# taz.de -- Partnerschaft mit Kanada unterzeichnet: Wasserstoff als Hoffnungsträger
       
       > Deutschland und Kanada haben ein Abkommen zum Export von Wasserstoff
       > vereinbart. Die ersten Lieferungen sollen 2025 beginnen.
       
 (IMG) Bild: Wo geht's hier zum Wasserstoff? Bundeskanzler Scholz und Kanadas Premier Trudeau
       
       Calgary taz Auch in Neufundland ist der Weg in eine grüne Zukunft kein
       Selbstläufer. Als Olaf Scholz zum Abschluss [1][seines dreitägigen Besuchs
       in Kanada] am Dienstag in der Kleinstadt Stephenville eintraf, standen die
       Demonstranten schon bereit. „Neufundland steht nicht zum Verkauf“, hatte
       eine Frau auf ihr Plakat geschrieben, eine andere forderte: „Keine
       Windräder. Rettet unsere Tierwelt.“
       
       Rund fünfzig Demonstranten hatten sich vor einer Industriehalle am Hafen
       von Stephenville versammelt, um dem Kanzler und dem kanadischen
       Premierminister Justin Trudeau klarzumachen, dass der Aufbruch in eine
       emissionsfreie Energiegewinnung aus ihrer Sicht noch längst keine
       beschlossene Sache ist. Jedenfalls nicht in Stephenville an der
       windgepeitschten Westküste der Insel Neufundland.
       
       Drinnen in der Halle sah man die Sache naturgemäß anders. Der Kanzler
       sprach von einer „gewaltigen Chance“, Trudeau gar von einem „historischen
       Schritt nach vorne“. Gemeint haben die beiden damit nicht nur einen
       geplanten neuen Windpark in Stephenville samt Wasserstoffanlage. Sondern
       vor allem das erste offiziell zwischen Deutschland und Kanada
       abgeschlossene Abkommen zum Export von grünem Wasserstoff, das zuvor in
       ihrem Beisein feierlich unterzeichnet worden war.
       
       Vereinbart haben beide Länder eine spezielle Energiepartnerschaft: Kanada
       stellte in Aussicht, mit Hilfe erneuerbarer Energiequellen wie Wasser oder
       Wind grünen [2][Wasserstoff] für den Export zu produzieren. Deutschland
       sagte im Gegenzug zu, die Importeure und Verbraucher der aus Wasserstoff
       gewonnen Kraft- und Brennstoffe zu unterstützen. Erste Lieferungen nach
       Deutschland sollen schon ab 2025 erfolgen.
       
       Bei der [3][Herstellung und Nutzung von grünem Wasserstoff] entstehen keine
       Treibhausgase. Allerdings muss dafür mit großem Energieaufwand Wasser in
       Wasserstoff und Sauerstoff gespalten werden. Für den Transport per Schiff
       wird der Wasserstoff in Ammoniak umgewandelt. Vor Ort dient der Rohstoff
       dann als Basis für Kraft- und Brennstoffe, um fossile Energieträger wie
       Kohle, Öl und Erdgas abzulösen.
       
       Der vereinbarte Zeitplan ist ehrgeizig: Zwar gilt die Atlantikküste von
       Kanada als idealer Standort, denn es gibt dort viel Wind und Wasserkraft.
       Noch gibt es in der Region aber keine Terminals und Anlagen, die für den
       Export geeignet wären. Laut kanadischer Regierung befinden sich derzeit 15
       Projekte in der Planungsphase und in Kanada hofft man, dass bis 2025 ein
       oder zwei davon einsatzbereit sind.
       
       ## Das 12-Milliarden-Dollar-Projekt
       
       Eine der Anlagen ist in Stephenville geplant. Ein kanadisches Konsortium
       will dazu auf einer nahen Halbinsel 164 Windkraftanlagen bauen, zwei
       weitere Windparks ähnlicher Größe sollen später folgen. Der damit
       generierte Strom soll dann in einer Anlage im Hafen von Stephenville bei
       der Herstellung von Wasserstoff und Ammoniak verwertet werden. Zwölf
       Milliarden Dollar soll das Projekt kosten.
       
       Weitere Projekte dieser Art sind bereits in der Pipeline. Am Rande des
       Scholz-Besuches vereinbarten der Düsseldorfer Uniper-Konzern und
       Deutschlands größter Energieversorger Eon ebenfalls Verträge zur Lieferung
       von grünem Wasserstoff. Die dazu nötige Anlage in Point Tupper der Provinz
       Nova Scotia wird bereits gebaut. Geliefert werden sollen ab 2025 je 500.000
       Tonnen in Form von grünem Ammoniak.
       
       „Die Transformation unserer Industrie geht weiter. Dies ist ein wichtiger
       Schritt nicht nur zur Stärkung unserer bilateralen Wirtschaftsbeziehungen,
       sondern auch für eine zukunftsorientierte und nachhaltige
       Energieversorgung“, lobte der Kanzler die Abkommen der Unternehmen.
       Premierminister Trudeau schwärmte: „Wir haben hier in Kanada ein Angebot zu
       machen, auf das die Welt wartet.“
       
       Kanada ist einer der Vorreiter in der Wasserstofftechnologie. Das Land
       zählt zu den zehn größten Produzenten weltweit. Bislang wird der
       Wasserstoff in den meisten Fällen noch mit Hilfe von Erdgas produziert,
       gilt also nicht als klimaneutral. Mehr als einhundert Unternehmen arbeiten
       in Kanada an der grünen Version. Für den heimischen Markt gibt es bereits
       die ersten Produktionsstätten.
       
       Im Rahmen ihrer Wasserstoff-Strategie hat sich die Regierung Kanadas zum
       Ziel gesetzt, ihr Land bis 2050 zu den Top-3-Produzenten weltweit
       auszubauen. Dazu stellt sie den beteiligten Unternehmen rund neun
       Milliarden Dollar an Fördergeldern und Steuererleichterungen zur Verfügung.
       Wenn alles gutgeht, könnten in der Branche laut Schätzungen mehr als
       300.000 neue Jobs entstehen.
       
       Bis es so weit ist, muss aber auch in Kanada noch Überzeugungsarbeit
       geleistet werden. Zum Beispiel bei Demonstranten wie Marilyn Rowe, die mit
       ihrem Protestschild eigens nach Stephenville gekommen war. Rowe wehrt sich
       gegen das gewaltige Ausmaß der geplanten Windparks in ihrer Nachbarschaft.
       Sie fühle sich als „Versuchskaninchen“, klagte sie. Als ein Opfer im
       globalen Wettlauf um die Energiequellen der Zukunft.
       
       24 Aug 2022
       
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