie besteht aus verschiedenen
       Klassen, Altersgruppen, Bildungsgruppen, Ethnien, politischen Strömungen,
       Leuten vom Land, Leuten aus den Metropolen. Es gibt in jedem Land
       verschiedene Menschen mit verschiedenen Meinungen. Dass eine Gesellschaft
       weniger individualistisch ist als westliche Gesellschaften, heißt nicht,
       dass deren Angehörige allesamt Vollidioten sind, die weder klar noch
       kritisch denken können. Darum ist es sinnvoll, skeptisch auf solche
       Behauptungen zu reagieren. Entsprechen sie den Fakten?
       
       Dass bis zu 83 Prozent der Menschen in Russland für den Krieg seien, ist
       Unsinn. Das zeigen die teils heftigen Proteste gegen die Mobilmachung.
       Trotz der drakonischen Strafen, die bei solchen Protesten drohen.
       
       Der Moskauer Soziologe Boris Kagarlizky, Direktor des russischen Instituts
       für Globalisierung und soziale Bewegungen, erklärt, dass [4][meist nur
       diejenigen an den offiziellen, meist telefonischen Befragungen zum Krieg
       teilnehmen, die das erwünschte Ergebnis von vornherein unterstützten]. Der
       allergrößte Teil lehnt eine Befragung ab, weil die Leute Angst vor Strafen
       haben.
       
       [5][Realistischer ist die Einschätzung], dass sich die russische
       Gesellschaft etwa in drei große Lager spaltet. Laut einem geleakten
       Dokument des staatsnahen Umfrageinstituts WZIOM sind etwa 30 Prozent der
       Menschen in Russland gegen den Krieg. Auch schon vor der Mobilmachung.
       Diese stammen eher aus den Metropolen und sie sind eher jung. Ein weiter
       Block gehört zu den „Cheerleader*innen“ des Krieges: Leute, die Krieg und
       Putin unterstützen. Der dritte, größere Block will seine Ruhe und ist
       politikfern. Für diese Verhältnisse gibt es verschiedene Gründe:
       Erfahrungen der Bevölkerung mit autoritärer Herrschaft, die extrem
       schlechte politische und wirtschaftliche Lage in den 90ern, Propaganda in
       den Medien und so weiter.
       
       Junge russische Aktivist*innen [6][ärgern sich auf Twitter], dass der
       fehlende Widerstand in der russischen Bevölkerung auf angebliche
       „Mentalitätsunterschiede“ zurückgeführt würde und nicht auf die
       systematische Zerstörung der Zivilgesellschaft. Das trifft es ziemlich
       genau.
       
       Seriöse Medien sollten nicht leichtfertig ein Bild verbreiten, das zur
       Dämonisierung beiträgt. Die Behauptung von „der russischen Gesellschaft“,
       die angeblich ihre Kinder traumatisiert und brutalisiert, muss hinterfragt
       und präzisiert werden.
       
       In dem Artikel über die gewalttätige russische Gesellschaft wird etwa als
       einzige harte Zahl erwähnt, dass mindestens ein Fünftel der Frauen in
       Russland Gewalt in der Partnerschaft erlebt haben. Das ist übel und sehr
       bekämpfenswert. Aber es belegt nicht die Behauptung, dass Gewalt die
       gesamte Gesellschaft durchsetzt. Laut einer repräsentativen Umfrage des
       Bundesfamilienministeriums erklärten auch in Deutschland im Jahr 2004 25
       Prozent der Frauen, dass sie schon einmal Gewalt in der Beziehung erlebt
       haben.
       
       Um es klarzustellen: Es kann sehr wohl sein, dass Gewalt in der russischen
       Gesellschaft ein größeres Problem ist als in Deutschland. Was mit
       Sicherheit ebenfalls wahr ist: Auch in Russland gibt es sehr verschiedene
       Menschen, von denen viele selbst denken können. Wer eine Gesellschaft
       darstellt, als wären deren Angehörige allesamt fremdgesteuerte Gewaltwesen,
       fördert eine rassistische Sichtweise, die nur wenig mit der Realität zu tun
       hat.
       
       6 Oct 2022
       
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