# taz.de -- Debatte um deutsche Olympiabewerbung: Es geht ohne Olympia
       
       > Die European Championships sind erfolgreich, weil sie ohne Gigantomanie
       > auskommen. Das Event in München sollte wegweisend für den Sport sein.
       
 (IMG) Bild: Reklamereife Kulisse: Mittelstreckler bei der EM im Münchner Olympiastadion
       
       München taz | In München freuen sie sich gerade. Es ist ja auch wirklich
       schön bei den European Championships. [1][Es wird gestrahlt und gefeiert,
       es wird getanzt und gechillt]. Medaillen regnen auf das deutsche Team
       hernieder, dass es eine wahre Freude ist. Sogar Leichtathletinnen und
       Leichtathleten, die es bei der WM im vergangenen Monat nur zwei Mal aufs
       Podest geschafft haben, gewinnen einen Wettbewerb nach dem anderen. Die
       Radler auf der Bahn machen das sowieso. Und wo es nicht so gut läuft wie
       bei den Ruderern, da kann man sich freuen an den schönen Sportanlagen, die
       vor 50 Jahren zu den Olympischen Spielen in München errichtet worden sind
       und weiter genutzt werden.
       
       Fröhlich geht es in der Stadt zu. So heiter könnte es damals gewesen sein
       an den ersten zehn Tagen der Olympischen Spiele 1972, an die allüberall in
       der Stadt erinnert wird in diesen Tagen. Und schon werden die Rufe lauter
       nach einer neuen Olympiabewerbung. Die Europameisterschaften in neun
       Sportarten sind längst zu einem Werbewerkzeug für eine deutsche
       Olympiabewerbung geworden. Kein Tag vergeht, ohne dass das Thema Olympia in
       Deutschland angesprochen wird.
       
       Bayerns Innen- und Sportminister Joachim Herrmann (CSU) sagte der
       Rheinischen Post: „Ich hoffe, dass diese European Championships ein Zeichen
       dafür sind, dass wir in Deutschland wieder Olympische Spiele austragen
       werden.“ Marion Schöne, die Geschäftsführerin der Olympiapark GmbH und
       Cheforganisatorin der Münchner Europameisterschaften, hatte gar schon vor
       der Eröffnung des Turniers von einem Schritt Richtung Olympische Spiele in
       Deutschland gesprochen.
       
       Sportlerinnen und Sportler müssen bei ihren Siegerinterviews Fragen nach
       Spielen im eigenen Land beantworten. „Das wäre schon ein Ding“, wird
       Marathon-Europameister Richard Ringer zitiert, obwohl er doch auch
       angemerkt hat, dass Olympische Spiele „in der heutigen Zeit“ kaum zu
       stemmen sind. Alexandra Burghardt, die Sprinterin, die als Bob-Anschieberin
       in Peking Silber gewonnen hat, [2][wünscht sich Olympia im eigenen Land]
       für die Kinder ihrer Trainingsgruppe. Und DOSB-Vizepräsidentin Verena
       Bentele meint, dass die European Championships eine „Referenzveranstaltung“
       für eine Olympiabewerbung sein können.
       
       ## Familäre Atmosphäre
       
       An [3][die gescheiterten Olympiabewerbungen der vergangenen Jahrzehnte]
       scheint bei der Eventbegeisterung, die gerade in München herrscht, niemand
       zu denken. Und auch die Idee, dass die Europameisterschaften so gut
       ankommen, weil sie eben nicht so groß und gewaltig sind, geht bei den
       Olympiafans unter. So dürfen die Fans zu den Leichtathletik-Wettbewerben
       ins Olympiastadion ganz normale Rucksäcke mitnehmen, gefüllt mit Brotzeit
       und Getränken.
       
       Wer Sportler hautnah erleben möchte, sucht sich eine schöne Stelle im
       Olympiapark, und es ist nicht unwahrscheinlich, Athleten beim Schlendern
       durch die Parkanlagen zu begegnen. Am Tag vor dem Triathlon fuhren zwei
       norwegische Sportler mit ihren Rennrädern die Laufstrecke ab. BMX-Artisten
       lümmelten neben Familien auf der Wiese vor der Wettkampfstätte. Ein Trainer
       bummelt mit den lettischen Turnerinnen über die Wiesen.
       
       Was da gerade in München stattfindet, ist gewiss Werbung. Es ist eine
       Reklameveranstaltung für Sportereignisse in überschaubarer Größe. Die
       European Championships zeigen, dass der Sport keine Olympischen Spiele
       braucht, um zum Hingucker zu werden. Sportbegeisterung kann auch eine EM im
       Beachvolleyball auslösen, auch wenn sich der sportliche Wert des
       Wettbewerbs im Vergleich zur World Beach Pro Tour in überschaubaren Grenzen
       hält.
       
       In Grenzen halten sich auch die Kosten der Championships. Auch wenn der
       Etat mit 130 Millionen Euro nicht gerade niedrig ist, wirkt er lächerlich
       klein im Vergleich zu dem, was für Olympische Spiele ausgegeben wird.
       Olympia in Tokio 2021 soll 12 Milliarden Euro gekostet haben. Und was alles
       angeschafft werden muss, das bestimmt das Internationale Olympische
       Komitee, dessen Knebelverträge weder transparent noch zumutbar sind. Eine
       Ausrichterstadt muss sich für kleinere Sportspiele zudem nicht völlig neu
       erfinden. Sie kann nutzen, was sie an Sportstätten hat. Die Teams und
       Berichterstattenden kommen in Hotels unter. Für sie müssen keine
       Trabantenstädte aus dem Boden gestampft werden.
       
       Ja, die European Championships können eine tolle Sache sein. Werbung für
       Olympia sind sie nicht. Im Gegenteil.
       
       17 Aug 2022
       
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 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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